Neue Erkenntnisse über die Besiedlung Finnlands – Wie Genforschung die Linguistik bestätigt

Eine bahnbrechende neue Forschung ist diese Woche in der renommierten Zeitschrift Nature Communications herausgebracht worden: es gibt neue Erkenntnisse über die Besiedlung Finnlands. Im Folgenden werde ich die Hauptthesen des Artikels in Bezug auf Finnland wiedergeben.

Unter dem Originaltitel „Ancient Fennoscandian genomes reveal origin and spread of Siberian ancestry in Europe“ (Alte fennoskandinavische Genome geben Aufschluss über den Ursprung und die Verbreitung sibirischer Vorfahren in Europa) trägt ein Forscherteam aus 17 Mitgliedern die Ergebnisse jahrelanger Forschung zusammen. Beteiligt waren Forscher der Universitäten Helsinki und Turku, der Max Planck Institute in Jena und Leipzig und der Russischen Akademie der Wissenschaften, darunter auch Svante Pääbo, der als Vater der Paläogenetik (Teilbereich der Genetik, der sich mit der Erforschung fossiler und prähistorischer Überreste von Organismen beschäftigt) gilt. Als Doktorand gelang ihm 1984 erstmals die Klonierung der DNA einer Mumie, und auch bei der Sequenzierung des Neanderthaler-Genoms hat er eine Hauptrolle gespielt.

Wer den Artikel im Original lesen möchte: https://www.nature.com/articles/s41467-018-07483-5

Die Ergebnisse der Forschung sind in mehrerer Hinsicht interessant. Sie ergeben neue Hinweise auf die Art der Besiedlung Finnlands, auf die Geschichte der Samen, die Einführung der Landwirtschaft, die Verbreitung der indo-europäischen Sprachen und beantworten zum Teil die Frage, warum sich die Finnen genetisch so sehr vom Rest Europas unterscheiden.

Doch fassen wir zunächst zusammen, was man bisher schon wusste, das Thema ist nämlich nicht ganz unkompliziert.

Die letzte Kaltzeit endete in Skandinavien vor circa 10000 Jahren, und es gibt archäologische Belege, dass sich ziemlich bald danach die ersten Menschen am Rande der Eisgrenze ansiedelten. Belege hierfür sind zum Beispiel die Felszeichnungen von Alta in Norwegen, von den die ältesten 6500 Jahre alt sind. Der Grund für die frühe Ansiedlung sind wahrscheinlich wilde Rentierherden, die die Nähe des Eises schätzten, das sie vor Mücken schützte und eine ständige Wasserversorgung gewährleistete. Wo es viel Wild gibt, da konnte man als Mensch auch gut jagen. Zunächst unternahm man vom Süden aus Jagdausflüge im Sommer, dann blieb man – zumal sich das Eis mehr und mehr zurück bewegte – das ganze Jahr. Welche Sprache diese Menschen gesprochen haben, wissen wir jedoch nicht.

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Vom Rest Europas wissen wir, dass sich die Bevölkerung aus der Verschmelzung von drei verschiedenen Gruppen gebildet hat, die heute nicht mehr existieren und deren Gene in den Europäern der Jetztzeit in unterschiedlichen Maßen zu finden sind. Als erstes sind die europäischen Jäger und Sammler zu nennen, die wahrscheinlich die letzte Kaltzeit in den südlichen Teilen Europas überlebt hatten. Die zweite Gruppe waren die ersten Bauern Europas, die zusammen mit ihren Viehherden von der anatolischen Steppe aus anfingen, sich vor circa 8000 Jahren Richtung Europa zu bewegen. Als drittes gab es Gruppen aus der Steppenregion nördlich des Schwarzen Meeres (auch Pontokaspis oder früher Wildes Feld genannt, jetzt Teil der Ukraine), die vor 4500 Jahren anfingen, sich Richtung Westen zu bewegen, um in der Folge den genetischen Cocktail Europas zu bereichern. Diese tragen die Bezeichnung Jamnaja-Kultur (englisch: Yamnaya oder Yamna, ursprünglich aus dem Russischen). Diese Jamnaja haben Europa genetisch revolutioniert. Im Bereich des heutigen Deutschlands verdrängten zum Beispiel die Y-Chromosomen der Jamnaja zum größten Teil die zuvor vorherrschenden Y-Chromosomen. Was zu dieser Entwicklung geführt hat, ist noch unbekannt. Denkbar ist, dass die Jamnaja eventuell eine größere Pestresistenz aufwiesen und sie Laktose besser vertrugen, obwohl es dafür keine Belege gibt (es war ein Überlebensvorteil, wenn man Tiermilch auch als Erwachsener vertrug, der Großteil der Menschheit ist heutzutage immer noch laktoseintolerant). Am besten haben die Jamnaja-Gene in Finnland überlebt, wo circa 50 bis 68% der Bevölkerung über diese Gene verfügen. Paradoxerweise werden sie auch mit der Verbreitung der indo-europäischen Sprachen in Zusammenhang gebracht. Hier sieht man einmal mehr, dass Sprache und Genetik nicht Hand in Hand gehen müssen!

Nach den Autoren der neuen Studien erklären diese drei großen Gruppen aber nicht ganz die Zusammensetzung der Gene bei Samen, Russen, Mordwinen, Tschuwaschen, Esten, Ungarn und Finnen. Alle diese tragen zusätzliches Genmaterial, das sich durch die drei Gruppen nicht erklären lässt. Es handelt sich um solche Genvarianten, die man mit der modernen ostasiatischen Bevölkerung, zum Beispiel in China und Japan, gemeinsam hat. Wann und wie diese genetische Beimischung stattgefunden hat, ist aber unklar. Zum Klären dieser Fragen wurden nun die Gene von insgesamt 11 Personen analysiert, wobei die ältesten Funde 3500 und die jüngsten Funde 200 Jahre alt sind (sowie weitere 4 Genome noch älteren Datums, die aber nicht so gut erhalten waren). Leider haben wir in Finnland einen sehr sauren Boden, der alles gut verfaulen lässt, und deswegen insgesamt nur ganz wenig alte DNA-Funde. Am besten überlebt die DNA in den Zähnen, wovon auch diese Untersuchung profitiert hat. Als Vergleichsmaterial benutzte man das Genom eines modernen Samen. Sieben der untersuchten Genome kamen aus Levänluhta (bei Isokyrö) in Westfinnland, wo man unter einem See eine alte Grabstätte gefunden hatte. Die restlichen Genome kamen von zwei verschiedenen Stellen auf der Kola-Halbinsel in Russland (samisches Siedlungsgebiet). Überraschendes Ergebnis war, dass sowohl die Gene der „Westfinnen“ als auch von einigen der Personen auf der Kola-Halbinsel denen der jetzigen Samen sehr ähnlich sind. Diese Ergebnisse decken sich mit denjenigen der finnischen Namensforschung, die schon zuvor herausgefunden hatte, dass genau in der Region von Levänluhta einige Ortsnamen samischen Ursprungs sind (Rahkonen, P.: Onomasticon of Levänluhta and Käldamäki region. Suomalais-Ugrilaisen Seuran Aikakauskirja 96, 287–316 (2017). Ortsnamen sind nämlich sehr oft sogenannte Sprachdenkmäler und weisen auf die Sprache der ursprünglichen Bevölkerung hin. Diese Ähnlichkeit zeigt auch, dass es eine Kontinuität der Besiedlung Nordeuropas durch die samische Bevölkerung gegeben hat.Während der Eisenzeit bewohnten die Vorfahren der Samen also ein wesentlich größeres Areal als heutzutage.

Doch woher kommt die “genetische Prise” aus Asien?

Auch dazu hatte diese Untersuchung eine Antwort: sie kommt aus Sibirien und sie stammt von den sogenannten „Ancient North Eurasians“ (gebräuchliche Abkürzung: ANE, die „alten Nord-Eurasier“). Diese haben sowohl den West-Eurasiern als auch den Ureinwohnern Amerikas Genmaterial geliefert. Falls Sie Finne sind und bei Ihrer Ethnizitätsanalyse herausgekommen ist, dass Sie „amerikanische“ Anteile in ihrem Genom haben, dann muss ich Sie an dieser Stelle enttäuschen: nein, es gibt keinen Winnetou in ihrer Ahnenlinie, sondern Sie haben einfach nur noch etwas übrig von diesen „alten Nord-Eurasiern“.

Neu kommt nun hinzu, dass zusätzlich zu den schon bekannten drei Gruppen Migration von Sibirien das genetische Mix von Nordeuropa geprägt hat und dass diese Einwanderung schon vor mindestens 3500 Jahren begann. Diese genetische „Prise Sibirien“ hat vor allem die Bevölkerungen geprägt, die uralische Sprachen sprechen, also auch Finnen und Samen, aber auch Russen.

Mein alter Finnougristik-Professor Wolfgang Veenker würde sich über diese Forschungsergebnisse freuen. Er dissertierte zum Thema Die Frage des finnougrischen Substrats in der russischen Sprache. Bloomington / The Hague 1967. XV, 329 S. (Indiana University Publications, Uralic and Altaic Series; 82) und war der Meinung, dass die Russen entweder – etwas plakativ gesagt – alte Finnougrier waren, die einfach nur ihre Sprache gewechselt hatten oder Slawen, die unter starkem finnougrischem Einfluss standen. Zumindest wurde Russisch so weit von den umgebenden finnougrischen Sprachen beeinflusst, dass es als einzige indo-europäische Sprache nicht über das Verb „haben“ verfügt, eine Eigenschaft, die es mit dem Finnischen teilt!

Wir freuen uns auf eine weitere fruchtbare Zusammenarbeit zwischen der Genforschung und der Linguistik, die uns interessante Ergebnisse über unsere Vergangenheit liefern wird.

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