Beim folgenden Tipp handelt sich um eine seltene Perle in der Museumslandschaft Helsinkis. Nur wenige kennen dieses Museum, das auch keine ständigen Öffnungszeiten hat. Und kommt deswegen in meiner Reihe “verborgene Kulturschätze Helsinkis” (dazu gehört auch meine Blogs zu https://claudiashelsinki.com/2022/05/21/verborgene-kunstschaetze-der-nordea-bank/ und https://claudiashelsinki.com/2021/12/18/klein-aber-fein-die-sammlung-reitz/).

Das Virkki Wohnmuseum in Helsinki bietet einen unvergleichlichen Blick auf Wohnkultur, Design und Handwerk der Nachkriegszeit in Finnland, eingebettet in das Lebenswerk der bedeutenden Kulturvermittlerin Tyyne-Kerttu Virkki. Es ist kein klassisches Museum mit wechselnden Objekten – vielmehr handelt es sich um das authentische Wohnumfeld einer herausragenden Persönlichkeit, das als Zeitdokument und Inspirationsquelle dient.

Das Museum befindet sich in einem 1952 fertiggestellten Gebäude im Stadtteil Töölö, wo Virkki bis zu ihrem Tod lebte. Die 80 m² große Wohnung spiegelt die ästhetischen und funktionalen Prinzipien des modernen Wohnens der 1940er- und 1950er-Jahre wider. Das Haus, in dem sich die Wohnung befindet, wurde von der Architektin Elsi Borg entworfen. In der Zimmeraufteilung findet man weiblichen Sachverstand und eine kluge Nutzung der Quadratmeter. In einer Zeit allgemeiner Knappheit setzten sich neue kreative Ideale durch: praktische, durchdachte Gestaltung verbunden mit einer Anerkennung hochwertigen Kunsthandwerks. Möbel, Leuchten und Textilien im Inventar stammen von führenden finnischen Designer*innen jener Epoche und zeigen die Harmonie von Formen, Farben und Materialien, die Virkki selbst als zentrale Gestaltungsprinzipien betrachtete. So finden sich Möbel von Aili Kalske, Lasse Ollinkari, Lilli Kolmijoki-Halonen, Mirja Milén-Panula und Werner West. Lampen gibt es von Paavo Tynell und Tapio Wirkkala. Auch Freunde von Kunstkeramik kommen auf ihre Kosten: Rut Bryk, Toini Muona und Raija Tuumi ist vertreten sowie Textilien von Laila Karttunen und Margareta Ahlstedt-Willandt.

Die Präsentation der Wohnung orientiert sich an einer 1957 erschienenen Darstellung ihres Interieurs in der Zeitschrift Omin käsin, in der Virkki ihr Zuhause als Beispiel für „zweckmäßigen, ästhetisch nachhaltigen Wohnraum“ vorstellte. Damit verband sie praktische Alltagstauglichkeit mit dem Anspruch, ästhetische Bildung und Qualität in den Lebensraum zu tragen.

Tyyne-Kerttu Virkki (1907 – 2000) war eine zentrale Figur der finnischen Handwerkskultur im 20. Jahrhundert. Nach einer Ausbildung zur Handwerks- und Heimindustriepädagogin engagierte sie sich zeitlebens für die Bewahrung und Weiterentwicklung handwerklicher Traditionen, insbesondere der karelischen. Von 1944 bis 1970 leitete sie das Magazin Omin käsin, das als Plattform für Ideen, Anleitungen und Diskussionen rund um Handarbeit, Wohnkultur und traditionelle Techniken diente.

1947 gründete sie gemeinsam mit Edith Verkkolainen die Firma Vokki Oy mit dem Ziel, alte Handwerkstechniken an die modernen Bedürfnisse anzupassen und darüber hinaus Arbeitsplätze für Handwerker*innen zu schaffen.

1977 etablierte Virkki schließlich das Virkki Handarbeitsmuseum und 1978 die dazugehörige Stiftung, um ihre Sammlungen, das kulturelle Erbe und die lebendige Tradition finnischer Handarbeit zu bewahren. Die Stiftung fördert neben materieller Kultur auch immaterielle Aspekte wie traditionelle Fertigkeiten, Formkultur und Brauchtum.

Heute dient das Virkki-Kotimuseo nicht nur als Ausstellungsraum, sondern als Ort des Dialogs zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Neben Führungen durch das historische Interieur finden wechselnde Ausstellungen, Seminare und textile Veranstaltungen statt, die sowohl auf die Bedeutung handwerklicher Praktiken als auch auf aktuelle Fragestellungen der Nachhaltigkeit und Gestaltungskultur verweisen.

Besuche sind nach Voranmeldung möglich und bieten eine seltene Gelegenheit, in die Wohn- und Gestaltungsideale einer prägenden Persönlichkeit der finnischen Design- und Handwerksgeschichte einzutauchen.

Die Adresse lautet: Virkki Kotimuseo, Merikannontie 3 B 32, 00260 Helsinki. Tel. 097572597 und unter dieser E-Mail-Adresse kann man sich nach Führungen erkundigen: info@virkkimuseo.com
Bonus-Tipps: Im Keller des Gebäudes in der Merikannontie 3 A findet sich ein interessanter Second-Hand-Laden: https://helsinkifleamarket.fi/. Außerdem liegt das Gebäude nur etwa fünf Gehminuten vom Sibelius-Monument entfernt.

Quelle: https://www.virkkimuseo.com/en
