Wir machen heute weiter in unserer Reihe zu den Faktoren, die Finnland zu dem machen, was es ist. Wer die anderen Teile noch nicht gelesen haben sollte, der findet sie hier, Nr. 1, der Sommer: https://claudiashelsinki.com/2024/08/18/nr-1-des-finnischseins-der-sommer-kesae-und-suvi/; Nr. 2, Beeinflussung durch Deutschland: https://claudiashelsinki.com/2024/09/21/seelenverwandtes-deutschland/; Nr. 3, die finnisch-russische Grenze: https://claudiashelsinki.com/2025/01/04/die-finnisch-russische-grenze-eine-historische-und-geografische-betrachtung/. Nr. 4 übergehe ich im Augenblick, das kommt später, ein bisschen Spannung muss sein.
An fünfter Stelle folgt auf Finnisch viina, und dieses Wort verweist auf alles, was hochprozentig ist. Geschichtlich gesehen ist es wahrscheinlich so, dass man in diesen Breitengraden als erstes lernte, mit Honig einen Metwein zu brauen. Das alte indoeuropäische Wort Met- ist von den Vorfahren der Finnen entlehnt worden, für alles, was süß ist und findet sich heute in dem Wort für die arktische Himbeere wieder: mesimarja, also die “süße” Beere. Es handelt sich um eine alte indoeuropäische Entlehnung – vielleicht lernten die Finnougrier von den Indoeuropäern, wie man aus dem Honig von Wildbienen, den man erbeuten konnte, ein seltsames Getränk brauen konnte. Die Biene an sich spielt zwar schon in der Kalevala, dem finnischen Nationalepos, eine Rolle, jedoch kannten die Finnen nur Wildbienen. Den ersten Bienenstock brachte Bischof Mennander 1760 aus Estland nach Finnland, er ging jedoch schnell ein. Fünf Jahre später brachte Professor Pietari Kalm aus Schweden einige Bienenvölker in den botanischen Garten der Universität von Turku und von dort aus breitete sich das Imkertum in Finnland aus (https://hunaja.net/hunajatietoa/hunaja/hunajan-historiaa/). Besonders in Finnland ist übrigens, dass es hier noch Vorkommen der Dunklen Europäischen Biene gibt (https://de.wikipedia.org/wiki/Dunkle_Europ%C3%A4ische_Biene ), die als die Urform der Biene in Europa gilt. Einige wenige Imker produzieren mit den Dunklen Bienen, die besser an das finnische Klima angepasst sind, aber weniger Ertrag bringen. Probiert mal den speziellen Honig der Dunklen Biene, den man auch in einigen Geschäften kaufen kann: https://www.k-ruoka.fi/kauppa/tuote/mustan-mehilaisen-hunaja-300g-6429830023661 (im K-Supermarkt im Einkaufszentrum Kamppi).
Nach Einführung der Landwirtschaft merkte man dann, dass man aus Getreide Bier brauen konnte, das historisch älteste Biergetränk in Finnland ist sahti; ein ungefiltertes Bier, das wahrscheinlich vor circa 2000 Jahren erfunden wurde. Es wird noch heute hergestellt, ist ein Frischgetränk und wurde 2002 geschützt. Es kann also nur mit dieser Bezeichnung in Finnland hergestellt werden. Hier das bekannteste sahti:
https://www.alko.fi/en/products/776156/Lammin-Sahti
Es folgten die Herstellung von weiteren Bieren, Entwicklungshilfe leisteten dabei deutsche Braumeister, die sich nach Finnland verirrt hatten. Bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts gab es in jeder finnischen Brauerei mindesten einen Deutschen – das war der Braumeister.
Wer sahti oder Bier brauen kann, der lernte dann auch irgendwann, dass man aus diesen weiter Spirituosen brennen kann. Daher sind die traditionellen Spirituosen in Finnland aus Getreide gebraut (später kam auch noch die Kartoffel dazu).

Beim heutigen Blog stehen drei Spirituosen als Klassiker besonders im Fokus: Koskenkorva, Finlandia Vodka und Jallu. In weiteren Blogs werde ich andere alkoholische Schmankerl aus Finnland vorstellen. Finnisches Bier überlasse ich gerne einem Gastblogger (bitte melde dich, wenn du dich berufen fühlst!), weil ich selbst weder Bier mag noch die meisten Sorten auch gar nicht trinken kann, weil ich glutensensitiv bin. In Finnland gibt es natürlich auch glutenfreies Bier, aber wenn man den Geschmack einfach nicht mag, dann kann man dem auch nicht viel abgewinnen. Auf jeden Fall auf der to do-Liste sind die Alkoholika vom Kloster Valamo, die Ainoa-Weine, die besten finnischen Gins und auch einen Extra-Blog über spezielle alkoholfreie Getränke (ihr könnt mir gerne schreiben, was als erstes kommen soll und ob ihr noch weitere Ideen habt).
Koskenkorva – Der bodenständige Klassiker
Koskenkorva ist ein Synonym für finnischen Schnapsgenuss. Seit 1953 wird dieser klare Getreidebrand in der gleichnamigen Ortschaft destilliert und besticht durch seine Reinheit und milde Note. Hergestellt wird er von der Firma Altia, die nach einer Fusion mit der norwegischen Firma Arcus inzwischen unter dem Namen Anora Group operiert. Übrigens halten auch drei finnische Pensionsversicherer Aktien an der Anora Group – ein sicheres Zeichen, dass man an den Erfolg der Marke glaubt (siehe https://fi.wikipedia.org/wiki/Anora_Group). Was ihn besonders macht, ist die unprätentiöse Herangehensweise: Koskenkorva ist kein Luxusprodukt, sondern ein unkompliziertes Getränk, das man sowohl pur als auch in Mixgetränken genießen kann. Sein rustikales Image macht ihn besonders bei Finnen beliebt, die Authentizität und Ehrlichkeit schätzen. Es gibt verschiedene Varianten, darunter Koskenkorva Original, Koskenkorva Salmiakki (Lakritzlikör) und Koskenkorva Lemon.

Im finnischen Slang spricht man auch von Kossu.
Koskenkorva ist auch für einige unkonventionelle Werbung bekannt, hier ein Beispiel: https://www.youtube.com/watch?v=4vMIReWyCXM

Finlandia Vodka – Eleganz aus dem hohen Norden
Im Gegensatz zu Koskenkorva hat sich Finlandia Vodka international als Premium-Marke etabliert. Zwischenzeitig gehörte Finlandia Vodka zu Brown-Forman (Jack Daniels und weitere bekannte Marken) und wurde 2023 an Coca-Cola verkauft, dieser Wodka wird aus reinstem Quellwasser und einem sechsfachem Destillationsprozess produziert und ist ein Paradebeispiel für finnische Präzision und Reinheit. Seit den 1970er-Jahren wird dieser Wodka weltweit exportiert und erfreut sich großer Beliebtheit – nicht nur in Finnland, sondern auch in Bars und Lounges rund um den Globus. Sein weicher Geschmack und seine klare Struktur machen ihn zur ersten Wahl für Cocktails und stilvolle Trinkmomente. Finlandia gibt es in verschiedenen Variationen, darunter Finlandia Classic, Finlandia Grapefruit und Finlandia Blackcurrant.

Jallu – Der unangefochtene Liebling
Kein Spirituosen-Gespräch in Finnland ist komplett ohne einen Verweis auf Jallu – offiziell bekannt als Jaloviina. Diese Mischung aus Cognac und Neutralalkohol (plus Quellwasser und Zuckerkulör) hat Kultstatus und ist eng mit der finnischen Identität verknüpft. Ursprünglich als Ersatz für teuren Cognac in Kriegszeiten entstanden, hat sich Jallu über die Jahrzehnte einen festen Platz in finnischen Bars, Studentenfesten und sogar in der Popkultur gesichert. Hergestellt wird Jaloviina ebenfalls von der Anora Group. Besonders beliebt ist der „One Star Jallu“ mit seinem charakteristischen milden, leicht süßlichen Geschmack. Es gibt jedoch auch Varianten mit zwei oder drei Sternen, die einen höheren Cognac-Anteil haben (aber als eher “dekadent” oder “überkandidelt” gelten, die “echte” Ware ist nur der mit einem Stern). Jallu ist auch der einzige Alkohol, das der finnische Staat ganz hochoffiziell seinen männlichen Bürgern ausschenkte, das am 4. Juni 1942, um auf den Geburtstag von Marschall Mannerheim anzustoßen und gebührend zu feiern. Jeweils fünf Männer bekamen zusammen eine Flasche Jallu. Das erste Jallu wurde 1932 in Helsinki in der Lönnrotinkatu hergestellt. Den Namen “Jaloviina” erfunden hat Frau Dr. Hildén, die bei Alko arbeitete. Während des Krieges wurde auch ein Jallu ohne Stern produziert, der Vääpeli (=Feldwebel) genannt wurde. Über die Geschichte des Jallus ist sogar eine Historik geschrieben worden: Jonna Pulkkinen: Jallu – Jaloviinan ja paloviinan historia (Minerva).



Alkohol und finnische Kultur
Die Beziehung der Finnen zum Alkohol ist tief verwurzelt, aber auch vielschichtig. Während der Alkoholkonsum oft mit Feiern und Geselligkeit assoziiert wird, gibt es auch eine nachdenkliche Seite. Der finnische Staat reguliert den Verkauf von Hochprozentigem streng – Supermärkte dürfen nur Alkoholgetränke mit maximal 8% Alkohol verkaufen, während stärkere Spirituosen ausschließlich in den staatlichen Alko-Geschäften erhältlich sind. Trotz dieser Beschränkungen bleibt Alkohol ein fester Bestandteil vieler sozialer Rituale, sei es das Anstoßen auf ein erfolgreiches Jahr oder das gemeinsame Trinken nach einem Saunagang.
Fazit
Finnland hat eine ganz eigene, spannende Spirituosenkultur, die sowohl auf Tradition als auch auf Innovation setzt. Koskenkorva, Finlandia Vodka und Jallu repräsentieren dabei unterschiedliche Facetten finnischer Trinkgewohnheiten – von bodenständig über elegant bis hin zu kultig. Wer Finnland besucht, sollte sich also nicht wundern, wenn ihm eines dieser Getränke serviert wird – denn sie sind mehr als nur Alkohol, sie sind ein Stück finnischer Lebensart. Selbstverständlich haben die Hochprozentigen ihre Kehrseite, aber darüber gibt es dann irgendwann einen eigenen Blog.
Ein Gedanke zu “Der finnische Hang zu Spirituosen: Zwischen Tradition und Genuss (Teil 5 der Reihe)”