Als ForscherIn nach Finnland?

Diese Woche gibt es einen Gastblogger, über dessen Beitrag ich mich besonders freue, da es sich um meinen Bruder handelt. Darf ich vorstellen: Prof. Dr. Markku Michael Jeltsch. Als Biochemiker und Molekularbiologe arbeitet er als Professor an der Universität Helsinki auf dem Gebiet der vaskulären Biologie (siehe auch https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Jeltsch). Falls jemand aufgrund dieses Blogs sich inspiriert fühlt, als Forscherin oder Forscher – zum Beispiel in die medizinische Forschung – hierher zu kommen, dann bitte unbedingt bei mir melden, gerne darfst du als einer der nächsten GastbloggerIn dann einen Beitrag dazu beisteuern, wie man sich als frischgebackene(r) Forscherin in Finnland fühlt. Darauf freue ich mich schon! Hier also sein Beitrag:

Grafik: M. M. Jeltsch

Als ForscherIn nach Finnland? Warum nicht? An der Universität Helsinki (https://www.helsinki.fi) gibt es eine ganze Reihe von ProfessorInnen aus dem deutschsprachigen Raum. Den Anteil ausländischer ForscherInnen zu steigern ist ein explizites Ziel aller finnischen Universitäten. 
Was die Qualität der akademischen Forschung betrifft, liegt Finnland auf einem guten europäischen Mittelplatz. Nur eine einzige der zehn finnischen Universitäten schafft es unter die besten 100 Universitäten der Welt: die Universität Helsinki (Platz 74 im „Schanghai-Ranking 2020“ http://www.shanghairanking.com/ARWU2020.html). Demgegenüber schaffen es vier deutsche Universitäten auf die ansonsten angloamerikanisch dominierte Liste (Ludwig-Maximilians-Universität München, Technische Universität München, Universität Heidelberg und Universität Bonn auf den Plätzen 51, 54, 57 und 87). 
Dabei muss gesagt werden, das diese Rankings einen Mittelwert über alle Forschungsgebiete einer Universität bilden. Wenn man sich einzelne Forschungsgebiete anschaut, gibt es natürlich in Deutschland und auch Finnland viele Institute und Labore, die ganz an der Weltspitze mitforschen. Aufgrund meiner eigenen Arbeit (https://mjlab.fi) ist meine Sicht der Dinge sehr medizinisch-biologisch geprägt, und so sind auch alle der weiter unten angeführten Beispiele aus dem Bereich der Medizin und Biowissenschaften.  

Wenn man die akademische Forschung in Finnland und Deutschland miteinander vergleicht, darf man die Universitäts-Rankings nicht zu ernst nehmen. Wie alle Kennzahlen, haben auch diese Rankings an Bedeutung verloren, weil sie von den Universitäten als Ziel missverstanden wurden (frei nach Charles Goodhard, siehe https://en.wikipedia.org/wiki/Charles_Goodhart) . So befinden sich z.B. auf dem Universitäts-Ranking der New York Times (https://www.timeshighereducation.com/world-university-rankings/2021/world-ranking#!/page/0/length/100/sort_by/rank/sort_order/asc/cols/stats) sieben und nicht nur vier deutsche Universitäten unter den ersten hundert (die LMU München, die TU München, die UNi Heidelberg, die Charité-Universitätsmedizin Berlin, die Uni Tübingen, die Humboldt-Universität zu Berlin, und die Uni Freiburg auf den Plätzen 32, 41, 42, 75, 78, 80, und 83). Auf dieser Liste findet sich wiederum nur eine einzige finnische Universität, wiederum die Universität Helsinki, und zwar auf dem Platz 98.

Die zwei größten und wichtigsten Universitäten Finnlands befinden sich beide im Hauptstadtgebiet: Die Universität Helsinki und die Aalto-Universität (https://www.aalto.fi/fi), die vor ihrer Umbenennung (und der Fusion mit zwei kleineren Universitäten) 2010 unter dem Namen „Technische Universität Helsinki“ bekannt war, obwohl sie auch damals schon nicht in Helsinki, sondern in der westlichen Nachbarstadt Espoo beheimatet war. Beide Universitäten sind in ihrer Größe in etwa mit der Humboldt-Universität oder der Uni Tübingen vergleichbar.

Eine besonderen Stellenwert hat die medizinische Forschung und deren praktische Anwendung. Vielleicht ist deshalb das Preis-Leistungs-Verhältnis des Gesundheitssystems im weltweiten Vergleich führend (https://yle.fi/uutiset/osasto/news/study_finlands_health_care_system_among_best_in_the_world/10276968). Finnland gibt im Vergleich zum Bruttosozialprodukt weitaus weniger für die Gesundheit aus als z.B. Deutschland, Schweden oder Dänemark (https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php/Healthcare_expenditure_statistics), hat aber im Durchschnitt keine schlechtere, sondern eher eine besserere und flächendeckendere medizinische Versorgung. Die Bevölkerung hat im allgemeinen eine sehr evidenzbasierte Einstellung zur Medizin, was sich z.B. auch in den hohen Impfquoten zeigt. In der Krebsbehandlung nimmt Finnland weltweit – unabhängig von der Krebsart – seit Jahren einen Spitzenplaz ein (https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736%2817%2933326-3/fulltext). Und den Ergebnissen der einheimischen klinischen Krebsforschung wird weltweit mehr vertraut als den anderer Länder, wenn man die Anzahl der Zitate als Maßstab nimmt.

Einige Forschungsgebiete wurden sozusagen sogar hier in Finnland geboren oder entscheidend mitgeprägt. Dazu gehört unter anderem die praktische Anwendung der modernen Genkopplungs-Analyse (genetic linkage analysis). Damit identifiziert man die ursächlichen Gene für erbliche Krankheiten. Die zentrale Figur dieses Fachgebiets war die 2010 verstorbene Forscherin Leena Peltonen-Palotie. Ein anderes Gebiet, das fast im Alleingang von dem finnischen Forscher Kari Alitalo etabliert wurde, ist das Gebiet der Molekularbiologie des Lymphgefäßsystems.

Die Erforschung von Erbkrankheiten in Finnland hatte einiges den andern Ländern voraus: Eine sehr homogene Bevölkerung, die über Jahrhunderte relativ isoliert vom Rest Europas existierte und die von einer sehr kleinen Gruppe von Einwanderern abstammt. Deshalb gibt es auch – genetisch gesehen – nur zwei verschiedene Gruppen von Europäern: FinnInnen und Nicht-FinnInnen (https://www.nature.com/articles/nature19057). Der ganze Rest Europas hat sich in den Wirren der Völkerwanderung, der Kriege des Mittelalters und der Neuzeit so gut gemischt, das jeglicher sich auf die Abstammung berufender Nationalismus schon aus genetischen Gründen ad absurdum geführt werden kann.

Diese genetische Sonderposition der Finnen führt dazu, das es in Finnland einige Krankheiten gibt, die im Rest Europas so gut wie unbekannt sind (z.B: die Nordische Epilepsie). Andersherum allerdings gibt es auch Erbkrankheiten, die in Europa recht häufig vorkommen, aber unter der finnischen Bevölkerung fast unbekannt sind (z.B. Phenylketonurie). Für eine gute Zusammenfassung emfehle ich diese Reportage (allerdings auf Englisch) im Discovery Magazine: https://www.discovermagazine.com/the-sciences/finlands-fascinating-genes

Die Hierarchien in der Forschung und Lehre sind hier in Finnland flacher als in den deutschsprachigen Ländern. Wie schon die Kinder in der Schule ihre LehrerInnen duzen und mit Vornamen anreden, so geht es auch an der Universität weiter. Die meisten DozentInnen und ProfessorInnen reden mit ihren Studierenden auf Augenhöhe, und sind immer erreichbar und ansprechbar. Auch bei mir gibt es keine Sprechzeiten: Normalerweise darf jeder jederzeit in mein Büro hereinspazieren, auch Sie (hier meine Adresse https://www.helsinki.fi/en/researchgroups/lymphangiogenesis-research-and-antibody-development/contactlocation! Vor Covid-19 waren die Türen unseres Instituts und meines Büros immer geöffnet. Jetzt gelten Ausnahmeregelungen und BesucherInnen (aber nicht Studierende) müssen sich in der Aula anmelden. In dem Studiengang, den ich mitbetreue, TRANSMED (https://www.helsinki.fi/en/admissions/degree-programmes/translational-medicine-masters-programme) werden allerdings auch wieder in diesem Semester alle Vorlesungen und Seminare online durchgeführt. Ausnahmen sind nur die Laborpraktika und klinischen Runden, die wir mit Atemschutzmasken und Abstand so sicher wie möglich zu machen versuchen.
Für weitere Fragen bezüglich der naturwissenschaftlichen Forschung hier im hohen Norden stehe ich gerne per Email (michael@jeltsch.org) or Skype (jeltsch) jederzeit zur Verfügung, und auf meinem Wissenschafts-Blog finden sich auch häufiger finnlandspezifische Themen: https://jeltsch.org/science

Titelfoto: By Milla Talassalo – From author, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=94669652