Flucht ins Muminstal

Im Designmuseum Helsinki hat bereits im Oktober 2025 die Ausstellung Escape to Moominvalley eröffnet, die (10. Oktober 2025 – 27. September 2026) einen vielschichtigen Zugang zur Welt von Tove Jansson und ihren Mumintrolle bietet, der über nostalgische Adaptation hinausgeht und die Erzählung als gestaltete Auseinandersetzung mit Raum, Identität und Zeit versteht. Sie steht im Zentrum der 80-Jahr-Jubiläumsfeier der Moomin-Geschichten und lädt das Publikum dazu ein, die ikonischen Figuren als kulturelle Resonanzräume zu begreifen. Unbedingte Empfehlung, wer 2026 noch unbedingt eine Ausstellung in Helsinki besuchen möchte, dann diese!

Fassade des Designmuseums Helsinki mit Werbeplakaten für die Ausstellung 'Escape to Moominvalley'.
Das Designmuseum in Helsinki.

Tove Marika Jansson wurde am 9. August 1914 in Helsinki geboren und wuchs in einer künstlerischen Familie der schwedischsprachigen Minderheit auf; ihr Vater Viktor war Bildhauer, ihre Mutter Signe Graphikerin und Illustratorin, ihre Brüder Per Olov und Lars später ebenfalls künstlerisch tätig. Die familiären Sommeraufenthalte auf der Insel Pellinge im Schärengürtel des Finnischen Meerbusens gehören zu den prägenden Erfahrungsräumen, aus denen spätere literarische Landschaften der Muminwelt teils unmittelbar hervorgehen.

Ein Banner des Designmuseums Helsinki zur Ausstellung "Escape to Moominvalley", die vom 10. Oktober 2025 bis 27. September 2026 stattfindet.

Künstlerische Sozialisation und Lebenswege

Schwarz-weiße Fotografie einer Frau mit kurzgeschnittenen Haaren, die auf einer Holztreppe sitzt. Sie trägt einen eleganten Blazer und schaut direkt in die Kamera. Vor ihr steht ein schwarzer Kater auf einem Tisch mit Blumen.
Tove Jansson in ihrem Atelier

Jannsons frühe künstlerische Begabung wurde durch ihre Mutter gefördert; mit 14 Jahren veröffentlichte sie erste Zeichnungen, mit 15 Jahren ihren ersten Comic in einer Kinderzeitschrift. Nach künstlerischen Studien in Stockholm, Helsinki und Paris entwickelte sie eine breite Praxis als Illustratorin, Malerin, Comicautorin, Grafikerin und Schriftstellerin. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete sie als politisch engagierte Karikaturistin, bevor sie inmitten der Konflikte ihr erstes Mumin-Buch „Småtrollen och den stora översvämningen“ veröffentlichte. Dieses Werk, entstanden in den Kriegsjahren, ist nicht nur literarisches Phänomen, sondern auch Ausdruck eines künstlerischen Fluchtversuchs aus realer Bedrohung in poetische Konstruktion – ein Aspekt, der das Ausstellungsthema „Refugium und Imagination“ maßgeblich durchdringt. (thetimes.com)

Von den frühen Geschichten bis zu den späteren Comics und Büchern entfaltet sich bei Jansson eine dynamische Verbindung von erzählerischer Fiktion und bildnerischer Phantasie, die nicht nur Kinder, sondern auch erwachsene Leser*innen anspricht und in der Literatur wie im Bild eine ästhetische Synthese von Humor, Melancholie und Lebensphilosophie etabliert.

Eine künstlerische Palette von Tuulikki Pietilä, die mit lebendigen Farbstrukturen bemalt ist und auf einem weißen Sockel präsentiert wird.
Die Originalpalette der Künstlerin, hergestellt von Tuuliika Pietilä

Kuratorische Perspektiven in der Ausstellung

Die Schau refraktiert diese biografischen und künstlerischen Strukturen, indem sie Räume rekonstruiert, die Jansson selbst geprägt hat – Orte des Ateliers, der Insel, der wechselnden temporalen Zustände zwischen Krieg und Frieden. Originale Skizzen, Fotografien, Manuskripte und persönliche Objekte erzeugen eine Narration, in der die biografische Realität der Künstlerin mit der erzählten Welt des Mumintals in Beziehung tritt.

Illustration eines Charakters, der in einem Spiegel steht und sich schminkt, neben einem schwarz-weiß Foto einer Person, die an einem Möbelstück lehnt.
Wir erkennen die Vorbilder in der wirklichen Welt.

Thematische Pfade wie der „Rainbow Path“ kontextualisieren Janssons Leben auch im Hinblick auf Gender- und Identitätsfragen, was nicht nur historisch, sondern gegenwärtig relevant ist, da ihr persönliches Leben und ihre langjährige Partnerschaft mit der Grafikerin Tuulikki Pietilä zu Diskursen über queere Lebensentwürfe im 20. Jahrhundert beitragen.

Schwarz-weiße Skizze eines Leuchtturms auf einem Hügel unter einem sternenklaren Himmel.
Tähtitorninmäki in Helsinki als Vorbild.

Ein eigens produzierter Audioguide ergänzt die Ausstellungsperspektive um subjektive Erzählungen und ermöglicht eine dialogische Begegnung mit Janssons komplexem Werk, das sich in seiner Vielschichtigkeit an ein anspruchsvolles Publikum richtet.

Illustration of a Moomin character's cozy living space with a whimsical fireplace and playful details.
Auch der Kachelofen hat ein Vorbild.

Ästhetische und kulturelle Relevanz

„Escape to Moominvalley“ etabliert einen neuen Zugang zu einem global bekannten kulturellen Erbe, indem sie die Mumin-Erzählungen nicht nur als kindliche Phantasiewelten, sondern als Reflexionsräume für zeitgenössische Fragen nach Gemeinschaft, Sicherheit, Zwischenmenschlichkeit und Umwelt begreift. Dadurch wird Janssons Werk als anspruchsvolle künstlerische Leistung erkennbar, die weit über literarische Rezeption hinaus in kulturwissenschaftliche Diskurse interveniert.

Eine Schwarz-Weiß-Karte von Muminland mit verschiedenen geografischen Merkmalen, wie Bergen, einem Fluss, Wäldern und dem Mumintal. Die Karte enthält Beschriftungen auf Finnisch zu den Orten und zeichnet sich durch kunstvolle Illustrationen aus.
Man beachte, dass in der Muminwelt sowohl Mutter als auch Vater ein eigenes Zimmer haben (Äidin huone: Mutters Zimmer; Isän huone: Vaters Zimmer).

Tove Jansson ist die am meisten übersetzte finnische Schriftstellerin – und weit mehr als nur die Schöpferin der Mumintrolle. Ihre Werke sind nicht nur Kinderliteratur, wie viele meinen, die das erste Mal mit den nilflusspferdigen Geschöpfen in Berührung kommen. In einer Abstimmung aus dem Jahr 2004, in der die größten und wichtigsten Finninnen und Finnen gesucht wurden, belegte sie den 19. Platz. Wer jetzt neugierig geworden ist, hier ist die Liste der ersten 10:  https://fi.wikipedia.org/wiki/Suuret_suomalaiset. Ein Bild von der Nr. 1 ist schon mal in einem meiner Blogs zu sehen gewesen, und zwar hier: https://claudiashelsinki.com/2022/05/21/verborgene-kunstschaetze-der-nordea-bank/ und eine Büste von Nr. 3 ist (unter anderem) in diesem Blog zu finden: https://claudiashelsinki.com/2022/11/25/besuch-beim-finnischen-parlament/.

Regal mit Moomin-Büchern von Tove Jansson in einem orangefarbenen Raum während der Ausstellung 'Escape to Moominvalley' im Designmuseum Helsinki.
Die Vielfalt der Muminliteratur – und hier sind nur finnische, schwedische und englische Titel zu sehen.

Die Ausstellung wirft auf diese Weise ein Licht auf das Verschränkte von Leben und Arbeit Tove Janssons: auf die künstlerische Genese, die sozialen und historischen Bedingungen ihres Schaffens, und auf die fortdauernde Resonanz ihrer Visionen für heutige kulturelle und gesellschaftliche Fragestellungen.

Ein Bildschirm zeigt eine mehrsprachige Auswahl für eine Webseite, darunter Finnisch, Englisch, Schwedisch und Japanisch.
Japaner lieben die Mumins, deswegen ist der „Komponiercomputer“ der Mumins auch auf Japanisch zu benutzen, leider nicht auf Deutsch.

Spätestens nach dieser Ausstellung wirst du wissen, dass es nicht nur um Kindertassen mit niedlichen Comicfiguren geht! Diese sind übrigens in dieser Ausstellung gar nicht zu finden, dafür gehst du dann am besten zum neuen Arabia-Museum, von dem ich auch schon einen Blog geschrieben habe: https://claudiashelsinki.com/2025/11/30/die-firma-arabia-ein-eckpfeiler-finnischer-keramik-und-designgeschichte/

In den Muminwerken sind wahre Perlen von Lebensweisheit zu finden. So kurz vor dem neuen Jahr 2026 können ein paar von ihnen zur Besinnlichkeit beitragen. Die Texte auf der folgenden Seite in finnischer Sprache stammen von https://www.moomin.com/fi/blogi/muumikirja-sitaatteja/#3463ea61 , jedoch sind sie im Original eigentlich auf Schwedisch. Die deutschsprachigen Übersetzungen der Figuren finden sich hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Mumins

Aerial view of rocky shoreline with a small wooden shed and a boat anchored near the rocks surrounded by water.
Hier ein Foto der Insel Klovharun (ein Teil von Pellinge), wo Tove Jansson alle ihre Sommer verbrachte. Die Insel kann übrigens besucht werden: https://visitpellinge.fi/en/tove-jansson/

 „Jetzt zählte nur noch, dass ich meinen ersten Freund gefunden hatte und somit wirklich zu leben begonnen hatte.“ Muminpapa (Muminpapas Heldentaten, 1950)

„Alles, was Spaß macht, ist gut für den Magen.“ Muminmama (Muminpapas Heldentaten, 1950)

Und als Motto für die ungewisse Zukunft:

„Alles ist sehr ungewiss, und genau das beruhigt mich.“ Tooticki (Trollwinter, 1957) (Hinter Tooticki versteckt sich übrigens die Lebensgefährtin von Tove Jansson.)

In diesem Sinne wünsche ich euch viele Muminweisheiten für Weihnachten und das neue Jahr 2026!

Quellen: en.wikipedia.org; https://admuseo.fi/en/exhibition/escape-to-moominvalley/

Ein rustikales, doppeltes Holztür-Gitter mit geometrischen Mustern, das an einer hellen Wand im Designmuseum Helsinki präsentiert wird.
Diesen Kachelofen kann und darf man in der Ausstellung öffnen.
Eine kreative Installation mit einem beleuchteten Mumin-Charakter in einem dunklen Raum, der einen schüchternen Ausdruck zeigt.
Innen im Ofen lebt einer der Vorfahren der Mumins, so wie es Tove Jansson in den Büchern schildert. Ein tolles Detail für Kinder!
Zwei runde Pappscheiben mit bunten Kindermalereien und handgeschriebenen Texten über Mumins, die an einer Wand hängen.
Kinder dürfen in einer Malecke auch einen Teil der Ausstellung selbst gestalten, ein paar der nettesten Eindrücke habe ich abfotografiert!
Illustrationen von Muminpappa und Nipsu auf weißen Karten, die an einer blauen Wand hängen.
Eine von einem Kind gezeichnete Figur mit roten Haaren und einem wütenden Gesichtsausdruck, die einen roten Overall trägt. Die Zeichnung befindet sich auf einer runden, weißen Fläche und ist an einer Wand befestigt.
Skizze eines Fantasieschlosses mit Türmen und Fahnen, umgeben von Wolken und einer kleinen Figur in der Luft.
Ein runder Karton mit einer Zeichnung von Snufkin, einem Charakter aus den Mumin-Geschichten. Snufkin trägt einen grünen Mantel und einen Hut, steht in einer fröhlichen Pose vor einer Sonne.
Eine Zeichnung eines Gebäudes mit einem orangefarbenen Dach, skizziert mit bunten Farbstiften auf einem runden Kärtchen.

Kommentar verfassen