Helsinki Underground

Finnland und die Schweiz sind die einzigen Länder in Europa, die allen ihren Einwohner*innen einen Platz in einem Schutzbunker anbieten können. Diese Tatsache ist aus erkenntlichen Gründen nun wieder in das öffentliche Bewusstsein gerückt. Auch in Deutschland ist man darauf aufmerksam geworden und so bekam ich am Mittwochnachmittag einen dringenden Anruf der Produktionsfirma Saga Filmworks aus Köln, die am Donnerstag nach Helsinki kommen wollte, um Aufnahmen vom Helsinki „Underground“ zu machen. Der Beitrag wird übrigens heute Abend, am 23.4.2022 ab 19.05 Uhr mitteleuropäischer Zeit im Programm „Life“ auf RTL gezeigt und ich habe ihn unten verlinkt. Ich bin selbst schon ganz gespannt und hoffe natürlich, dass meine Redebeiträge nicht ungünstig geschnitten worden sind. Zumal ich auch zu politisch sensitiven Fragen interviewt worden bin. Der zuständige Volontär machte auf jeden Fall nicht nur einen netten, sondern auch einen seriösen Eindruck, immerhin hatte er Skandinavistik studiert, was ihm beim Besuch in Helsinki half. Das als Nebenkommentar (an meine Studierenden, die manchmal den Sinn des Deutschstudiums anzweifeln): Irgendwann im Leben hilft einem jede Fremdsprache, die man gelernt hat, sei sie in den Augen der Welt auch noch so „unbedeutend“.

Mit Fabian Schäfer von Saga Filmworks.

Hier nun mein Blog zum Thema:

Zum Glück konnte ich mir den Vormittag freiräumen und das Team am Donnerstagvormittag durch Helsinki begleiten. Was in Deutschland unmöglich wäre, war hier möglich, nämlich das Besorgen von Drehgenehmigungen, manche davon „on the go“. Natürlich habe ich am Mittwochnachmittag und am Donnerstag vorm Treffen schon mit den Telefonaten begonnen. Nachdem man die richtigen Leute erreicht hat, geht es hier ganz schnell. So war die Genehmigung zum Filmen in der Metro mit zwei Telefonaten zu bekommen. Zuerst die Verantwortliche der Verkehrsbetriebe HKL, die mir daraufhin gehend die Nummer der Security gab, die ich kurz vorher informieren sollte, bevor wir uns auf das Metrogelände begeben würden. Das war dann auch unsere erste Station: Die Metro am Hauptbahnhof Helsinki ist gleichzeitig Schutzbunker. Kaum einer sieht die Metallplatte am Boden, die im Ernstfall entfernt werden würde, um die Türen zu schließen, damit der Schutzbunker auch einem atomaren Angriff standhalten würde. Die Pläne sehen vor, dass die Wagons der Metro in die Stationen gefahren werden und im Notfall zu Aufenthaltsräumen werden. Auch die Tunnels haben Abriegelungsstellen, die natürlich für die Öffentlichkeit nicht einsehbar sind. Auch einige andere Stellen dürfen nicht fotografiert werden, so bekam ich von Europark, die den Parkplatz unterm Einkaufszentrum Forum managen, ein striktes Filmverbot mitgeteilt. Das war aber die einzige Stelle, von der ein No go kam.

Jeden Tag gehen tausende von Menschen über diesen Bodenstreifen, vielleicht du auch?

Die Menschen finden die Schutzbunker über ein Symbol, das man sich einprägen sollte. Es ist ein blaues Dreieck mit orangem Hintergrund. Sollte also Luftalarm ertönen, dann muss man Orte aufsuchen, wo dieses Zeichen zu erkennen ist.

Das Symbol für den Luftschutzbunker oder -raum.

Zweite Filmstation waren die Gänge unterm Hauptbahnhof, wo man underground shoppen gehen kann. Vielen Finnen wird im Alltag wohl nicht bewusst, dass es nicht unbedingt normal ist, dass der 24h-Supermarkt und der Alkoladen sich hier unter der Erde befinden. Das hat nicht unbedingt Sicherheitsaspekte, sondern ist vor allem auch bequem, wenn es über Tage -15 Grad hat und eisig ist. Unten herrscht immer eine angenehme Temperatur von mindestens 4 Grad – meistens wesentlich mehr sogar. Höhlenverhältnisse, wenn man so will. Auch wenn es regnet, ist es wesentlich angenehmer, trockenen Fußes seinen Einkauf tätigen zu können.

Wir gingen weiter zum Museum Amos Rex, das fast sämtliche Ausstellungsräume unter Tage hat. Hier marschierten wir einfach herein und fragten nach einer Drehgenehmigung, die wir auch nach circa fünf Minuten erhielten. Das soll mal jemand in Deutschland versuchen… da braucht man alles vorher schriftlich und in siebenfacher Ausfertigung…. Das Museum hat passenderweise auch eine Ausstellung genau mit dem Titel „Maanala / Underjorden / Subterranean“ (ungefähr: unter der Erde) am Laufen. Dazu sicher bald einmal ein eigener Blog. Über die Eröffnung gab es bei mir natürlich einen gesonderten Blog, siehe https://claudiashelsinki.com/2018/11/17/das-neue-amos-rex-museum-in-helsinki/.

Noch bis zum 21.8.2022 im Amos Rex.

Dann machten wir uns schon auf, um zumindest den Tunneleingang sehen zu können, der das Festland mit der Festungsinsel Suomenlinna verbindet. Es gibt immer noch Leute, die meinen, es handele sich um eine urbane Legende, aber es stimmt. Es gibt einen Tunnel unterm Meer, der einspurig nach Suomenlinna führt. Er ist ausschließlich in Verwendung der Behörden. Während wir im Park filmten, wo der Tunneleingang sich befindet, wollten drei Fahrzeuge in den Tunnel rein, darunter auch ein Fahrzeug von Helen, dem städtischen Stromversorger. Auch habe ich von einer Bekannten gehört, die auf Suomenlinna gelebt hat und eventuell immer noch lebt, deren Kind mitten in der Nacht auf die Welt kommen wollte, die Ambulanz, die sie holte, benutzte den Tunnel. Zwischen 2 und 5 Uhr fährt nämlich die Fähre nicht, da kann man dann nicht warten.

Es geht gleich steil runter unters Meer.

Es gibt insgesamt circa 90 Örtlichkeiten, die dual genutzt werden. Das heißt, es gibt eine ganz normale alltägliche Nutzung, z.B. als Schwimmbad (in Itäkeskus), als Go-Cart-Bahn, als Metrostation oder Parkhaus (Parkhaus Forum oder das Parkhaus vom Finlandia-Haus, das auch als Parkhaus vom Musikhaus dient). Innerhalb von 72 Stunden muss man diese Stätten dann schutzbunkertauglich machen können. Das steht dann auch in den Verträgen der Firmen, die diese Stätten zum Beispiel als Go-Cart-Rennbahn nutzen.

Weitere Underground-Stätten in Helsinki sind zum Beispiel auch Keller von einigen Kirchen, so befindet sich in der beliebten Felsenkirche in deren Keller ein Bunker. Gleichzeitig ist dieser Pausenraum und Garderobe der Kirchenangestellten, wo die Pfarrerin und der Orgelspieler ihre Kleidung wechseln können.

Es wäre also eigentlich ganz einfach: Mit ein bisschen Mehraufwand bei der Planung und etwas höheren Kosten könnte man viele Stätten des alltäglichen Lebens gleichzeitig zu Luftschutzbunkern ausbauen. In Finnland hat man schon immer daran gedacht, weil laut einem alten finnischen Sprichwort – sinngemäß – dem östlichen Nachbarn nicht zu trauen ist, vor allem nicht der Führung. Better safe than sorry: das sagen die Engländer dazu.

Natürlich hilft in Helsinki auch der allgegenwärtige Granit, dass man hier so einfach Höhlen in den Felsen bauen kann. Wer meinen Blog zum Granit noch nicht kennt, dann kann man hier nachlesen: https://claudiashelsinki.com/2022/04/03/grandioser-granit/.

Hoffen wir, dass die Bunkeranlagen nie zum Einsatz kommen müssen. Es ist halt genauso wie mit der Feuerwehr. Wir hoffen auch, dass wir sie nie brauchen müssen, aber sie deswegen abzuschaffen, weil man sie letzten paar Wochen nicht gebraucht hat, wäre ein folgenschwerer Fehler. Hier in Finnland folgt man im Augenblick einer alten Römerweisheit: „Si vis pacem para bellum.“ Wenn du Frieden willst, rüste zum Krieg (Marcus Tullius Cicero). Besser als die alten Römer kann man es auch nicht sagen.

Hier der Link zum Fernsehbeitrag, er dauert nur fünf Minuten: https://www.rtl.de/videos/fuer-den-notfall-gewappnet-der-bunker-unter-helsinki-6263fe691905843f930deca2.html. Falls du außerhalbs von Deutschland wohnst, brauchst du zum Sehen ein VPN.