Faszination Lappland – Teil 1: Die Nordlichter

 

In Finnland gibt es den Begriff „lapplandverrückt“ (lapinhullu). Gemeint ist ein Mensch, den Lappland nicht loslässt, und der immer wieder dorthin zurück fahren muss. Man sagt auch, dass man zwar Lappland verlassen kann, aber Lappland verlässt einen nicht.

Leider – oder auch glücklicherweise – gehöre ich zu diesen Menschen.

Was macht Lappland nun so besonders?

Hier die wichtigsten Fakten:
#1 Lappland ist die letzte Wildnis Europas
Finnisch-Lappland hat im Durchschnitt zwei Einwohner pro Quadratkilometer und in der Region Eniöntekiö sind es weniger als ein halber Einwohner (0,45). Wer also wirklich noch Einsamkeit erleben will, der kann das in Lappland am besten. Garantiert kein Autobahnrauschen im Hintergrund. Dort werden die Sinne wieder scharf. Das hat natürlich auch eine Kehrseite. Man sollte sich orientieren können, um dort unterwegs zu sein. Man erlebt Weite, Ruhe und Natur.

#2 Lappland hat die einzigen indigenen Einwohner Europas, die Samen
Die Samen wurden lange Zeit als blöde Wilde diskriminiert, nun sind diese schrecklichen Zeiten vorbei. Endlich begreifen alle nordischen Staaten (bei Russland kann man sich da nicht so sicher sein…), dass wir hier ein Erbe haben, dass es zu bewahren gilt. Nun wurde auch an der Universität Helsinki ein eigenes Studienprogramm über Indigene Völker ins Leben gerufen: https://www.helsinki.fi/en/faculty-of-arts/research/disciplines/finnish-finno-ugrian-and-scandinavian-studies/indigenous-studies. Um andere indigene Völker kennenlernen zu können, müssen Sie in andere Kontinente fahren.

#3 Nirgendwo sonst können Sie sowohl die Mittsommernacht als auch die lichtlose Zeit im Winter – dafür aufgehellt mit Nordlichtern, so gut erleben.
So jetzt kann gleich jemand kommen und sagen: Stimmt nicht, Lappland ist zu weit im Süden, am besten sieht man Nordlichter auf Spitzbergen.
Lassen Sie uns hier also ein paar Fakten über die Nordlichter erklären, die Ihnen die wenigsten Tourismusanbieter präsentieren.

Was bedeutet „gut die Nordlichter erleben“ oder „beste Chancen auf Nordlichter“? Glauben Sie nicht einfach alles, was man Ihnen auftischen möchte.
Es stimmt, dass die Grundregel lautet:
1. Je nördlicher, desto bessere Chancen hat man auf Nordlichter. Leider liegt Spitzbergen aber so weit ab vom Schuss und ist von den Kosten her auch so hoch, dass es für die wenigsten in Frage kommt (Kreuzfahrtschiffe laufen Spitzbergen auch nur im Sommer an, so dass man im Winter für einen Flug über Norwegen tief in die Tasche greifen muss). Auf Spitzbergen hat man immer dann gute Chancen auf Nordlichter, wenn es woanders in Europa keine gibt, weil auch geringste geomagnetische Aktivität den Leuten auf Spitzbergen eine tolle Lichtshow bereiten kann, bei einer hohen Aktivität sehen diese allerdings nichts mehr, weil die Nordlichter südlich von Spitzbergen zu sehen sind.

 

Kreuzfahrt 2007 Nordland (46)

Ny-Ålesund auf Spitzbergen sollte man eher im Sommer genießen

 

 

Also ist Nordlappland besser als Südlappland. Allerdings kann man auch im Südfinnland Glück haben: die letzten Nordlichter sah ich am Abend des 7. September 2018, beim Landeanflug auf den Flughafen Helsinki / Vantaa. Einmal gelandet, war dann nichts mehr zu sehen. Es lohnt sich also, beim Flug über nördliche Gebiete zwischen Ende August und April in klaren Nächten die Augen aufzupassen.
2. Beste Chancen auf Nordlichter hat man auch dann, wenn die Stellen, wo man sie sehen kann, für den Normalbürger erschwinglich sind – daher fällt hier Spitzbergen aus der Kalkulation heraus. Und für Personen mit schmalerer Geldbörse leider manchmal auch Norwegen, das in der Regel noch einmal 30% teurer ist als Finnland. Wobei jedem klar sein sollte, dass kein einziger nordischer Staat sich für Billigtourismus eignet.

3. Manche Stellen haben insgesamt weniger Wolken als andere.
Norwegen ist ein paar Kilometer nördlicher als Finnland, aber ein Land, das sich in der Hauptsache an einer eisfreien Küste – bedingt durch den Golfstrom – befindet. Island ist ebenfalls sehr nördlich (mit der nördlichsten Insel Grimsey auf derselben geographischen Breite wie die Hauptstadt von Finnisch Lappland, Rovaniemi), hat aber fast genau dasselbe Problem wie Norwegen: die Besiedlung und der größte Teil des Straßennetzes befindet sich in unmittelbaren Nähe des Meeres (z.B die Rundstraße). Wir haben alle in der Schule gelernt, was es bedeutet, wenn kalte Luftmassen auf wärmeres Wasser stösst – es führt zu Nebelbildung. Das bedeutet leider, dass es an der Küste, auch an ansonsten idealen Tagen, oft zu lokaler Nebelbildung kommt. Fast jeder Besucher des Nordkaps kann davon ein Lied singen, die wenigsten haben es mit der klassischen Mittsommernachtssonne gesehen, ich selbst war auch schon da, als ich kaum die Hand vor den Augen sehen konnte! Das Problem erledigt sich in der Regel recht schnell: spätestens in 100 Kilometer Entfernung von der Küste ist der Einfluss des Wasser nicht mehr vorhanden. Abisko in Schweden ist auch deswegen eine der Top-Orte zum Sichten der Aurora borealis, weil man hier weit genug im Binnenland ist und es einer der trockensten Orte Schwedens ist.
Das Mikroklima ist hier wichtig, durch eine Einbettung in Berge kann der Einfluss des Meeres auch gemildert werden, was zum Beispiel bei Alta in Norwegen der Fall ist. Alta gilt bei vielen Lapplandkennern deswegen auch als Nr. 1 für Nordlicht-Schauen.
4. Manche Stellen sind verkehrstechnisch besser zu erreichen als andere. Was nützt einem eine Stelle, die man nur mit dem Helikopter erreichen kann? Die meisten Orte in Lappland sind so klein, dass es eine Straße zum Ort hin und eine heraus gibt. Bei drei oder vier Straßen erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass in gewisser Entfernung zum Ort es mehrere gute Beobachtungsstellen gibt. Ivalo und seine Umgebung sind in dieser Beziehung Nr. 1.
5. Punkt Licht- und Luftverschmutzung. Luftverschmutzung ist weniger ein Problem, in Muonio in Finnland haben wir bewiesenerweise die sauberste Luft der EU (siehe auch mein Blog: Finnland und Helsinki als Europa- und Weltmeister). Allerdings kann es bei kleineren Orten durch die Heizungswärme der Menschen vorkommen, dass sich eine Art Verschmutzungsglocke über den Ort legt, da reichen dann oft schon zwei Kilometer Entfernung aus, um dem Problem aus dem Weg zu gehen. Leider gehört Utsjoki zu diesen Orten. Lichtverschmutzung ist ein weitaus größeres Problem, da reichen meistens auch wenige Kilometer.
6. Manche Orte bieten eine bessere Kulisse für bessere Fotos, falls man es darauf abgesehen hat.

Der finnische Wetterdienst informiert auf seiner englischsprachigen Seite über die aktuelle Wahrscheinlichkeit von Nordlichter auf:
https://en.ilmatieteenlaitos.fi/auroras-and-space-weather
Auf der unteren Tabelle wird man über geomagnetische Turbulenzen in verschiedenen Orten Finnlands informiert, da Helsinki nicht dabei ist, schauen Sie hier auf „Nurmijärvi“, das liegt nur circa 30 Kilometer von Helsinki entfernt und hat eine eigene Messstation.
Einen kostenlosen Nordlichter“ticker“ gibt es auch auf: http://www.aurora-service.eu/aurora-forecast/ Die meisten Apps helfen einem nur, wenn man einen kostenpflichtigen Service dazu kauft. Manche Reisebüros geben Nordlichtgarantie: sie bieten den Service, bei der Sichtung von Nordlichtern durch ein SMS geweckt zu werden. Wenn man dann im gesamten Urlaub (von meistens einer Woche) nie ein SMS erhalten hat, darf man nochmals hinfahren, auf Kosten des Veranstalters, bitte checken Sie aber das Kleingedruckte! Allerdings muss man dann bereit sein, auch um zwei Uhr nachts aus den Federn zu springen, um die Show nicht zu verpassen, in zehn Minuten kann alles wieder vorbei sein (in diesem Bereich ähnlen sich das Ausschauen nach Walen und Nordlichtern). Gerade auch aus diesem Grund schießen in Lappland derzeit gläserne Iglus wie die Pilze aus dem Boden. Hier muss man nicht das warme Bett verlassen, sondern nur einfach die Augen aufhalten und hat die Show direkt über sich. Das lassen sich manche gutes Geld kosten.
Noch genauer wird es, wenn man ein Hotel erwischt, dass einen Nordlicht-Aufweckservice anbietet. Japaner und Chinesen haben eine besondere Beziehung zu den Nordlichtern: sie glauben, dass ein unter Nordlichtern gezeugtes Kind besonders glücklich werden wird. Kein Wunder, dass Frischvermählte sich gerne in diesen Glasiglus einmieten, wenn sie Pläne für Familiennachwuchs hegen.
Bei den Finnen sind die Polarlichter revontuulet, das bedeutet wörtlich die Feuer des Fuches, man sah den Schweif eines himmlischen Fuchses über das Himmelsfirmament huschen. In der samischen Mythologie sind sie die Seelen der Verstorbenen, die jedes Jahres Ausschau halten nach ihren Nachkommen. Dieser Gedanke ist so schön, dass mir das deutsche Wort Nordlichter viel zu technisch anmutet.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, dass Ihre Vorfahren bei ihrem Besuch in Lappland nach Ihnen Ausschau halten!

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