Finnland als Traumland für Ahnen-forscher

Heute möchte ich über einen Aspekt Finnlands berichten, den in der Vergangenheit nur wenige Gäste kennengelernt haben, aber in Zukunft immer mehr kennenlernen werden. Es geht um die Möglichkeiten, in Finnland Ahnenforschung zu betreiben. Nur sehr wenige Deutsche werden zum Teil finnische Wurzeln haben, ihre Anzahl wird aber immerhin auf 30.000 geschätzt. Aber dafür um so mehr Amerikaner, Kanadier, Australier und Neuseeländer. In die USA sind in den letzten 200 Jahren circa 300.000 Finnen ausgewandert, also circa die Hälfte der Bevölkerung Helsinkis. Deswegen gibt es immer mehr Touristen im Sommer, die hierher kommen, um das Land ihrer Vorfahren kennenzulernen. Zu diesem Zweck biete ich übrigens auch eine eigene englischsprachige Führung an: My Finnish Heritage!

Nach Meinung vieler ist Finnland auch das neue Land der unbegrenzten Möglichkeiten, weil hier jeder ohne Ansehen des Geldbeutels seiner Eltern eine qualitativ hochwertige Ausbildung erhalten kann, anders als in den USA. In der Tat hatte ich in meiner Arbeit als Fachhochschuldozentin schon einige amerikanische Studenten mit einem finnischen Familiennamen und finnischen Vorfahren, die hierher kamen, um kostenlos eine Hochschulausbildung zu erhalten – allerdings müssen EU-Ausländer in einigen Fächern seit 2017 Studiengebühren zahlen.
Wer seine finnischen Vorfahren kennenlernen will, findet ein Paradies vor, fast alle Unterlagen liegt digitalisiert vor und können ohne jegliche Nutzungsgebühren meist im Internet genutzt werden. Aber nicht nur deswegen ist Finnland das gelobte Land der Ahnenforschung, auch die Masse der Daten und ihr Alter beeindrucken. Sehr viele Finnen können ihre Vorfahren ohne Probleme über fünf bis sogar ein Dutzend Generationen zurückverfolgen. Das, ohne adelig zu sein.
Warum ist das so?
Der wichtigste Grund sind die Qualität und Gründlichkeit der Kirchenbücher, und die protestantische Religion. Gustav I. Wasa (schwedischer König 1523–1560) hatte sein Reich protestantisch gemacht, so dass in dieser Region die lutherische Religion seitdem Staatsreligion ist (aus diesem Grund trifft fast alles, was ich hier über Finnland schreibe, auch für Schweden zu). Von den Untertanen wurde gefordert, dass diese den Katechismus auswendig konnten, später kam die Forderung dazu, dass man lesen und schreiben können musste, um heiraten zu dürfen. Das musste kontrolliert werden, wer konnte das besser als die örtlichen Pfarrer? Gleichzeitig konnte man mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen, weil die Registrierung aller neugeborenen Kinder auch dazu führte, dass sich niemand mehr einer Musterung oder der Zahlung von Steuern entziehen konnte. Schweden brauchte für seine vielen Kriege sehr viele Soldaten und ein guter Anteil dieser Soldaten kamen aus Finnland. Der Schlachtruf Hakka päälle (Hau drauf!) der finnischsprachigen Soldaten führte dann auch zu den gefürchteten “Hakkapeliiten”, die im dreißigjährigen Krieg bis in Süddeutschland ihr Unwesen trieben.

 

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Lesesaal des Nationalarchivs, das bei meiner Spezialführung „My Finnish Heritage“ besucht wird

 

Das schwedische Kirchengesetz von 1686 bestimmte, dass die Pfarrer die Kirchenbücher auf aktuellem Stand zu halten hatten, dazu gehörten die sogenannten rippikirjat (ganz ursprünglich wurde hier noch in katholischer Zeit notiert, ob jemand die jährliche obligatorische Beichte abgeleistet hatte), die Geschichtsbücher (in denen alle Geburten, Toten und Heiraten eingetragen wurden) und die Listen der Zu- und Wegzüge. So findet man zum Beispiel auch in den Kirchenbüchern, wenn jemand nach “Amerika” ausgewandert ist. Die Buchhaltung wurde immer umfangreicher. Der finnische Bischof Johannes Gezelius (der Ältere, 1615-1690) entwickelte sogar vorgedruckte Formulare, um den Pfarrern die Arbeit zu erleichtern. Hier wurde in eigenen Spalten notiert, wenn jemand am Abendmahl teilgenommen hatte, es gab eine extra Spalte für Bemerkungen, wo zum Beispiel Vergehen eingetragen werden konnte – die NSA der damaligen Zeit! Bestimmte “Vergehen” verfolgten die Betroffenen ein Leben lang: ein unehelich geborenes Kind bekam als zweiten Vornamen den Vornamen der Mutter mit dem Anhängsel -sohn beziehungsweise -tochter, und als Familiennamen den Namen der Mutter. Wenn Maria Martikainen also einen unehelichen Sohn bekam und ihn Heikki nannte, dann wurde er vom Pfarrer Heikki Marianpoika (= Marias Sohn) Martikainen getauft. Wäre es ein Mädchen mit dem Namen Anna geworden, dann hätte sie Anna Mariantytär (=Marias Tochter) Martikainen geheißen. Im Falle einer ehelichen Geburt war der zweite Vorname ein Patronym, also nach dem Vater benannt. So war bombenfest gesichert, dass sowohl im Vor- als auch im Nachnamen erkenntlich wurde, dass es sich um ein uneheliches Kind handelt. Noch viel später dienten die Bücher auch als Impfregister.

Bis 1923 musste in Finnland jeder Mitglied einer Kirche sein – und die eigene Kirche führte ihre Mitgliedsregister, in der Regel entweder die evangelische oder die orthodoxe Kirche. Erst danach gab es die Möglichkeit, ohne Bekenntnis zu sein, dann übernahmen die Magistrate die Aufgabe, die zivilen Register zu führen.

Hier ein paar sehr nützliche Adressen für die Ahnenforschung:
Das HisKi-Projekt: hier werden die Kirchenbücher digitalisiert und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt: https://hiski.genealogia.fi/historia/. Wenn man weiß, wo die eigenen Ahnen herkommen, schaut man unter der Kirchengemeinde nach.
Die finnische genealogische Gesellschaft unter: http://www.genealogia.fi/, die auch das HisKi-Projekt ins Leben gerufen hat. Unter anderem betreibt diese Gesellschaft die Adresse https://sukuhaku.genealogia.fi/default.asp, wo man den eigenen Familiennamen eingeben kann und schauen kann, ob über diesen irgendwelches relevantes Material existiert. Zum Beispiel gibt die Gesellschaft auch eigene Publikationen heraus, hier kann man zum Beispiel die Ahnenlinien aller finnischen PräsidentInnen kennenlernen:
https://www.tiedekirja.fi/default/tasavallan-juuret.html Und wenn man dann genug lange geforscht hat, kann man zu sehr interessanten Ergebnissen kommen: da meine Mutter finnisch ist, konnte ich sämtliche erwähnten Quellen nutzen und habe auf der finnischen Seite die Daten der meisten Ahnen fast komplett: die erste Lücke kommt in der vierten Generation (Ururgroßeltern), wo ich eine Person nicht finden kann. In der fünften Generation fehlen mir die Daten für zwei Personen (natürlich die Eltern der fehlenden Person aus der vierten Generation). In der sechsten Generation fehlen mir von insgesamt 32 Personen auch nur insgesamt fünf Personen. Erst in der siebten Generation gibt es größere Lücken. Die ältesten Daten stammen aus der 15. Generation, der älteste von mir gefundene Ahne Olli Ryynänen wurde circa 1550 geboren, im selben Jahr, als Helsinki gegründet wurde. Das alles, ohne einen einzigen Adeligen in der Familie zu haben, in der Hauptsache sind es selbständige Bauern der Region Savo.

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Und vor kurzem habe ich herausgefunden, dass ich vierte Cousine vierten Grades mit dem finnischen Maler Pekka Halonen, wer ihn noch nicht kennt: https://de.wikipedia.org/wiki/Pekka_Halonen, viele seiner wunderschönen Landschafts- und Naturgemälde hängen im Ateneum, der finnischen Nationalgallerie.  Und außerdem bin ich vierte Cousine dritten Grades des finnischen Präsidentens Urho Kaleva Kekkonen! Letzterer ist eine finnische Legende, wenn man ihn noch nicht kennt, dann sollte man ihn kennenlernen, er war 25 Jahre lang Präsident Finnlands, von 1956 bis 1981 und damit das am längsten amtierende demokratisch gewählte Staatsoberhaupt der Welt (schon wieder so ein Weltrekord, siehe Finnland und Helsinki als Europa- und Weltmeister)! Sein großer Verdienst ist die äußerst geschickte Außenpolitik Finnlands in Bezug auf den östlichen Nachbarn: https://de.wikipedia.org/wiki/Urho_Kekkonen. Nach ihm wurde übrigens auch der Urho-Kekkonen-Nationalpark benannt, der unbedingt einen Besuch wert ist: https://de.wikipedia.org/wiki/Urho-Kekkonen-Nationalpark.

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