Destinationen bei einer Ostseekreuzfahrt: Helsinki auf dem dritten Platz

Das Forschungszentrum TAK hat 2019 im Auftrag der Stadt Helsinki eine Untersuchung durchgeführt, in der geklärt werden sollte, wie der typische Kreuzfahrtgast sich in Helsinki verhält, wie viel Geld er oder sie hierlässt,  was er oder sie von Helsinki sieht und ob man die Stadt weiterempfehlen würde. Dafür wurden in der Saison 2019 insgesamt 1272 Gäste Crewmitglieder (letztere jedoch nur insgesamt 80 Personen) befragt, die auf dem Weg zurück zum Schiff waren Die Ergebnisse sind auf Finnisch unter https://www.portofhelsinki.fi/sites/default/files/attachments/Risteilymatkustajat%202019.pdf zu finden (wer nachlesen möchte und kann), für die des Finnischen Unkundigen habe ich im Folgenden die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst. Aber natürlich gebe ich auch meinen eigenen Senf dazu, wie üblich, es soll ja einen Mehrwert an Informationen geben, auch für diejenigen Fremdenführerkolleg*innen, die die Studie auf Finnisch bereits kennen.

Am zweithäufigsten gesehen: Der Dom.

Der typische Kreuzfahrtgast lässt in Helsinki weniger Geld, nämlich 54 Euro am Tag, als der typische Nicht-Kreuzfahrtgast. Letzterer gibt 84 Euro am Tag aus. Grund dafür ist übrigens auch, dass Helsinki eine gutbesuchte Konferenzstadt ist und Konferenzgäste im Vergleich sehr viel Geld dalassen.

Die Kreuzfahrtgäste gaben 2019 im Hauptstadtbereich insgesamt 25 Millionen Euro aus, während die anderen Gäste zusammen 1,4 Milliarden € (1 427 Millionen €) da ließen.

Am meisten Geld floss für Restaurant- und Kaffeebesuche, nämlich insgesamt 11 Millionen Euro, was ungefähr 0,8 % des gesamten Verkaufsvolumens der Verköstigungsbranche darstellt.

Wer Pilzfan ist, der findet garantiert etwas Gutes an der finnischen Küche.

Für Rundfahrten öffneten die Kreuzfahrtgäste ihr Portemonnaie in der Höhe von insgesamt 6,5 Millionen Euro, für die an den Rundfahrten beteiligten Transportunternehmen und Fremdenführer handelt es sich aber um eine beträchtliche Summe.

Das Forschungsinstitut schlussfolgert, dass die Kreuzfahrtindustrie insgesamt für das Wirtschaftsleben nicht von großer Bedeutung sei, jedoch sehr wohl für die Firmen, die Ausflüge organisieren und daran beteiligt sind, die Stadt den Gästen zu zeigen. Ehrlich gesagt, frage ich mich, wie man voreilig auf diese oberflächliche Konsequenz zieht. Ein zufriedener Kreuzfahrtgast empfiehlt in seiner Firma, im Freundes- und Bekanntenkreis Helsinki weiter, so dass in den folgenden Jahren große wissenschaftliche oder medizinische Kongresse hierherkommen und dann das lukrativere Geschäft nachzieht. Jeder kann das für sich selbst überprüfen. Bevor wir irgendwohin fahren – fragen wir nicht unsere Freunde und Bekannten, wie es dort gewesen ist, wenn sie gerade dort gewesen sind?

2019 – im bisher besten Jahr überhaupt – besuchten uns insgesamt 309 internationale Kreuzfahrtschiffe.

Da die Saison sich in der Hauptsache auf die Monate von Juni bis August erstreckt (mit dem ersten Kreuzfahrtschiff Ende April oder Anfang Mai und den letzten beiden Aidas im Oktober), kommt man auf einen Durchschnitt von 3-4 Schiffen pro Tag in der Saison. Im Maximalfall haben wir sechs Schiffe gleichzeitig im Hafen: drei (je nach Größe) in Hernesaari, eins am Anleger direkt am Markt, eins am Ende der Halbinsel Katajanokka und ein weiteres im Westhafen (eher der seltene Fall) am Terminal 1 (das neuere Terminal 2 ist in ständiger Verwendung der Talinn-Fähren). Je nach Gästekapazität macht das ein Gästevolumen von garantiert über 10.000 Kreuzfahrtgästen gleichzeitig in der Stadt. Zumal die Kreuzfahrtschiffe im Durchschnitt immer größer werden. Von denen gehen dann knapp 70% auch an Land. Bei der Untersuchung fand man genau das heraus: An Land gegangen sind 419.000 (69 %) der insgesamt 603.000 Kreuzfahrtgäste.

2018 ging die alte Hanseatic in Ruhestand. Sie war 2006 das erste Kreuzfahrtschiff, das im finnischen Hafen von Kristiinankaupunki anlegte.

Mehr als 7000 Gäste, die über den Marktplatz schlendern, machen sich also definitiv bemerkbar.

Über 161 der Schiffe von 2019 hatten über 2000 Gäste an Bord. Insgesamt wurden auf ihnen 538.000 Gäste nach Helsinki gebracht. Kleinere Kreuzfahrtschiffe mit maximal 2000 Gästen gab es insgesamt 148 mit insgesamt 114.000 Gästen. Da das Luxussegment sich ausschließlich im Bereich der kleineren Schiffe befindet, wurde für die Untersuchung in diese zwei Kategorien aufgeteilt: „Premium“ mit Schiffen von maximal 2000 Gästen und „Massenkähne“ mit über 2000 Gästen. 

Die MS Amadea von Phoenixreisen an der Anlegestelle von Katajanokka, sie ist im Augenblick das „Traumschiff“ der Deutschen.

Helsinki als Einsteigehafen hat – leider – nur ganz marginal Bedeutung, 2019 gab es gerade einmal circa 2000 Gäste, für die hier ihre Kreuzfahrt begann. Für Destinationen ist es im Allgemeinen sehr lukrativ, Ein- und Aussteigehafen zu sein, weil dann mit Pre- und After-Paketen noch zusätzliche Leistungen verkauft werden können. Hier steht aber die geografische Lage im Weg, auf der typischen Ostseekreuzfahrt liegt man nun halt zwischen St. Petersburg und Stockholm, was will man da machen?

Weitere zentrale Ergebnisse waren:

Vom Personal haben dann noch zusätzliche 41.000 Bedienstete die Stadt besucht.

Knapp 20% der Gäste kamen mit „Premium-Schiffen“. Diese gaben an, durchschnittlich 67 Euro pro Gast an Land ausgegeben zu haben.

Im ”Massensegment” waren ein Drittel Deutsche und bei den Premium-Schiffen waren die Hälfte der Gäste Amerikaner. In der „Holzklasse“ wurden durchschnittlich 52 Euro pro Gast ausgegeben.

Ein knappes Drittel der Gäste bewegte sich Helsinki ausschließlich mit dem Bus – buchte also die klassische „Panoramatour“. Die häufigste Kombination war „Bus und zu Fuß“, vier von zehn gaben das an. Immerhin jeder siebte Gast (14%) war nur auf Schusters Rappen unterwegs. Von den Gästen, die an den Anlegern in Hernesaari (dort sind die Kais für große Schiffe, circa 45 Minuten zu Fuß vom Zentrum entfernt) ankamen, waren es immerhin noch 11%, die nur zu Fuß unterwegs waren. Zu den verschiedenen Anlegern habe ich einen eigenen Blog verfasst.

Von allen Gästen kauften 60% keine Dienstleistungen vom Schiff, die sich auf den Aufenthalt in Helsinki bezogen hätten, 36% kauften einen Ausflug und 5% etwas Anderes. „Etwas Anderes“ könnte ein reiner Transfer oder Shuttle ins Zentrum gewesen sein (meine Vermutung, weil nicht viel anderes in Frage kommt). Etwas überraschend ist, dass im Premium-Segment sogar etwas weniger Ausflüge und andere Dienstleistungen über das Schiff erworben werden. Das könnte einerseits dadurch bedingt sein, dass die Premium-Schiffe oft direkt am Marktplatz oder am Kai in Katajanokka liegen, so dass die Gäste vieles privat unternehmen können, ohne einen Shuttle oder einen Ausflug buchen zu müssen. Andererseits könnte es auch daran liegen, dass Gäste in diesem Segment auch öfter privat einen Ausflug buchen, z.B. über Anbieter wie www.toursbylocals.com . Diese haben ihr Angebot auf die Kreuzfahrtgäste abgestimmt und bieten unter Umständen Ausflüge an, die die Agentur nicht im Angebot hat oder die aufgrund von geringer Nachfrage nicht gebucht wurden. So biete ich z.B. über diesen Dienst eine Spezialführung für englischsprachige Gäste an, deren Vorfahren aus Finnland stammen. Mir fiel bereits seit Jahren auf, dass eine Reihe von typischerweise amerikanischen Gästen gerade deswegen eine Ostseekreuzfahrt bucht, um das Land ihrer Vorfahren kennenzulernen. Ich hatte sehr nette Begegnungen mit Amerikanern, die gut auf Finnisch fluchen konnten, weil das das Einzige war, was sie von ihren Eltern gelernt hatten! Diese Gäste sind immer wieder erstaunt, dass die meisten Kirchenbücher öffentlich völlig kostenfrei im Internet zugänglich sind, manch einem habe ich geholfen bei der Suche nach seinen Vorfahren und / oder Verwandten in Finnland. Und natürlich darüber auch Blogs geschrieben: https://claudiashelsinki.com/2020/05/30/ancestry-research-in-finland-seven-tips-to-get-you-going/ und https://claudiashelsinki.com/2019/03/30/finnland-als-traumland-fuer-ahnen-forscher/.

Durchschnittlich verbrachten die Gäste in Helsinki fast fünf Stunden.

Nr. 2 auf der Liste

Und was hat man gesehen?

Hier die Rankinglist der Sehenswürdigkeiten:

  1. Marktplatz (84%)
  2. Dom (79%)
  3. Felsenkirche (52%) siehe mein Blog: https://claudiashelsinki.com/2019/01/11/die-felsenkirche-und-ihre-kleine-schwester-in-kivenlahti-espoo/
  4. Uspenski-Kathedrale (51%)
  5. Esplanadenpark (41%)
  6. Sibelius-Monument (36%)
  7. Parlamentsgebäude (34%)
  8. Warenhaus Stockmann (21%)
  9. „Irgendein anderes Einkaufzentrum“ (17%)
  10. Oodi-Bibliothek (15%), siehe mein Blog: https://claudiashelsinki.com/2018/12/08/oodi-das-neue-wohnzimmer-im-zentrum-von-helsinki/ und https://claudiashelsinki.com/2019/09/08/lorbeeren-fuer-oodi/
  11. Finlandia-Halle (10%)
  12. Suomenlinna (9%), siehe mein Blog: https://claudiashelsinki.com/2018/10/20/finnlands-ganz-besondere-leuchttuerme-oder-finnisch-schwedische-kuriositaeten/ und https://claudiashelsinki.com/2021/11/07/kekri-das-finnische-halloween/
  13. Musikhaus (7%)
  14. Park Kaivopuisto (4%)
  15. Kunstmuseum Kiasma (4%)
  16. Nationalmuseum (4%)
  17. Stadtteil Kallio (das „Kreuzberg“ von Helsinki) (4%)
  18. Vergnügungspark Linnanmäki (4%)
  19. Sauna „Löyly“ (3%), siehe mein Blog: https://claudiashelsinki.com/2021/09/19/loeyly-original-finnisch-saunen-fast-direkt-am-kreuzfahrtanleger-hernesaari/
  20. Schwimmbad und Sauna „Allas“ (3%)
  21. Freilichtmuseum Seurasaari (1%)
  22. Irgendeine Veranstaltung (1%)
  23. Zoo Korkeasaari (1%)
  24. Nichts von dieser Liste (1%)
Suomenlinna

Am meisten gefallen hat:

  1. Suomenlinna (62%)
  2. Felsenkirche (59%)
In der Felsenkirche

Gerade diese Gegenüberstellung ist sehr aussagekräftig. Obwohl nur 9% der Gäste die Festungsinsel Suomenlinna besucht haben, ist sie eindeutig auf Platz 1. Ergo: Wenn du nach Helsinki kommst und einfach nicht weißt, was du tun sollst, dann besuch Suomenlinna. Du wirst es nicht bereuen!

Nur 5% der Gäste war außerhalb von Helsinki unterwegs. Das könnte dann vor allem ein Ausflug nach Porvoo gewesen sein, der von den meisten Schiffen angeboten wird (siehe mein Blog: https://claudiashelsinki.com/2018/05/12/ausflugsziele-in-suedfinnland-porvoo-und-der-herrenhof-haikko/) . Etwas seltener wird ein Ausflug zum Rentierpark in Espoo angeboten, wo man ungefähr sechs Rentiere kennenlernen kann.

Die Gäste durften auch die Frage beantworten, mit welcher Wahrscheinlichkeit sie die Stadt Helsinki weiterempfehlen würden, und das Ganze im Vergleich zu den anderen typischen Ostseedestinationen.

Am besten schnitt Danzig (Gdansk) ab. Auf einer Skala von null bis zehn kam Gdansk auf 5,7. Es folgt Oslo mit 5,2 und auf dem dritten Platz Helsinki mit 5,0. Es folgen Stockholm mit 5,0 (aber insgesamt weniger Personen, die die Stadt weiterempfehlen würden), Kopenhagen mit 4,5, St. Petersburg mit 4,3, Tallinn und Riga mit 3,5. Schlusslicht bildet Klaipeda mit 1.

Der Durchschnitt betrug 3,9.

Der Hafen von Helsinki bekommt im Vergleich zu den anderen Kreuzfahrthäfen der Ostsee ein dickes Lob. Über 50% der Gäste können den Hafen empfehlen, wobei Katajanokka das größte Lob erhält, aber auch Hernesaari nicht schlecht abschneidet. Stockholm landet weit abgeschlagen mit 23% auf dem zweiten Platz. St. Petersburg und Klaipeda erhalten als Schlusslichter sogar Minuswerte, weil man sie überhaupt nicht als Häfen empfehlen würde.

Garantiert über 2000 Gäste.

Welche Konsequenzen könnte man als Kreuzfahrtgast aus dieser Umfrage ziehen, wenn man eine Kreuzfahrt mit Helsinki bucht?

Möglichst sollte es eine Kreuzfahrt sein, in der Danzig mit dabei ist, und wenn es irgendwie geht, dann auch noch Oslo. Wobei letzteres etwas schwieriger sein wird, weil Oslo natürlich normalerweise nicht mit dabei ist. Und wer keinen Ausflug buchen will, der sollte auf eigene Faust die Festungsinsel Suomenlinna besuchen.

Mein Geheimtipp für den Overnight-Stay in Helsinki: Unbedingt checken, ob es an dem Abend ein Konzert in der Felsenkirche gibt!

Ein Gedanke zu “Destinationen bei einer Ostseekreuzfahrt: Helsinki auf dem dritten Platz

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