Oodi – das neue Wohnzimmer im Zentrum von Helsinki

Am 5. Dezember um 8 Uhr öffnete die neue Stadtbibliothek von Helsinki ihre Pforten. Der Ansturm an diesem Tag war so groß, dass es Schlangen gab und die Security den Zugang zu den oberen Stockwerken beschränken musste.
Die Bibliothek sollte ursprünglich die 100-Jahr-Feier der Unabhängigkeit Finnlands am 6.12. 2017 krönen, schon Jahre im voraus war klar, dass es nicht aufs Jahr genau gelingen konnte, aber mit exakt 364 Tagen Verspätung war es dann soweit. Das Festprogramm zur Eröffnung dauerte zwei Tage voll spannendem Programm. Nicht nur der Präsident Finnlands, Sauli Niinistö, hat mitgewirkt, auch seine Frau Jenny Haukio, die die von ihr 2017 herausgegebenen Gedichtanthologie Katso pohjoista taivasta (Schau den Nordhimmel an; Otava) vorstellte. Neben vielen anderen musikalischen Höhepunkten war auch Solju dabei, eine Band aus Finnisch-Lappland, in der Mutter Ulla und Tochter Hildá samischen Joik und Popmusik aus ganz Europa miteinander verbinden. Wer samischen Joik über längere Zeit verfolgt hat, der kennt die Mutter Ulla Pirttijärvi-Länsman von der Gruppe Angelin tytöt. Hier ein Video der beiden aus einem Konzert diesen Jahres.

Die internationale Ausschreibung gewann das Architekturbüro AL aus Helsinki, das zuvor bekannt worden war durch den Bau des Theater- und Konzerthauses Kilde (norwegisch für „Brunnen“), in Kristiansand, Norwegen. Oodi ist ein geschwungenes Gebäude mit den Hauptelementen Holz, Glas und Stahl; gebaut hat die Firma YIT. Gekostet hat das Ganze 98 Millionen Euro, 30 Millionen hat der Staat als Hauptprojekt der 100-Jahr-Feier Finnlands zugeschossen, den Rest trägt in der Hauptsache die Stadt Helsinki.

Der Name Oodi (schwedisch Ode) wurde übrigens, wie in Finnland bei solchen Projekten häufig, durch eine Publikumsabstimmung gefunden.
Draus geworden ist das neue Wohnzimmer der Helsinkier. Es gibt viele unterschiedliche Möglichkeiten, Menschen zu treffen und sich zu unterhalten – ohne kommerziellen Zwang.
Das Gebäude hat eine Aufteilung in drei Ebenen: im Erdgeschoss befinden sich die Ausleihe, Garderobe, ein Kaffee (gemanagt von Fazer, der finnischen Schokoladenlegende), ein Kino (das erst 2019 aufmachen wird). In der zweiten Ebene gibt es Arbeitsräume, Besprechungszimmer, die jeder Bürger reservieren kann, eine Werkstadt (zum Beispiel mit 3-D-Druckern und Nähmaschinen) und ein Tonstudio.
Erst in der dritten Ebene merkt man so richtig, dass es sich um eine Bibliothek handelt. Hier stehen die über 100000 Werke, alle in Griffweite – es gibt keine hohen Bücherregale, die nur mit einer Leiter zu erreichen wären. Darunter übrigens auch eine Abteilung für fremdsprachige Bücher, inklusive deutschsprachige. Wer in Helsinki angekommen noch nicht ganz weiß, welche Route er zum Nordkapp nehmen soll: der dazu passende Reiseführer findet sich bei Oodi! Die Arbeit der 54 Bibliotheksangestellten erleichtern zwei Roboterarme und drei mobile Roboter, dadurch verrichten Menschen weniger Routinearbeit und können sich mehr der Beratung der Besucher widmen. Zum Interieur gehören auch neun lebende Bäume. Auf dieser Ebene gibt es auch einen Balkon, der im Sommer sicher gut in allgemeiner Verwendung sein wird. Wer auf den Teppich vor den Bücherregalen aufmerksam geworden ist (ein Foto bei der Eröffnung war wegen der Menschenmenge unmöglich), der sollte sich auch die übrigen sehr reizvollen Arbeiten der Künstlerin Marika Maijala anschauen: https://marikamaijala.squarespace.com/characters/

Das Gebäude blickt direkt auf das Parlamentsgebäude, eine Perspektive, die so gewollt ist, es soll eine Gesprächsperspektive sein zwischen den Volksvertretern und den Vertretenen. So etwas wie eine Bannmeile gibt es beim finnischen Parlament so wie so nicht, alle können sich auf den Stufen des Parlaments frei bewegen, nur für eine Demonstration braucht man eine Genehmigung.

 

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Blick auf das Parlamentsgebäude

 

Die Investition zeigt einmal mehr den hohen Wert, den man in Finnland den Bibliotheken zumisst. Finnland hat nicht nur die geringste Analphabetenrate der Welt, sondern auch die fleißigsten Bibliotheksbenutzer. Die Bibliothek wird sieben Tage die Woche geöffnet sein, an Wochentagen von acht bis 22 Uhr, am Wochenende von zehn bis 20 Uhr. Angestrebte Besucherzahl pro Tag liegt bei 10000, im Jahr 2, 5 Millionen – das wäre dann schon fast die Hälfte der finnischen Bevölkerung. In ganz Finnland gibt es – für ein Land von 5,5 Millionen Menschen – 853 Bibliotheken mit einem Gesamtbestand von 35 Millionen Werken. Einen Bibliotheksausweis besitzen 1,9 Millionen Menschen, für die Benutzer ist alles kostenlos. Das Ganze kostet im Staatsbudget pro Einwohner 57 Euro, eine Investition, die sich lohnt.

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