Die finnisch-russische Grenze – Eine historische und geografische Betrachtung

Oder: Was Finnland zu Finnland macht. Teil 3 (Im finnischen Fernsehen lief eine sehr erfolgreiche Serie zu den Faktoren, die Finnland am meisten geprägt haben sollen. Ich präsentiere hier die Ergebnisse.)

Die finnisch-russische Grenze erstreckt sich über 1.343,6 Kilometer und ist nicht nur eine geografische Linie, sondern auch ein bedeutendes Symbol für die wechselvolle Geschichte der Region. Das ist wohl auch der Grund, warum sie auf Platz 3 der Liste der Dinge gehört, die Finnland am meisten geprägt haben (Platz 1, der Sommer: https://claudiashelsinki.com/2024/08/18/nr-1-des-finnischseins-der-sommer-kesae-und-suvi/ und Platz 2, das seelenverwandte Deutschland: https://claudiashelsinki.com/2024/09/21/seelenverwandtes-deutschland/, über die gesamte Liste folgen Blogbeiträge). Die Grenze verläuft zu 1083,3 km auf Land, 125,7 km innerhalb von Seen und 83,6 km in Flüssen oder Bächen. In der Ostsee befinden sich 54 km der Grenze, davon 0,3km auf einer Insel. Die letzte gemeinsame Grenzbegehung fand zwischen 2007 und 2016 statt, aufgrund digitaler Messtechniken verlängerte sich die Grenze um insgesamt 20 km (https://www.hs.fi/suomi/art-2000005708649.html). Diese Grenze wurde von beiden Nachbarstaaten akzeptiert.  

In diesem Artikel werfen wir einen Blick auf die Entwicklung des Grenzverlaufs, seine Besonderheiten und die heutige Bewachung dieser bedeutenden Grenze.

Ein Blick in die Geschichte

Die erste Grenze wurde im Frieden von Nöteborg (manchmal auch mit dem deutschen Namen Schlüsselburg) 1323 festgelegt und war die Grenze zwischen Schweden, Russland und Novgorod. Um ganz genau zu sein, war sie kein Vertrag zwischen Staaten, sondern zwischen Regenten: dem schwedischen König Magnus Ericksson, dem Großfürsten von Novgorod und dem Fürsten von Moskau. Sie war auch keine definierte Grenzlinie, die man in der Landschaft hätte ziehen können. Immerhin galt sie länger als 200 Jahre lang, bis im Frieden von Teusina (Täyssinä) 1595 die Grenze zwischen den Reichen weiter gen Osten verschoben wurde.

Foto von Mihku Mihkunen. Die finnische Polizei patroulliert auch auf Seen, hier ein Polizeiboot.

Die Grenze von Nöteborg ist aber noch heute zu sehen, als eine Kultur- und Gengrenze, die bis auf den heutigen Tag zu erkennen ist. So erkranken Menschen östlich dieser Grenze in Finnland wesentlich häufiger und die finnische Versicherungsgesellschaft Kela kann dieses bis heute noch in ihren Statistiken sehen. Warum? Dozent Jukka Palo hat in der angesehenen finnischen Ärztepublikation Duodecim (Duodecim 2020;136(24):2796-800) den Zusammenhang erklärt, wer die Karten sehen will, bitte hier zum Original: https://www.duodecimlehti.fi/duo15965

Für die des Finnischen nicht mächtigen, für die dieser Blog geschrieben ist, hier eine Übersetzung der Kernaussagen des äußerst interessanten Artikels:

“Im Jahr 2018 wurde Finnland auf dem Forschungsblog von Kela in zwei Hälften geteilt. In dem Artikel wurde berichtet, dass Kela mehr gesundheitsbezogene Leistungen an Ostfinnland als an Westfinnland zahlt, und die Teilung entspricht verwirrenderweise der vor langer Zeit auf der Nöteborg vereinbarten Teilungslinie. In den Morbiditätskarten des THL sind östlich der Grenze der Nöteborglinie mehr Menschen krank. Die Unterschiede spiegeln sich sowohl im Gesamtmorbiditätsindex als auch bei vielen Einzelkrankheiten (z. B. koronare Herzkrankheit und zerebrovaskuläre Erkrankungen) und sogar bei Unfällen wider. Das Ost-West-Gefälle ist auch bei vielen sozioökonomischen Indikatoren wie Einkommen und Beschäftigungsquoten zu beobachten (…) Die Antwort auf dieses Rätsel wurde meines Erachtens in populationsgenetischen Studien gefunden. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die politische Grenze von Nöteborg aus dem 14. Jahrhundert keine Ost-West-Teilung geschaffen hat, sondern ein älteres Phänomen ist. Viel älter.

User:Roxanna, CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia Commons

Y-Chromosomen-Studien an finnischen Männern haben gezeigt, dass die Y-Chromosomen, die auf der östlichen Seite der Grenze vorherrschen, der östlichen „uralischen“ N-Linie (Haplotyp) angehören. In Westfinnland ist die häufigste Haplogruppe I, die in Skandinavien besonders häufig vorkommt. Unsere Y-Chromosomen spiegeln also sowohl östliche als auch westliche Migrationen wider, wobei letztere auf den Südwesten Finnlands beschränkt sind.

Noch subtilere, aber interessantere Unterschiede finden sich in der mitochondrialen DNA (mtDNA). Alte DNA-Studien haben gezeigt, dass Jäger und Sammler aus dem ursprünglichen Europa andere mtDNA-Linien trugen als die Bauern, die sich vor etwa 8000 Jahren aus dem Südosten nach Europa ausbreiteten. In Finnland sind mtDNA-Linien, die für bäuerliche Populationen typisch sind, im Südwesten häufiger anzutreffen. Im Gegensatz dazu sind mtDNA-Linien, die mit Jäger- und Sammlerkulturen in Verbindung gebracht werden, in Ostfinnland stärker konzentriert und in Finnland insgesamt häufiger als in anderen Teilen Europas.

Das Vorherrschen von DNA-Linien, die westlichen Bauern im Südwesten gemeinsam sind, deutet darauf hin, dass die bäuerliche Bevölkerung, die sich während der Steinzeit in Finnland ausbreitete, nur im südwestlichen Drittel Finnlands ansässig war. Als möglicher Import von Ackerbau und Viehzucht gilt die Kultur der frühen Bandkeramik (ca. 3200-2600 v. Chr.).

Die nördliche Grenze der archäologischen Stätten der Bandkeramik folgt – Überraschung, Überraschung – der Grenze von Nöteborg. So gesehen scheint die Grenze von Nöteborg nicht mehr eine mittelalterliche politische Ausrichtung zu sein, sondern eine uralte Grenze zwischen Bauern und Jägern/Sammlern.

Die Gründe für die Lage der Grenze sind im Klima zu suchen. Es ist wahrscheinlich, dass die frühe Landwirtschaft auf der nordöstlichen Seite dieser Grenze nicht florierte: Die Vegetationszeit in Finnland verkürzt sich, je weiter man nach Nordosten vordringt, die Kulturpflanzen waren nicht an diese Breitengrade angepasst, und es dauerte noch einige tausend Jahre, bis der Zentralverband der land- und forstwirtschaftlichen Erzeuger (MTK) gegründet wurde. Für die kleine bäuerliche Bevölkerung im Südwesten Finnlands gab es reichlich Grundstücke.

Anderswo in Europa verschwanden solche alten Grenzlinien rasch, als die produktive Landwirtschaft ein schnelles Bevölkerungswachstum ermöglichte und die Jäger mit der bäuerlichen Mehrheit verschmolzen. In Finnland jedoch blieb die Forstwirtschaft lange Zeit eine konkurrenzfähige Alternative zur Landwirtschaft, vor allem in den östlichen und nordöstlichen Teilen des Landes. Dadurch konnten sich die regionalen kulturellen Unterschiede erhalten und weiterentwickeln.

Als Schweden im Mittelalter begann, sein Territorium nach Osten auszudehnen, konzentrierte es sich sicherlich auf Gebiete mit dauerhafter Besiedlung, die es besteuern konnte. In Finnland waren solche Bauerngemeinschaften vor allem im Südwesten des Landes zu finden. Dies würde die Ähnlichkeit zwischen den ost- und westfinnischen Regionen und die Teilung im Vertrag von Nöteborg erklären: Die Grenze von Nöteborg wurde nicht geschaffen, sondern spiegelte lang bestehende Unterschiede wider. Die Grenze war eine Folge, nicht eine Ursache.

Nöteborg ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie die Vergangenheit in uns weiterlebt. Auch wenn die Entwicklungen und Faktoren, die zu den heutigen Phänomenen geführt haben, sehr komplex sind, so ist doch klar, dass uns frühere Umweltbedingungen und Wanderungen geprägt haben. Regionale Unterschiede, die bis in die finnische Steinzeit zurückreichen, müssen auch heute noch berücksichtigt werden, zum Beispiel in der Sozialpolitik und in der Medizin.”

Wir danken Jukka Palo für diese aufschlussreiche Erklärung. Noch heute kann man also diese Grenze erkennen!

Die DNA lügt schließlich nicht, meine eigene mDNA-Untersuchung hat ergeben, dass meine Urmutter vor circa 3000 Jahren in der Region Karelien zuhause war, nicht zuletzt deswegen liegt mir das Thema am Herzen. Träger der entsprechenden mDNA-Haplogruppe findet man weltweit ausschließlich in Finnland und in Russland bzw. Karelien.

Doch zurück zum Grenzthema:

Nach dem Frieden von Teusina verlief die Grenze östlich von Savonlinna und Kainuu, siehe Karte. Größte Ausdehnung hatte das Schwedische Reich 1617, im Frieden_von_Stolbowo (ein kleines Dorf am Ladoga-See, das heute nicht mehr existiert, in dem der Vertrag unterzeichnet wurde) sicherte sich Schweden seine Vormachtsstellung im Ostseeraum. “Somit hatte Schweden einen Landstreifen bei den Seen Ladoga und Peipus, die leicht gegen denkbare russische Angriffe verteidigt werden konnten. Gustav II. Adolf soll den Vertrag mit den Worten Ich hoffe, dass es nun schwer wird für den Russen, über diesen Bach zu springen. kommentiert haben.” (aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Frieden_von_Stolbowo )

So sah es aus, wenn man 2014 mit dem Schiff sich St. Petersburg, pardon Leningrad näherte. Photo: mit dankender Erlaubnis von H. Jäschke

Erst im großen Nordischen Krieg von 1700 bis 1713 konnte sich Russland einige Teile zurückerobern. Mit der Gründung von St. Petersburg 1703 etablierte Russland sich seinen Zugang zur Ostsee – auf einem Gebiet, das die Schweden eigentlich für sich reklamiert hatten und in dem Karelier wohnten. Alle historischen Stadtteile von St. Petersburg haben übrigens ursprünglich finnische (oder karelische, wenn man so will) Namen, so z.B. die Haseninsel, auf Finnisch Jänissaari, auf der sich die Peter-und-Paul-Festung befindet (https://fi.wikipedia.org/wiki/J%C3%A4nissaari_(Pietari)  auf Deutsch: https://de.wikipedia.org/wiki/Haseninsel) und die danebenliegende  https://de.wikipedia.org/wiki/Petrograder_Insel die auf Finnisch Koivusaari heißt (“Birkeninsel”): https://fi.wikipedia.org/wiki/Koivusaari_(Pietari) . Hier liegt z.B. der Panzerkreuzer Aurora vor Anker, von dem aus der erste Schuss für den Beginn der Oktoberrevolution abgegeben wurde.

Auf der Haseninsel: Die Peter- und Paul-Kathedrale, in der alle Zaren begraben sind. Photo: H. Jäschke

Wenn wir also in die Zeit vor 1700 zurückgehen, dann verlief die Grenze wesentlich weiter im Osten.

Die jetzige finnisch-russische Grenze hat ihren Ursprung in der schwedisch-russischen Auseinandersetzung. Bis 1809 war Finnland ein Teil Schwedens. Nach dem Russisch-Schwedischen Krieg wurde Finnland ein autonomes Großfürstentum unter russischer Herrschaft, und die Grenze verlagerte sich nach Westen.

Das Denkmal der Schlacht von Porrassalmi (in der Nähe von Mikkeli), das mit dem Sieg Schweden endete. Hier gab es zwei aufeinanderfolgende Schlachten im https://de.wikipedia.org/wiki/Russisch-Schwedischer_Krieg_(1788%E2%80%931790)

Mit der finnischen Unabhängigkeit im Jahr 1917 nach der Russischen Revolution wurde die Grenze zwischen dem neu gegründeten Finnland und Sowjetrussland festgelegt. Der Vertrag von Dorpat im Jahr 1920 legte den Grenzverlauf erstmals völkerrechtlich fest. Während des Zweiten Weltkriegs erlebte die Grenze jedoch weitere Verschiebungen: Nach dem Winterkrieg (1939–1940) und dem Fortsetzungskrieg (1941–1944) musste Finnland Gebiete wie Karelien, Salla, die Petsamo-Region und nicht zuletzt den Zugang zum Eismeer an die Sowjetunion abtreten. Das waren “passenderweise” Regionen, in denen sich u.a. Nickelminen befanden. Und dazu noch ein paar Inseln in der Ostsee, die leider “zu nahe” an Russland lagen, darunter die berühmteste namens Suursaari, auf der viele Lotsen wohnten und auf der auch die beiden Architekten der Felsenkirche, Timo und Tuomo Suomalainen, geboren wurden.

Hier die Peter-und-Paul-Festung, von der Neva aus gesehen. Der Flussname ist finnisch und verweist auf ein Sumpfgebiet.

Der heutige Grenzverlauf

Die heutige Grenze verläuft überwiegend auf dem Land, durch dichte Wälder, Seen und Moorgebiete. Im Norden kreuzt sie die arktische Tundra und reicht bis zum Bottnischen Meerbusen. Im Süden bildet der Fluss Rajajoki teilweise die natürliche Grenze.

Die Grenze ist eine der längsten Landgrenzen innerhalb Europas und die längste gemeinsame Grenze, die ein EU-Staat mit Russland hat. Aufgrund der geografischen Besonderheiten ist sie in vielen Abschnitten schwer zugänglich. Entlang der Grenze befinden sich zahlreiche Schutzzonen und unberührte Naturlandschaften, die sie auch zu einem Gebiet von ökologischer Bedeutung machen.

Bewachung und Kontrolle

Die finnisch-russische Grenze ist eine der am strengsten bewachten Grenzen Europas, was vor allem auf die Mitgliedschaft Finnlands in der Europäischen Union und in neuester Zeit natürlich auch auf die Nato-Mitgliedschaft zurückzuführen ist. Die finnische Grenzschutzbehörde (Rajavartiolaitos) überwacht die Grenze mit moderner Technologie wie Kameras (vor allem auch Warmbildkameras), Sensoren und Drohnen. An einigen Stellen gibt es mittlerweile auch einen soliden Grenzzaun. Zudem patrouillieren regelmäßig Einheiten entlang der Grenze. Auf russischer Seite wird die Grenze von der FSB-Grenztruppe kontrolliert.

Grenzübergänge sind streng reguliert, und es gibt nur eine begrenzte Anzahl von offiziellen Übergangspunkten. Wichtige Grenzstationen befinden sich in Värtö, Imatra und Nuijamaa. Der Grenzverkehr war hauptsächlich für Handel, Tourismus und Berufspendler von Bedeutung. Seit dem 15.4.2024 ist die Grenze jedoch auf finnischer Seite geschlossen. Russland hatte zuvor versucht, Asylsuchende und/oder Flüchtlinge (vor allem aus Syrien) Richtung Finnland zu transportieren. Es wurde sehr schnell klar, dass Russland auf diese Art und Weise versuchte, Finnland aus dem Gleichgewicht zu bringen. Eine immer größer werdende Menge von Menschen, die versuchen würden, in Finnland um Asyl anzusuchen, obwohl sie in den meisten Fällen dafür keine stichhaltigen Gründe hatten. Außerdem versuchte Russland, auf diese Art und Weise russlandfreundliche Individuen nach Finnland zu bringen – im schlimmsten Fall so, dass diese dann im Auftrag Russlands Sabotage-Attentate in Finnland durchführen würden. Alles, um den Menschen Angst einzujagen – damit die wenigen, die in Finnland gegen den Natobeitritt waren, warnend den Zeigefinger erheben könnten und wohlwissend heraustrompeten könnten, dass das jetzt die Auswirkungen des Natobeitritts wären, man hätte es schon immer gewusst, wenn man nur brav geblieben wäre und neutral, dann hätte Russland einen in Ruhe gelassen. Manchmal kommt es einem in der finnisch-russischen Politik so vor, als ob Russland der narzistische Partner einer erzwungenen Partnerschaft sei, der immer wieder Finnland auf die Finger haut, um zu zeigen, dass es besser sei, nicht “aufzumucken” sondern brav alles zu tun, was Putin & Co. wollten.  

Eine Grenze zwischen zwei Welten

Die finnisch-russische Grenze ist nicht nur eine Trennlinie zwischen zwei Staaten, sondern auch zwischen zwei unterschiedlichen politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Systemen. Während Finnland Teil der Europäischen Union und seit 2023 auch Mitglied der NATO ist, steht Russland als eigenständiger globaler Akteur oft im Kontrast zur westlichen Welt.

Fazit

Die finnisch-russische Grenze ist eine der interessantesten Grenzen Europas – sowohl aus historischer als auch aus geografischer Perspektive. Sie erzählt von Kriegen, Friedensabkommen und geopolitischen Verschiebungen und ist zugleich ein Beispiel für die Herausforderungen des Lebens an einer solchen Nahtstelle zweier Kulturen. Wer Finnland besucht, sollte herausfinden, ob man immer noch die Grenze von Nöteborg erkennen kann – das setzt aber schon eine gewisse Menge von Insiderwissen voraus. Vielleicht gehörst du dazu, dass du den Unterschied erkennst?

PS Das Titelfoto zeigt das Grabmal des Grafen Ehrensvärd, der für den Bau der damals schwedischen Seefestung Suomenlinna verantwortlich war. Er wollte mit dem Bau dieser Festung verhindern, dass Russland sich weiter westlich ausdehnen könnte. Er ist damit einer der erfolgreichsten Grenzschützer der Geschichte Finnlands, das damals zu Schweden gehörte.

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