Finnland führend bei Pro-Kopf-Patenten in neuen Technologien

Für den Zeitraum 2000-2018 zeigt ein Bericht des Europäischen Patentamts (zu finden in Deutsch auf https://www.epo.org/service-support/publications_de.html?pubid=222#tab3) , dass Finnland die meisten eingereichten Patentanträge in den Technologien der sogenannten vierten industriellen Revolution (4IR) aufweist.

Wem die vierte industrielle Revolution jetzt nichts sagt, hier eine Einordnung in die Geschichte.

Mit der ersten industriellen Revolution ist diejenige gemeint, über die wir alle etwas in der Schule gelernt haben. Die Dampfmaschine, Eisenbahnen und alle damit verbundenen Phänomene veränderten das Leben grundlegend, sie umfasst die Zeit von 1760 bis 1840.

Direkt darauf folgte die zweite industrielle Revolution, die durch den flächendeckenden Einsatz von Elektrizität und die Einführung des Fließbandes Massenproduktion ermöglichte.

Die dritte industriellen Revolution begann in den 1960er Jahren und wird auch Computer- oder digitale Revolution genannt. Die ersten Computer und Großrechner wurden eingesetzt, so richtig beflügelt wurde sie mit der Erfindung des Internets in den 1990er Jahren.

Im finnischen Telefonmuseum ist das erste Handy von 1987 (links) zu sehen. Es bekam den Spitzennamen „Gorba“, weil Gorbatchov es bei seinem Besuch in Helsinki ausprobierte und die Bilder davon um die Welt gingen (Foto von Juha Nurmonen).

Nun bleibt die Entwicklung aber nicht stehen. Vorrausagen sind schon oft total daneben gegangen, selbst Leute vom Fach oder Personen, die sich eigentlich ausnehmend gut hätten informieren können, gaben Prognosen ab, über die wir heute nur den Kopf schütteln. Dem deutschen Kaiser Wilhelm II wird das Zitat «Ich glaube an das Pferd, das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.» zugeschrieben. Und Thomas J. Watson Jr. von I.B.M. soll 1943 gesagt haben,  dass er den weltweiten Bedarf für Computer auf ungefähr fünf Stück schätzt.

Die vierte industrielle Revolution (im Folgenden abgekürzt 4IR) findet gerade statt, sie zeichnet sich aus durch mobiles Internet, immer kleinere, effizientere und vor allem billigere Sensoren, künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen. Auch gehören alle Technologien auf dem Gebiet der Genforschung (wie CRISPR), Nanotechnologie, erneuerbare Energien und Quantencomputer dazu. Vernetzung der verschiedenen Sphären und immer schneller aufeinander folgende Innovationen geben der Entwicklung ein Turbotempo.

In Deutschland taucht in diesem Zusammenhang seit der Hannover-Messe 2011 der Begriff „Industrie 4.0“ auf.

Finnland erlangte mehr als 651 Patente pro einer Million Einwohner und übertroff damit Südkorea (525), Schweden (524), Japan (405) und die USA (259).

Die angemeldeten Patente umfassen Künstliche Intelligenz, Big data, Cloud Computing, mobiles Internet der fünften und sechsten Generation, autonomer Verkehr und das Internet der Dinge (Internet of Things).

Man denke daran, dass die finnische Aalto-Universität einen allgemein zugänglichen Online-Kurs für Künstliche Intelligenz anbietet, der darüber hinaus auch noch kostenlos ist und sogar in deutscher Sprache angeboten wird:  https://www.elementsofai.de/.

Grafik mit freundlicher Genehmigung von Michael Jeltsch

Die finnische Hauptstadtregion steht damit in Europa an siebter Stelle, was Patente im Bereich von 4IR angeht. Spitzenreiter sind Eindhoven (NE), London (GB), München (DE), Stockholm (SE), Paris (FR) und Stuttgart. Fast die Hälfte aller Patente, genau 45 %, wurde von Nokia eingereicht.

Die weltweit produktivsten Regionen bei der 4IR-Patententwicklung sind Seoul (KR), Tokyo (JP) und das Silicon Valley (US). Jede dieser Regionen ist für circa 7–10 Prozent der weltweit vergebenen Patente verantwortlich. Die europäischen Innovationsregionen erreichten gerade einmal 0,6 bis 1,2% aller 4IR-Patente.

Eine Kuriosität im Telefonmuseum von Finnland: Dieses Telefon aus speziellem Birkenholz (loimukoivu) wurde von einem unbekannten Soldaten an der Front in Karelien 1941 hergestellt.

Außerhalb der vierten industriellen Revolution sieht es in Europa für die deutschsprachigen Länder etwas rosiger aus. Schaut man sich nämlich sämtliche Patentanmeldungen an, dann liegt Finnland nur noch an sechster Stelle, besser stehen die Schweiz, Schweden, Dänemark, die Niederlande und Deutschland da. Nach Finnland folgt übrigens dann Österreich.

Und woher kommt dieser Erfolg? Wer meine Blogs verfolgt hat, kennt schon die Antwort: Finnlands Bildungspolitik und die technologie- und wissenschaftsfreundlichere Atmosphäre in diesem Land. Auf die bessere naturwissenschaftliche Ausbildung habe ich in meinem Blog über Corona hingewiesen, genauso wie auf die besser ausgebildeten Lehrkräfte: https://claudiashelsinki.com/2020/11/20/acht-grunde-warum-finnland-corona-besser-ubersteht-als-fast-alle-anderen/. Weniger Aluhüte bedeutet halt auch mehr Patente, um es ganz salopp zu sagen.

Wenn man aber in die Zukunft schaut, kann es sein, dass für manche im wahrsten Sinne des Wortes der Zug schon abgefahren ist.

Quelle: https://www.goodnewsfinland.com/finland-leads-world-in-new-technology-patents-per-capita-in-2000s/

Auf dem Beitragsbild ist links der erste Communicator zu sehen und rechts das erste Modell eines Bildtelefons (Fotos aus dem Telefonmuseum mit freundlicher Genehmigung von Juha Nurmonen).