Neuestes von FI-DACH

Zwischen dem 13. und 14. Februar fand an der Universität Köln die KickOff-Tagung eines neuen akademischen deutsch-finnischen Netzwerkes statt, genannt „FI-DACH“. FI steht natürlich für Finnland, und DACH sind die Abkürzungen der drei großen deutschsprachigen Länder Deutschland, Österreich und der Schweiz. Diese Abkürzung ist vor allem Deutschlehrern rund um die Welt ein Begriff, manchmal sogar erweitert um das „L“ für Liechtenstein und Luxembourg in ein „DACHL“. Schließlich sollen ja Deutschlernende aus aller Welt erfahren, dass Deutsch nicht ausschließlich in Deutschland gesprochen wird! Um ganz genau zu sein, handelt es sich also um ein deutsch- und finnischsprachiges Netzwerk, da auch Österreich mit der Universität Graz schon mit dabei ist, von den „drei Großen“ fehlt nur noch ein Schweizer Partner. Bitte melden Sie sich also, wenn die folgenden Forschungsthemen in das Profil Ihrer Schweizer Universität oder Hochschule passen. Zum Organisationsteam gehörten dann auch noch die Universitäten von Köln, Greifswald und Turku. Bei Greifswald haben wir es mit der alten Finnischlehrhochburg der DDR zu tun, wo man sich auf die Vermittlung von Finnisch spezialisiert hatte.

 

Im Blickpunkt liegen alle Themen, die in der Schnittstelle deutschsprachig in allen deutschsprachigen Regionen Europas (FI-DACH) und Finnland oder Finnisch liegen. Besonders interessant war es, dass zwar in der Hauptsache Germanisten und Fennisten, und zwar sowohl aus der Linguistik als auch aus der Literaturwissenschaft, vertreten waren, aber auch Historiker. Da meine Forschungsinteressen genau in diesem Bereich liegen, war es auch kein Wunder, dass ich unbedingt mit dabei sein wollte und auf der Tagung mit „Finnland ist Pfannkuchen, Blaubeeren und Fisch“ – Hybride transkulturelle finnisch- deutsch-österreichisch-schweizerische Essheimaten“ vertreten war.

Im Folgenden ein kleiner Überblick, welche Themen auf der Tagung vertreten waren. Der Vielzahl der Beiträge wegen musste parallel in zwei Sektionen getagt werden, so dass ich leider – wie alle anderen Tagungsteilnehmer auch, nur eine davon genießen konnte, die dann auch die Chance hatte, hier im Blog etwas näher vorgestellt zu werden.

 

Eröffnet wurde die Tagung von Professor Christoph Parry, der einen hervorragenden Überblick über die Geschichte deutsch-finnischer Kulturbeziehungen lieferte, die er „ein asymetrisches Verhältnis zwischen unfesten Beteiligten“ nannte. Kann man angesichts der Tatsache, dass Finnland vor 1809 Teil von Schweden war, für die Zeit vor 1809 überhaupt von deutsch-finnischen Beziehungen sprechen, oder sind diese nur ein Teil der deutsch-schwedischen Beziehungen? Er erinnerte daran, dass der deutschsprachige Raum bis Ende des Mittelalters bis 60 Kilometer südlich von Finnland reichte, nämlich in der Form des deutschsprachigen Adels von damals Reval, heute Tallinn. Auch war die finnische Stadt Wiborg im 18. Jahrhundert eine vielsprachige Stadt, ein Viertel ihrer Einwohner sprach Deutsch als Muttersprache!

 

Danach berichtete Ristomatti Ruohianen über die Entstehung von Mischvarietäten in deutsch-finnischen Familien und Gemeinschaften („Katso nyt, kun tuo Anzeige blinkkaa jo sofortia.“). Entsteht hier etwa eine eigene Pidgin-Sprache? Pia Maria Päiviö folgte mit „Kommunikationsstrategien und Kommunikationsprobleme – Wie die Muttersprache verloren geht“.

 

Die Germanistikprofessorin der Universität Oulu, Sandra Reimann, bot unter der Überschrift „Wirtschaftskommunikation aktuell“ linguistisch-funktionale Analysen im deutsch-finnischen Kontext. So untersuchen ihre Studierenden den deutschsprachigen Werbeauftritt von Ruka. Henrik Oksanen stellte sein Doktorarbeitsprojekt „Pragmatische Einflüsse auf syntaktische und textstrukturelle Merkmale deutscher und finnischer Rechtstexte“ vor.

 

Buchautor und Deutschlektor an der Universität Tampere Dieter Hermann Schmitz versuchte eine Retrospektive auf mehrere Jahrzehnte Austausch, Begegnung und Kulturkontakt auf Graswurzelebene in seinem Vortrag über den Finnisch-Deutschen Verein in Tampere, er lieferte dann mit seiner Lesung auch das Abendprogramm, veranstaltet in der Finnischen Gemeinde Köln.

 

Deutschlektor an der Aalto-Universität Hans-Joachim Schulze berichtete über die Vermittlung von Landeskunde Deutschlands in seinen Deutschkursen. Sein Kollege Pauli Kudel und er haben ein hervorragendes Konzept für die Mittelstufe entwickelt, wie sowohl Studierende der technischen Fächer, als auch solche der Wirtschaftswissenschaften und auch solche der künstlerischen Fächer von ein und demselben Deutschkurs (mit Binnendifferenzierung) profitieren können.

 

Deutschlektorin Minna Maijala von der Universität Turku erfreute uns mit einer Zeitreise durch finnische Lehrwerke, immer FI-DACH-Begegnungen im Mittelpunkt. So konnten wir mitverfolgen, dass die Lehrbuchpersonen immer Kinder ihrer Zeit sind, die deutschen Frauen in den Lehrwerken der 70er und auch noch 80er Jahre sind Hausfrauen, nur ihre Männer arbeiten. Besonders interessant sind auch die Darstellung von BRD und DDR in den Lehrwerken, man bemühte sich, beide deutsche Staaten „gleichrangig“ und vor allem mit Hilfe von Fakten darzustellen. Dass im Buch vorgestellte DDR-Bürger vor allem „Skilaufen im Thüringer Wald lieben“, mag zwar richtig sein, nicht erwähnt wird, dass sie am liebsten aber natürlich im Ausland Urlaub gemacht hätten.

 

Virpi Kivioja stellte ihre Forschungsarbeiten vor, in denen sie untersucht, wie Deutschland in finnischen Erdkundelehrbüchern und Finnland in deutschen Erdkundelehrbüchern dargestellt wird.

 

Salla Sorvisto-Santoro berichtete über ihre gerade frisch absolvierte Doktorarbeit „Das Finnland-Bild in der deutschen Presse – Zur Erforschung von medial vermittelten Stereotypen.“ Dabei nahm sie längere Zeitungstexte von überregionalen deutschen Zeitungen zwischen 2010 und 2017 unter die Lupe und untersuchte sie nach Stereotypen. Ihre Hitliste an Stereotypen: „Natur“, „innovativ/ kreativ“, „Sauna“, „Holz-und Papierindustrie“, „Menschenleere“, „Gleichwertigkeit“, „Skurriles“… alles Themen, die Ihnen auch einfallen werden, wenn Sie an Finnland denken.

 

Auch der Krimi war vertreten, sogar mit zwei Präsentationen. Einmal stellte Katri Wessel von der Universität München unter dem Titel „Mittsommer in Verikylä und Winter in Karelien“ ihre Beobachtungen zum Finnlandbild deutschsprachiger Kriminalromane vor. Germanistik-Professorin Alexandra Simon-López hatte „Morden im Norden: Das Finnlandbild in den Kriminalromanen von Jan Costin Wagner aus transkultureller Perspektive“ im Sinn.

Ein interessantes Detail kam bei der Publikumsdiskussion zutage: Die stereotyp hohe Selbstmordquote in Finnland, die einem auch als Fremdenführer öfter präsentiert wird, hat auch damit zu tun, dass die finnische Polizei so gut wie alle außergewöhnlichen Tode aufklärt, während in vielen anderen Ländern dieses nicht der Fall ist. Das, was in Finnland wegen der guten Aufklärungsquote als Selbstmord identifiziert wird, fällt in anderen Ländern aus der Quote heraus.

 

Weiter ging es mit Judith Meurer-Bongardts Vortrag „Von bewusstseinserweiternden Pflanzen oder der Überwindung des Menschen: (Finnish) Weird als literarische Antwort auf die ökologischen Krisen des Anthropozäns?

 

Zum Schluss durften wir noch verfolgen, wie man die Musik der deutschen Band Rammstein erfolgreich im Deutschunterricht einsetzen kann. Kati Perälä berichtete uns von zwei Volkshochschulkursen, die mit Rammsteintexten Deutsch vermitteln. Da die Finnen die größten Metalfans Europas sind, wird uns das nicht wundern. Hier findet man die weltweit höchste Dichte an Hard Metal Bands in der Welt.

 

Leider verpassen musste ich die folgenden Vorträge aus der Parallelsektion:

Jan Körnert und Marko Pantermöller berichteten über die Roller deutscher Vorbilder bei der Verbreitung vorgenossenschaftlichen Gedankenguts in Finnland sowie der Etablierung eines ausgeprägten nationalen Genossenschaftswesens. Zum Thema sollte man vielleicht wissen, dass eine der beiden beherrschenden Supermarktketten Finnlands eine Genossenschaft ist. Professorin Leena Kolehmainen von der Universität Turku berichtete über deutsch-finnische Nachbarschaften in einer finnischen Industriestadt.

Dörthe Horstschäfer blätterte in ihrem historischen Kriegsfotoalbum und stellte Fotografien in Kriegsliteratur aus Finnland vor. Thekla Musäus berichtete von „Dieser gottverlassene Ort – Deutschland, Deutsche und Nazis in der finnischen Belletristik nach 1989“.

Berthold Fuchs aus Jyväskylä hatte das Langenscheid Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache im Fokus und stellte seine Verwendung in der Lehre der Auslandsgermanistik vor. Johanna Moilanen erläuterte die Auffassungen der finnischen Deutsch- und Schwedischlehrer über Ausspracheunterricht. Sabine Grasz von der Universität Oulu berichtete über sprachliche Diversität und Mehrsprachigkeit im finnischen DaF-Unterricht.

Pekka Kujamäki von der Universität Graz referierte unter der Verwendung des Zitates „Nach wie vor warten wie ungeduldig auf Klassiker unserer Literatur in deutscher Übersetzung“ über die Propagandaoffiziere des finnischen Verbindungsstabs im Auftrag der Waffenbrüderschaft.

 

Niina Syrjänen gab uns Einblicke in die militärischen Translationskulturen: Übersetzen und Dolmetschen im Hauptquartier der finnischen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg war ihr Forschungsgegenstand.

 

Yvonne Bindrim stellte ihre Fallstudie zur Normalisierung von Graduierungen in Übersetzungen vor („Ei se ollut mitenkään perkeleen vaikeeta. War nicht einmal so schwer.“)

 

Fennistik-Professorin Marja Järventausta von der Universität Köln stellte finnische Übersetzungen deutschsprachiger Kinder- und Jugendliteratur im 19. Jahrhundert vor und Arja Rinnekangas, Verlegerin eines literarischen Verlags, berichtete über „Literaturübersetzer und Verleger – Brückenbauer zwischen den Kulturen“.

 

Wenn Ihnen jetzt der Kopf schwirrt, dann kein Wunder. Mir ging das am Ende der zwei Tage auch so. Die akademische FI-DACH-Welt ist also alive and kicking. Nur insgesamt zwei Vorträge wurden auf Englisch gehalten, alle anderen auf Deutsch. Die vielfältigen Beziehungen zwischen der deutschsprachigen Welt und Finnland sorgen dafür, dass es weiterhin viel zu erforschen gibt.