Die öffentlichen Webateliers Finnlands – wo sich Ökologie und Kunsthandwerk treffen

Eine Besonderheit von Finnland sind die für jeden zugänglichen öffentlichen Webateliers, die in der Regel von den Volkshochschulen und damit den Kommunen unterhalten werden. Jede Volkshochschule in Finnland (bisher habe ich noch keine Ausnahme gefunden) unterhält mindestens ein, manchmal auch mehrere Webateliers, in denen je nach Größe zwischen zwei und einem Dutzend Webstühle stehen, die man für eine moderate Tagesgebühr (meistens zwischen vier und sieben Euro, manchmal gestaffelt nach dem Grad der Selbständigkeit der webenden Person, das heißt, wenn man viel Hilfe in Anspruch nehmen muss, wird es ein bisschen teurer) mieten kann. In ihnen finden auch Webkurse statt, aber nicht nur. Die meiste Zeit des Jahres finden sich in ihnen webbegeisterte Finninnen und Finnen, die hier eigene Textilien herstellen.
Am beliebtesten sind Flickenteppiche (in Süddeutschland und Österreich Fleckerlteppiche genannt), die aus Streifen alter Kleidung, vor allem aus alten Bettlaken, hergestellt werden. Meistens geht man so vor, dass man im Sommer draußen die Laken in Streifen richtiger Breite reißt, da beim Reißen Staub entsteht, ist es einfacher, diese Arbeit im Freien durchzuführen. Für bestimmte Webtechniken muss der Stoff manchmal auch geschnitten werden, nämlich dann, wenn man Poppana herstellen will, ein Webstil, wie man ihn ausschließlich in Finnland findet. Dabei wird der Stoff diagonal in dünne Streifen geschnitten, die in der Breite fast etwa Linguine-Pasta entsprechen. Werden diese Streifen verwebt, ergibt das eine flauschige Oberfläche, die durchs Waschen nur um so weicher und angenehmer wird.

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Hier entsteht gerade ein Poppana-Webstoff.

Die Webstühle werden entweder von den webenden Personen selbst bespannt, meistens aber von einer dafür zuständigen Lehrerin, die das Webatelier betreut. Man kann ihr dabei helfen, oder aber auch den fertig bespannten Webstuhl direkt in Benutzung nehmen. In diesem Fall zahlt man für die Kette einen Meterpreis, der natürlich vom Material und der Webbreite abhängt. Ist es ein einfacher Baumwollfaden, ist es zum Beispiel ein Selbstkostenpreis von drei Euro pro Meter.

Aber warum gibt es in Finnland so viele Menschen, die selbst weben? Und in Mitteleuropa so wenige?

Der Grund liegt in der Geschichte Finnlands. Die Industrialisierung setzte in Finnland erst nach dem zweiten Weltkrieg ein, bis dahin lebte der Großteil der Bevölkerung auf dem Land auf dem eigenen Bauernhof (in Finnland hat es, anders als in Russland, nie Leibeigenschaft gegeben!). Auf einem Bauernhof wäre niemand jemals auf die Idee gekommen, alte Laken einfach wegzuwerfen, genauso wenig wie man auf die Idee gekommen wäre, Teppiche in einem Geschäft zu kaufen, wenn es diese überhaupt zu kaufen gegäben hätte! Gewebte Stoffe waren in der Geschichte lange Zeit wesentlich wertvoller als Felle. Die Währung in Finnland war übrigens Eichhörnchenfelle, das finnische Wort für Geld hatte früher diese Bedeutung. Wenn man 1800 auf den Markt ging, um einzukaufen, schnallte man sich ein Bündel von Eichhörnchenfellen um und bezahlte mit diesen. Einen Stoff zu weben bedeutete einen wesentlich höheren Zeitaufwand, daher wurden alte Laken und Hemden zu Teppichen umfunktioniert. Fast jede finnische Familie hat im Mökki (siehe mein Blog Mökki – der Rückzugsort für die finnische Seele) noch Flickenteppiche, die von der Oma gewebt worden sind. Genau so habe ich die finnischen Flickenteppiche bei meiner Oma kennengelernt. Ich fand sie damals als Kind schon so schön, dass ich mir vornahm, dass ich auch lernen wollte, diese herzustellen. Und natürlich gehörte es in der Schule zum Pflichtprogramm, das Weben zu erlernen. Das Weben gehörte zum natürlichen Jahresrhythmus im Bauernhof, wie man zum Beispiel im Freilichtmuseum Seurasaari in Helsinki erfahren kann. Wenn im Herbst die Ernte eingebracht worden war und im November die Tiere geschlachtet und verarbeitet worden waren, die man nicht über den Winter durchfüttern wollte oder konnte, dann wurde in der Stube der Webstuhl aufgestellt. Nun hatte man circa einen Monat Zeit, um alles das herzustellen, was man brauchte. Natürlich mussten die vorbereitenden Arbeiten schon im Sommer verrichtet worden sein (das Reißen bzw. Schneiden der Stoffe). Kurz vor Weihnachten wurde der Webstuhl für die Weihnachtsfeierlichkeiten dann wieder abgebaut. Im restlichen Winter wurden gesponnen, um für den folgenden Winter fertiges Wollgarn zu haben.
Als in der Nachkriegszeit die Bevölkerung in Massen vom Land in die Stadt zogen, vermissten sie ihre gewohnten Webstühle, die Wohnungen waren in der Regel auch zu klein, um selbst einen aufzustellen. Da kamen die Volkshochschulen den Menschen entgegen und boten eine günstige Möglichkeit, die vom Land her gewohnte Tätigkeit auch in der Stadt zu pflegen.

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In Deutschland dagegen hat die Industrialisierung schon circa 100 Jahre vorher eingesetzt. Ein Großteil der Menschen zog in enge Stadtwohnungen und vergaß in der langen Zeit von 1850 bis jetzt, dass ihre Vorfahren ja auch Flickenteppiche gewoben hatten. Nur im ländlichen Bereich hat sich diese Tradition noch halten können, ich kenne Schilderungen aus Oberösterreich, wo man alte Laken zurechtschnitt und einer Frau im Dorf brachte, die gegen Geld dann Flickerlteppiche herstellte.
Natürlich kann man auch neue Garne und Fäden für das Herstellen von Textilien verwenden, meiner Erfahrung nach verwendet aber ein Großteil der Nutzer der Webateliers ihre alten Textilien. Oder man kombiniert Altes und Neues. Und wer sie nicht selbst verwendet, der stellt sie anderen zur Verfügung. So landet fast nichts auf der Müllhaufen. Mittlerweile dürfte jedem schon zu Ohr gekommen sein, welchen Anteil die Modebranche am Müllberg hat. Neben dem Vermeiden von Anfang an (wer braucht schon 50 T-Shirts?) kommt dem Recycling eine große Rolle zu, und jeder kann hier selbst bei sich anfangen. Wenn bei Ihnen KonMari zuschlägt: schmeißen Sie Ihre alten Laken und T-Shirts nicht einfach weg, auch wenn schon das eine oder andere Loch drin ist. Suchen Sie in ihrer Umgebung nach jemanden, der sie verwenden kann.

Und warum unterstützen die finnischen Kommunen diese Webateliers?
Es gibt mittlerweile Forschungsergebnisse, dass diese Orte vielen, vor allem älteren Menschen, helfen, soziale Kontakte aufrechtzuerhalten. Man trifft sich ungezwungen und redet miteinander. Die Anzahl an sozialen Kontakten (auch an losen Kontakten, nicht nur Freundschaften) soll einer der wichtigsten Faktoren für Langlebigkeit sein. Außerdem helfen Handarbeiten dem Gehirn, es wurde zum Beispiel nachgewiesen, dass das gleichzeitige Handarbeiten das Erlernen von Fremdsprachen erleichtert, wie der Verband der finnischen HandarbeitslehrerInnen zu berichten weiß. Der hohe Anteil von Handarbeits- und Werkunterricht an finnischen Schulen soll mit zum Erfolg bei den Pisa-Studien beigetragen haben (https://www.tekstiiliopettajaliitto.fi/toiminta/lehti/kasityo-tekee-hyvaa-aivoille/ ) Nicht umsonst sagt man: “ich habe es be-griffen!”

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