MSC im Sommer 2022 – statt mit der Fähre mit dem Kreuzfahrtschiff nach Finnland?

In meiner Reihe über die Ostseekreuzfahrten aller großen Anbieter von (teils) deutschsprachigen Ostseekreuzfahrten kommt nun MSC an die Reihe. In den vorherigen Teilen habe ich bereits die anderen Anbieter analysiert: https://claudiashelsinki.com/2022/01/28/klein-aber-oho-ostseekreuzfahrten-2022-bei-phoenixreisen-und-hapag-lloyd/, außerdem https://claudiashelsinki.com/2022/02/12/costa-an-der-ostseekueste-ein-fisch-aufm-fahrrad/, https://claudiashelsinki.com/2022/01/22/finnische-haefen-als-teil-einer-ostseekreuzfahrt-optionen-fuer-den-sommer-2022-teil-1-aida/ und das Angebot von TUI in: https://claudiashelsinki.com/2022/02/06/die-finnischste-kreuzfahrtflotte/.

In der Zwischenzeit (Datum des Blogschreibens: 13.3.22) hat sich die Welt verändert und alle erwähnten Anbieter haben aus sehr verständlichen Gründen St. Petersburg aus ihrem Angebot herausgenommen. In absehbarer Zeit wird also kein Kreuzfahrtschiff russische Häfen anfahren, was natürlich eine richtige Entscheidung ist. Wer weiß, für wie lange… Die Fremdenführerkolleg*innen dort tun mir jedoch leid, die meisten sind sehr westlich orientiert, wenn man Deutsch so gut kann, dass man die russische Geschichte auf Deutsch erklären kann, dann informiert man sich in der Regel auch aus den deutschen Medien. Für die englischsprachigen Kolleg*innen trifft das genauso zu. Aber wie immer treffen Boykotte in der Regel die ärmeren Menschen und weniger die Oligarchen. Erst Corona und dann Putins Krieg, das ist hart.

Die für die Kreuzfahrtschiffe zuständigen lokalen Agenturen haben in den meisten Fällen auch schon informiert, wie das Programm geändert werden wird. So läuft die Europa im August nun Riga und Turku an. Die Aida weicht einmal auf Hamina in Finnland aus (Premiere!). Die Termine fliegen einen nun um die Ohren. Oder es wird ein Overnight in Tallinn oder woanders eingeplant, wo es bisher keinen gegeben hat.

In den offiziellen Programmen im Internet findet sich jedoch in den meisten Fahrplänen immer noch St. Petersburg. Um eine Vergleichbarkeit mit den anderen Angeboten zu gewährleisten, nehme ich hier die alten Daten, die immer noch im Internet zu finden sind. Gewissermaßen wird mein Vergleich dann schon zu einem historischen: So sahen Ostseekreuzfahrten aus, als St. Petersburg (und bei ganz wenigen Anbietern auch noch Kaliningrad) noch im Angebot waren. MSC ist übrigens eine der wenigen Gesellschaften, die oft nur einen Tag in St. Petersburg geblieben sind, der Standard waren zwei Tage. Ich denke, dass diese Zusammenstellung dann immer noch wichtig ist. 2023 wird das Angebot wahrscheinlich komplett anders aussehen. Durch den Verlust von St. Petersburg könnte Finnland, aber auch die baltischen Staaten, wichtiger werden. Im schlimmsten Fall würde das Interesse an Ostseekreuzfahrten so lange erlahmen, wie der Konflikt in irgendeiner Weise andauert und die Gäste könnten sich überlegen, dass sie auf andere Weltteile ausweichen – mit dem Gedanken im Hinterkopf, sich St. Petersburg erst dann anzuschauen, wenn es wieder möglich sein wird. Wenn man dann unbedingt den Vorteil haben will, ohne Flugreise zur Kreuzfahrt anreisen zu wollen, dann werden Norwegen, Island und Kreuzfahrten rund um Großbritannien und Irland Gewinner sein. Gerade amerikanische Gäste könnten sogar auf die Idee kommen, gar nicht mehr nach Europa zu kommen. Wir wissen ja, wie es um die Geographiekenntnisse der meisten US-Amerikaner steht, angeblich finden zwei Drittel der Amerikaner die Ukraine auf der Landkarte nicht. Noch eine weitere mögliche Auswirkung wäre es, dass Ostseereisen in Zukunft einfach zwei Tage kürzer werden.

Doch zurück zu MSC. Die reine Masse des Angebots überwältigt. Genau 129 Kreuzfahrten werden angeboten, die mindestens einen Hafen in der Ostsee im Angebot haben (nicht mitgezählt wurden Kreuzfahrten, die entweder nur in Kopenhagen enden oder in Kopenhagen enden und keinen weiteren Ostseehafen anfahren). 62 davon sind leicht geänderte Varianten, so zum Beispiel, dass nur ein Teilstück gefahren wird, typischerweise statt 14 Nächten nur 7. Oder man steigt einen Hafen später ein und einen Hafen später aus. 41 der Kreuzfahrten haben als einzigen Ostseekreuzhafen nur Kopenhagen. Es bleiben aber noch 88 Kreuzfahrten mit mehreren Ostseehäfen. Helsinki wird 24 Mal besucht, nur die Aidas schauen häufiger vorbei.

MSC fährt auf zehn Basisrouten mit vier verschiedenen Schiffen (MSC Grandiosa, Preziosa, Poesia und Virtuosa) in die Ostsee. Kurz nach der ersten Veröffentlichung dieses Blogges wurde dann bekannt, dass die Grandiosa gar nicht mehr in die Ostsee kommt. Wenn man nach den Reisen sucht, gibt es allerdings ein Handicap. Ostseereisen sind nicht eigens aufgeführt, sondern man muss unter „Nordeuropa“ nachschauen und erhält zum Beispiel auch alle Norwegenreisen. Die Bebilderung lässt auch zu wünschen übrig. Es wird zwar darauf hingewiesen, es verstört aber mich schon, wenn ich zu Helsinki Bilder vom Geirangerfjord gezeigt bekomme.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob MSC eine wahnsinnige Menge von verschiedenen Kreuzfahrten anbieten würde. Das stimmt nicht so ganz. Ein und dieselbe Reise wird zum Teil vier- oder fünfmal aufgeführt, weil der Einstieg in Genua, der in Marseille und der in Barcelona jeweils als eine Reiseoption angeboten werden, genauso wie ein Ausstieg entweder in Warnemünde oder in Kiel oder in Kopenhagen. Es wird so der Eindruck einer Vielfalt von Optionen gemacht, der eher einer optischen Täuschung entspricht. Würde man die Reisen so anbieten, dass man eine Reise anbietet, aber mit Optionen für den Einstieg und den Ausstieg, dann wäre das ein bisschen übersichtlicher, aber vielleicht wird das dem oder der Kundin nicht zugemutet.

Hier war die MSC Meraviglia in Helsinki zu Besuch. 2016, also zum Zeitpunkt der Indienststellung war die MSC Meraviglia nach den Schiffen der Oasis-Klasse von Royal Caribbean International mit 5700 Gästen das größte Kreuzfahrtschiff und damit eines der größten Kreuzfahrtschiffe, das Helsinki bisher besucht hat.

Typ 1: Die klassische Transferfahrt aus dem Mittelmeer Richtung Ostsee, bei der maximal Göteborg und Kopenhagen besucht werden. Jedes der drei Schiffe hat eine solche Transferfahrt. Bei diesen Fahrten finden sich auch die günstigsten Tarife, minimal für 73 Euro am Tag ist man dabei, es ist nun mal keine Hochsaison, wenn diese Fahrten im April bis Mai durchgeführt werden.

Typ 2: Die klassische Ostseekreuzfahrt mit Helsinki, in der kürzesten Ausführung von sieben Tagen, maximal 12 Tage. Minimal liegt man bei 85 Euro am Tag, maximal bei 130 Euro. Beginn und Ende liegen wahlweise in Kiel oder Warnemünde oder Kopenhagen. Diese Auswahlmöglichkeit ist als kundenfreundlich anzusehen.

Zur klassischen Ostseefahrt gehört mindestens Kopenhagen, St. Petersburg, Tallinn und Helsinki. Interessanterweise nicht Stockholm (liebe Fremdenführerkolleg*innen in Stockholm, sic!). In der längeren Version kommen Gdynia (der Hafen von Danzig), Klaipeda, Riga, Visby und Stockholm dazu. Man könnte fast meinen, dass die Stellung, die Stockholm bei den meisten anderen Anbietern hat, bei MSC von Kopenhagen gehalten wird.

Typ 3: Die klassische Ostseekreuzfahrt ohne Helsinki und ohne St. Petersburg, ebenfalls in der kürzesten Ausführung von sieben Tagen. Dafür mit Stockholm. Ebenfalls mit Beginn und Ende entweder in Kopenhagen oder Warnemünde. Man sieht Riga, Tallinn und Stockholm. Also nicht die Variante, die ein Finnlandfreund wählt. Riga könnte jetzt auch schon als Ersatz für St. Petersburg da sein.

Typ 4: Eine Kurzkreuzfahrt mit Helsinki aus Ausschiffhafen, mit der MSC Preziosa vom 22.-26.5.2022. Nur fünf Tage und vier Nächte dauert diese Kurzreise, die in Kiel beginnt, dann einen Seetag hat und über Tallinn sowie ursprünglich St. Petersburg (nur ein Tag dort!) nach Helsinki führt. Sobald ich erfahre, welcher Ersatzhafen für St. Petersburg gewählt wurde, werde ich das hier im Blog hinzufügen. Das könnte auch eine sehr interessante Variante für Finnlandfreunde sein, auf diese Art und Weise nach Helsinki zu kommen, dann hier den Urlaub zu verbringen und die Rückreise in Eigenregie zu planen. Das Ganze für minimal 249 Euro. Wenn man bedenkt, was die Fähren im Sommer kosten oder auch ein Flug, dann handelt es sich um ein konkurrenzlos günstiges Angebot, angenehm nach Helsinki zu kommen. Von der Umweltbilanz besser als zwei Flüge, da der Weg fast dem der Finnlines-Fähre gleicht (je nachdem, was als Ersatzhafen für St. Petersburg gewählt wird), Zeit sollte man allerdings mitnehmen. Wenn mal so will, die Rentner- oder Pensionist*innenvariante.

Typ 5: Vom 18. bis 21. August geht es dann mit der Preziosa wieder zurück von Helsinki nach Kiel, mit Zwischenstop Stockholm, dieses Mal sogar für 239 Euro. Wer in Finnland ein Mökki hat, kann also nach dem Winter im Mai per Kreuzfahrt hierher kommen und im August wieder zurück nach Mitteleuropa. Vielleicht schickt man die Oma mit dem Kreuzfahrtschiff wieder bequem zurück nach Deutschland und fährt selbst mit dem Auto? Mögliche Kombinationen gibt es einige.

Typ 6: Eine 14nächtige Kreuzfahrt mit Helsinki als Ein- und Ausstiegshafen, mit der MSC Preziosa (26.5.-9.6.22 oder 9.-23.6.22 oder 23.6.-7.7.22 oder 7.7.-21.7.22 oder 21.7.-4.8.22 oder 4.8.-18.8.22). Bei der ersten Reise wird Halt gemacht in Stockholm, Kiel, Bergen, Alesund, Maloy, Stavanger, Kiel, Tallinn und ursprünglich St. Petersburg (das nun wohl durch einen anderen Hafen ersetzt wird oder durch einen Overnight in Tallinn, wie es jetzt schon bei der zweiten Reise zu sehen ist), bevor man wieder in Helsinki einläuft. Kleiner Schönheitsfehler ist der zweimalige Stop in Kiel. Trotzdem bietet diese Fahrt – speziell wenn man ein eigene An- und Abreise plant, eine gute Möglichkeit, die Kreuzfahrt mit einem Finnlandurlaub zu verbringen. Ich höre hier natürlich einige Finnlandpuristen aufmaulen: Wer ein Mökki-Typ ist, der geht nicht auf ein Kreuzfahrtschiff und erst recht nicht auf eine MSC. Bevor ich bitterböse Kommentare geschickt bekomme: Der Gast macht eh, was er oder sie will. Besser er oder sie macht es gut informiert. Bei der Art, wie MSC die Kreuzfahrten anbietet, könnte man zum Beispiel zusammen mit der gehbeinträchtigten Oma eine Kreuzfahrt machen, die Oma steigt in Kiel aus und ein und die finnlandbegeisterte restliche Familie fährt von Helsinki bis Helsinki. Geht bei keiner anderen Urlaubsform. Hier muss man MSC ein Kompliment machen, dass sie durch diese Art von „Stückelung“ ihrer Kreuzfahrten eine solche Planung ermöglicht. Hier vielleicht noch eine Zusatzinformation, die den meisten Gästen fehlen wird: In der Regel muss man die Kreuzfahrt so buchen, wie im Katalog vorgesehen. Möchte man aber zum Beispiel unbedingt einen oder mehrere Tage vorher aussteigen, was sich manchmal auch während der Fahrt ergeben kann, dann berechnet die Gesellschaft einem oft eine extra Gebühr für die außerplanmäßige Ausschiffung. Je nach Hafen kann das nämlich dem Purser eine ganze Menge Extra-Arbeit bedeuten. Zum Beispiel hätte ich niemanden auch früher nur im entferntesten dazu geraten, in St. Petersburg extra auszuschiffen! Die Purserin bekam dort bei solchen Ansinnen graue Haare. Dazu sind Tallinn und Helsinki viel besser geeignet.

Typ 7: Ostsee und norwegische Häfen gemischt. Eine solche Fahrt ist typischerweise 15 Tage lang und hat maximal 10 Häfen (ohne Einstiegs- und Ausstiegshafen). Könnte ein Verkaufsargument sein. Warum zwei Fahrten á 12 Tage machen, wenn man das vermeintlich Wichtigste auch in 15 Tagen sehen kann? Allerdings kann es sein, dass man Kopenhagen und Warnemünde zweimal besucht, dafür aber Helsinki auslässt. So kann die Fahrt zum Beispiel so aussehen: Warnemünde – Bergen – Eidfjord – Kristiansand – Oslo – Kopenhagen – Warnemünde – Riga – Tallinn Stockholm – Kopenhagen. Wem’s gefällt… Ich würde dann doch lieber Helsinki, Visby oder Klaipeda mit dabei haben.

Typ 8: Man startet von Southampton aus. Über einen Zwischenabstecher in Oslo visiert man dann die Ostsee an. Oder auch: Typ 5, aber von England aus.

Typ 9: Eine drei- oder sogar vierwöchige Kreuzfahrt inklusive mehreren Zielen in Grönland. Und Kopenhagen ist halt auch mit dabei. Als einziges Ziel in der Ostsee.

Typ 10: Im Herbst gibt es dann wieder Transferkreuzfahrten von der Ostsee in das Mittelmeer. Es geht von Kiel aus über Kopenhagen Richtung Süden.

Der alte und neue Platz 1 ist Kopenhagen. Diese Stadt ist der nördliche Hub für MSC, in der eine Reihe von Kreuzfahrten anfangen, aufhören und in der auch für einen regulären Aufenthalt gestoppt wird. Eigentlich müsste man Kiel die Nummer 1 geben, aber Kiel ist haupsächlich nur Ein- und Ausstiegshafen. Wenn wir aber die deutschen Häfen (Kiel und Warnmünde) bei der Zählung rauslassen, dann ist Kopenhagen eindeutig Spitzenreiter!

Platz 2 macht Tallinn! Die Nähe zu St. Petersburg lässt Tallinn jetzt Gewinne einheimsen, als Stadt für einen Nightover.

Platz 3 macht Helsinki. Auch Helsinki punktet durch Nähe zu St. Petersburg, das jetzt ausfällt. (Und politische gesehen sind es genau die 400 Kilometer, die jetzt so brisant sind.)

Platz 4 macht überraschend eine Stadt, die sich gar nicht in der Ostsee befindet, nämlich Ålesund aus Norwegen.

Auch die Plätze 5, 6 und 7 gehen an schnuckelige norwegische Städte: Bergen, Flam und Hellesylt (Geiranger) machen das Rennen.

Platz 8 macht Stockholm, Platz 9 an Oslo. Platz 10 geht an Eidfjord. Kristiansand nimmt Platz 11, das damit gleichauf liegt mit St. Petersburg. Grund sind aber nur die Karteileichenbesuche, die im System noch nicht entfernt worden sind.

Der größte Vorteil des MSC-„Baukastensystems“, viele verschiedene Zustiegs- und Ausstiegshäfen zu bieten, ist gleichzeitig auch sein größter Nachteil. Wer möchte wirklich zweimal in Warnemünde vorbeischauen, wenn man statt dessen einen ganz neuen Ostseehafen entdecken könnte?

Durch Abwesenheit glänzen kleinere Häfen wie diejenigen auf dänischen Inseln, aber auch Mariehamn, Turku, Saaremaa oder die schwedische Insel Öland. Exoten darf man bei MSC also nicht erwarten.

Auf der Übersicht des Naturschutzbundes von 2020 steht MSC als Unternehmen in Umweltmaßnahmen an dritter Stelle, nach Ponant (französischsprachig) und Aida (https://www.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/verkehr/schifffahrt/kreuzschifffahrt/28638.html). Auf der Aufstellung von 2019, in der einzelne Schiffe beurteilt wurde, schaffte es das beste MSC-Schiff, die Grandiosa, gerade mal auf Position 19 (von 32; https://www.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/verkehr/schifffahrt/kreuzschifffahrt/26845.html). Also kein Musterknabe, aber auch nicht die schlechteste Wahl.

Alle Angaben beruhen auf den Angaben von https://www.msccruises.de, die Seite wurde am 13.3.22 abgefragt. Alle Preisangaben beziehen sich auf die günstigste Zweierkabine innen.

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