Digipädagogik ist Alltag in Finnland

Im letzten und dieses Jahr hat jeder gelernt, dass man viel mehr digital erledigen kann, als er oder sie es jemals geahnt hätte. Deutschland – und bestimmt auch noch andere Länder – haben hier jede Menge Aufholbedarf und könnte sich am Beispiel Finnlands inspirieren.

Hier ein paar Grundsätze, ohne die der digitale Quantensprung nicht funktionieren wird:

  1. Digitalisierung muss Chefsache sein. Es muss von allerhöchster Stelle gefördert und unterstützt werden. Wenn man es nur den Ausführenden überlässt, sich in ihrer Privatzeit digital weiterzubilden, wird nichts weitergehen.
  2. Es muss Geld in die Hand genommen werden. Daran führt kein Weg vorbei. Digitalisierung ist die neue Elektrifizierung. Die hat damals auch jede Menge Geld gekostet – und viele dachten, die alten Ölfunzeln tun es ja auch. Genauso jetzt mit Breitbandinternet für alle. Die Dinosaurier sollte man auf Forschungs- bzw. Benchmarkingreise nach Finnland schicken. Jeder Lehrkraft sollte jährlich ein gewisses Zeitbudget zum Erlernen von neuem digitalem Know-how zur Verfügung stehen. Schulen, die dieses Fortbildungsbudget ausnutzen, sollten belohnt werden – in Finnland ist das zumindest bei den Fachhochschulen der Fall. Es gibt in der Datenbank, die das Personal erfasst, einen eigenen Unterbereich, in den Fortbildungen eingetragen werden. Mache ich als Lehrkraft keine Fortbildungen und trage nichts ein, dann steht mir dieses Zeitbudget nicht zur Verfügung. Dazu zur Erläuterung, weil viele Schulen mit ihrer Arbeitszeiterfassung noch im Mittelalter steckengeblieben sind: Wir hier in Finnland arbeiten mit einem Jahreszeitbudget. Ich vereinbare mit meinem Vorgesetzten im jährlichen Mitarbeitergespräch eine jährliche Arbeitszeit. Diese beträgt bei einer Vollzeitstelle 1600 Zeitstunden pro Jahr. Pro Kurs erhalte ich pauschal eine bestimmte Menge an Arbeitszeit zur Verfügung, darüber hinaus eine gewisse Menge an Fortbildung und für die gemeinsame Entwicklung von Projekten usw. Ich selbst verfolge meine Arbeitszeit und kontrolliere diese. So kann die Leitung Projekten, denen besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden soll, eine gewisse Menge von Arbeitsstunden zuweisen. Wenn man sich darauf verlässt, dass jemand etwas in seiner Freizeit weiterentwickelt, dann ist man verlassen…
  3. Mikromanagement adieu! Wer als Chef immer noch jeden Tag seinen Leuten über die Schulter schauen möchte, ob sie auch schnell genug tippen, der hat noch nichts verstanden. Das Erreichen von Zielen muss im Vordergrund stehen, ob der Angestellte diese erreicht hat, während er im Sommerhäuschen gearbeitet hat oder im Anzug im Büro gesessen hat, ist absolut nicht wichtig.
Foto aus dem Telefonmuseum in Helsinki – so begann es mit der Verkabelung

Dasselbe gilt auch fürs Unterrichten. Das Ganze muss vom Ende her betrachtet werden, es geht um die Ergebnisse, die man beim Lernenden erzielen möchte, nicht um Lerninhalte, die man gerne vermitteln möchte. Die Frage lautet also: „Welche Ziele möchte ein/e Studierende/r am Ende meines Kurses erreicht haben?“ Alles andere im Kurs (Methoden, Inhalte, Sozialformen etc.) muss sich diesen Zielen unterordnen.

Hier ein ganz aktuelles Beispiel aus meinem eigenen Berufsleben. Meine Fachhochschule organisiert seit einigen Jahren für Lehrkräfte einen Kurs namens „DigiPeda“. Der Name ist Programm. Ziel des mehrwöchigen Kurses (mit sieben Workshops à 2-3 Stunden) ist nichts weniger als der digitale Quantensprung. Ein Kurs soll komplett als Online-Version entwickelt werden. Grundlage kann ein bisher offline vorhandener Kurs sein, man kann aber auch in Absprache mit seiner Vorgesetzten einen komplett neuen Kurs entwerfen.

Digi-Mentoren unterstützen die Lehrkräfte. Diese sind einfach schon erfahrende Kolleg:innen, sie betreuen eine kleine Gruppe von Lehrkräften ihres eigenen Fachbereiches (wenn man Buchhaltung unterrichtet, sind die verwendeten digitalen Werkzeuge etwas anders als bei den Fremdsprachendozenten) . Gerade heute Morgen saß ich in einer Mentoringsession meiner Digi-Mentorin, zusammen mit anderen Dozenten meines Fachbereichs. Digi-Mentoren sind bei uns Lehrkräfte, die entweder schon vor Jahren die DigiPeda-Ausbildung absolviert haben und daher schon längere Zeit komplette Online-Kurse unterrichten – oder solche Vorreiter:innen, die es überall gibt, die aus eigenem Antrieb immer an der Spitze der technologischen Entwicklung sein wollen.

Für diejenigen Lehrkräfte, die gerade nicht unbedingt mehrere Stunden für die siebenteilige DigiPeda Fortbildung haben, gibt es noch ein anderes Instrument: PedaHelp. Das ist sowohl ein Teil unseres Intras, in dem es konzentriert alle möglichen Tipps und Tricks rund um Online-Inhalte geht, von ganz einfachen Antworten bis hin zu komplizierteren Sachverhalten, die dann oft in einer Schritt-für-Schritt-Anleitung und / oder mit Hilfe eines Videos erläutert werden. Auch kann man an eine einheitliche E-Mail-Adresse eine Frage schicken, die dann an einen „diensthabenden“ PedaMentor weitergeleitet wird, der einem in der Regel sehr schnell helfen kann (aber auch nur, weil dieser ein gewisses Zeitkontingent für diese Arbeit zur Verfügung hat). 

Selbstverständlich habe ich als Dozentin an meiner Fachhochschule ein jährliches Fortbildungskontingent. An meiner Fachhochschule sind es vierzig Stunden jährlich für eine Vollzeitlehrkraft. Über diese 40 Stunden verfüge ich selbständig, nur wenn der Kurs Geld kostet, dann muss ich meine Vorgesetzte vorher um Erlaubnis fragen, aber auch dann gibt es eine gewisse Menge an Ressourcen, die zur Verfügung stehen. Kollidiert die Fortbildung mit meinem Unterricht, so kann ich selbständig entscheiden, dass ich den Studierenden zum Beispiel statt des Präsenzunterrichts (der so und so im Augenblick in ZOOM stattfindet) eine schriftliche Aufgabe erteile oder zum Beispiel vorher ein Video über die Lerninhalte drehe, das sich die Studierenden anschauen müssen. Oder die Studierenden treffen sich selbständig online. Es gibt so viele Möglichkeiten…

So sieht die erste Seite eines Durchführungsplans mit HP5 aus (eigenes Foto). Damit herrscht Klarheit und Planungssicherheit. Alle wissen von Anfang aus, wie der Kurs aussieht und was die Beurteilungskriterien sind.

Für diejenigen, die sich jetzt für die digitale Pädagogik interessieren, hier ein paar Tipps. Vorreiter in diesem Bereich ist Australien, das wegen seiner langen Distanzen schon viel früher für die Digi-Pädagogik geradezu prädestiniert war. Grand Old Lady ist hier Gilly Salmon und ihr Carpe-Diem-Modell.  Hier kann man sich mit dem Modell bekannt machen: https://www.gillysalmon.com/five-stage-model.html

Es wird höchste Zeit. Wir brauchen DigiPeda für alle Schulen, für alle Bereiche, für alle Altersstufen, in ganz Europa.

Wer von unserer Fachhochschule sich eine maßgeschneiderte DigiPeda für seine eigene Bildungsinstitution erstellen lassen möchte, dann ist das selbstverständlich auch möglich. Verantwortlich für DigiPeda ist unsere Lehrerausbildungsakademie „Haaga-Helia School of Vocational Teacher Education“. Gerade vor kurzem hat diese zum Beispiel einen Auftrag aus der Ukraine erhalten, bei der Neuaufstellung des Systems der Berufsschulen in der gesamten Ukraine behilflich zu sein. Einfach eine E-Mail an Jutta.Paukkonen@haaga-helia.fi schicken, sie ist für den Bildungsexport zuständig. Selbstverständlich würde es mich freuen, wenn man dann auch erwähnt, von wem dieser Tipp kam.

Für alle, die von der technologischen Entwicklung geradezu überrollt werden, hier noch ein ganz persönlicher Tipp: Es reicht, ganz klein anzufangen. Nur eine App, nur ein Portal ist besser, als fünf, die man eh nicht alle gleichzeitig ausprobieren kann. Man kann einfach anfangen, sich mit https://quizlet.com/latest  bekannt zu machen. Und dann Schritt für Schritt weitermachen.

Der Glasbläser in Riihimäki (mit Ausnahme des Screenshots alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Mihku Mihkunen)