Frauen im Vorstand – der Norden Europas liegt mal wieder vorne

Ein in Deutschland derzeit heiß diskutiertes Thema ist der Frauenanteil in deutschen Vorständen. Weder große Familienunternehmen noch DAX-Konzerne scheinen ein übergroßes Interesse daran zu haben, Frauen in den Vorstand zu holen: „In den Geschäftsführungen der 100 größten deutschen Familienunternehmen arbeiten nur knapp sieben Prozent Frauen, in absoluten Zahlen sind es 30 Frauen und 406 Männer. Das belegt eine Studie der Allbright-Stiftung (…). Zum Vergleich: Bei den 30 Dax-Unternehmen sind es immerhin 15 Prozent.“ (Handelsblatt, 10.6.2020)

Ankersen von der schwedischen Allbright-Stiftung nennt die Chancen der Diversität: „Die Performance steigt zweistellig und die Innovationskraft nimmt um zehn Prozent zu, wenn ein signifikanter Anteil des Managements weiblich ist.“ (Handelsblatt, siehe oben)

75 der großen börsennotierten Konzerne in Deutschland sind jedoch mit einer frauenfreien Führungsetage zufrieden und planen keine Veränderungen (Handelsblatt 30.6.2020).  

Börsennotierte und paritätisch mitbestimmte Unternehmen müssen seit Anfang 2016 eine gesetzliche Frauenquote für Aufsichtsräte erfüllen: Frei werdende Aufsichtsratsposten sind mit Frauen neu zu besetzen, bis mindestens ein Frauenanteil von 30 Prozent erreicht ist (Handelsblatt 30.6.2020). Und über die selbst zu ernennende „flexible“ Quote kann man nur lachen, da eine Reihe von Unternehmen nichts anderes eingefallen ist, als sich null Prozent als Ziel zu setzen.

Doch wie sieht es in Finnland aus?

Hier sitzen bei den börsennotierten Unternehmen immerhin 31,9 Prozent Frauen im Vorstand (Talouselämä, 2.11.2020; basierend auf der Deloitte-Studie „Women in the Boardroom“, 6. Edition; insgesamt 49 untersuchte Staaten; https://www2.deloitte.com/fi/fi/pages/risk/articles/women-in-the-boardroom-global-perspective.html).

Finnland liegt damit auf dem vierten Platz, nach Norwegen (41%), Frankreich (37,2%) und Schweden (33,3%).

Wie sieht es bei den deutschsprachigen Ländern aus? Deutschland liegt mit 26,2% auf dem neunten Platz, vor Österreich mit 19,7% auf dem 19. Platz und dem Schlusslicht Schweiz, mit 18,4%, auf dem 21. Platz. Die Liste endet mit Saudi-Arabien (0,7%) und Qatar (0,6%).

In dieser Statistik überholt übrigens Südafrika alle deutschsprachigen Länder. Und Malaysia und Nigeria überholen Österreich und die Schweiz. Wie ich immer wieder sage, wenn ich befragt werde, warum ich in Finnland wohne: Es gibt dafür Gründe, handfeste Gründe.

Übrigens: Von den sechs führenden Nationen bei der Studie von Deloitte verfügen die Hälfte über eine gesetzliche Quote, Finnland gehört jedoch nicht dazu. Hier hat man es ohne Quote geschafft, die Anzahl der Frauen anzuheben.

Und irgendwo erinnert mich die Siegerliste der Deloitte-Statistik an eine andere: Es scheint sich fast um eine Europastatistik der Länder mit den meisten Kindern pro Frau zu handeln.

Norwegen: 1,86 Kinder / Frau

Frankreich: 2,07 Kinder / Frau

Schweden: 1,88 Kinder / Frau

Finnland: 1,75 Kinder / Frau

Zum Vergleich: Deutschland hat 1,49 Kinder / Frau, Österreich 1,47 und die Schweiz 1,55 Kinder / Frau.

(Diese Zahlen sind vom World Fact Book der CIA übernommen: https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/rankorder/2127rank.html)

Die Herren auf Norwegisch
Und die Damen auf Norwegisch

In Europa übertreffen nur Frankreich und Island (mit 2,01 Kindern) die magische Grenze von zwei Kindern, dieses Land war aber bei der Deloitte-Studie nicht vertreten. Den Befürchtungen der Hardcore-Betonköpfe, dass Emanzipation dazu führen würde, dass keine Kinder mehr in die Welt gesetzt werden, kann man also diese Statistiken entgegenhalten. Im Gegenteil: Emanzipation ermöglicht es Frauen, Kinder in die Welt zu setzen. Eine bessere Work-Life-Balance zu haben.

Und glücklicher zu sein, die Liste der glücklichsten Länder ist ja auch nicht ohne Grund fast eine Kopie der Vorstandsstatistikliste, mit kleinen Abwandlungen (siehe https://happiness-report.s3.amazonaws.com/2020/WHR20.pdf). Beim Glücklichsein führt Finnland das zweite Mal in Reihe, gefolgt von Dänemark (25,4% Frauen in Vorstand), der Schweiz, Island und Norwegen. Offensichtlich kann man nur in der Schweiz glücklich sein, ohne im großen Maßstab Frauen in die Führungsetagen zu holen.

Mehr Frauen in der Führungsetage nützt also allen, den Frauen, den Männern, den Familien, den Unternehmen und dem Staat. Sollte eigentlich ein No brainer sein.