Seelenverwandtes Deutschland

Wer hätte das gedacht, dass die Prägung durch Deutschland auf der finnischsten aller Dinge auf Platz 2 landet? Ich jedenfalls nicht, das muss ich zugeben.

(Wer jetzt nicht weiß, auf was ich verweise, der sollte sich nochmals schnell den letzten Blog anschauen: https://claudiashelsinki.com/2024/08/18/nr-1-des-finnischseins-der-sommer-kesae-und-suvi/)

Es gibt jedoch handfeste Gründe, mehr als die Tatsache, dass das beliebteste Getränk beider Nationen aus Malz gebraut wird und bis in die 80er Jahre in jeder finnischen Brauerei es mindestens eine Person gab, die Deutsch sprach: den Braumeister. Eine Ausbildung als Braumeister gibt es nämlich in Finnland bis auf den heutigen Tag nicht. In der Zwischenzeit holten sich einige Finnen diese Ausbildung auch aus dem Vereinten Königreich, wie es nach dem Brexit aussieht, entzieht sich derzeit meinem Wissen.

Am Marketing der finnischen Biermarke Karhu lässt sich intuitiv erkennen, dass die Beziehung Bier und Deutschland jedem bekannt ist. Hier wird auch auf die in Finnland bekannte Werbung von Volkswagen angespielt „das Auto.“

Wie folgt möchte ich den Einfluss aus dem Areal beschreiben, das ab 1871 Deutschland genannt wird. Wir gehen ganz tief in die Geschichte zurück und fangen bei den Vorgängern der Germanen an.

  1. Einfluss durch die Vorgänger der Germanen, die Personen, die die indoeuropäische Ursprache sprachen (circa 5000-6000 v. Chr.):

Von den alten Indoeuropäern entlehnte man z.B. die Wörter für Honig, die sich heute noch in mesimarja wiederfinden (wortwörtlich: Honigbeere, gemeint ist die arktische Himbeere), verwandte Worte im Deutschen sind der Metwein, der Honigwein. Wahrscheinlich entlehnte man auch das Wort für die Sonne aurinko – es ist verwandt mit dem lateinischen aurora, der Morgenröte, aber auch mit der Himmelsrichtung ost-, die man in etwas älterer Form noch bei dem Lieblingsnachbarn in Österreich findet, im Osten geht bekanntlich die Sonne auf.

Der Likör der Arktischen Himbeere soll der Lieblingslikör des russischen Zaren gewesen sein.

Sogar das Wort für Mutter (äiti) ist aus dem Indogermanischen entlehnt. Das entsprechende Wort ist aus den germanischen Sprachen verschwunden, weil diese wiederum sich aus dem Lateinischen bedienten: aus mater wurde Mutter. Man sollte meinen, dass ein solch wichtiges Wort beständig wäre und nicht als Lehnwort aus anderen Sprachen entlehnt werden müsste (genauso wie die Sonne!). Man vermutet, dass äiti sich eventuell lautmalerisch aus den Plapperlauten von Kindern entwickelt haben könnte: äittä oder ättä.

Weil es auch in der Grammatik Entlehnungen aus dem Indoeuropäischen gibt, geht man davon aus, dass die Personen, die die finnougrische Ursprache sprachen (die Vorläufer aller ostseefinnischen Sprachen, zu dem das Finnische gehört) in sehr engem Kontakt mit Indoeuropäern gelebt haben.

Es ist jedoch manchmal schwierig, genau zu definieren, wann die Entlehnung stattgefunden hat, da das germanische Urwort oft der (viel späteren) schwedischen Form sehr ähnelt.

Von den alten Indoeuropäern entlehnte man auch die Wörter für alle Metallsorten: rauta (Eisen) ist etymologisch verwandt mit rot.

Das kulta mit Gold verwandt ist, merkt sogar der sprachwissenschaftliche Laie. Die Gothen nannten es gulth. Als indoeuropäisches Wort dazu wird in einigen Quellen ghel- angegeben, dass die Farbe bezeichnen soll (gelb). Damit ist auch finnisch keltainen – gelb eine indoeuropäische Entlehnung.

Auch das Wort für Kupfer (kupari) ist eine Entlehnung, es kommt übrigens von der Bezeichnung für Zypern.

Das Dach der Felsenkirche ist aus finnischem Kupfer, das damals noch in Outokumpu aus dem Boden geholt wurde. Das Bergwerk ist mittelweile stillgelegt.
  • Einfluss durch die Germanen und das Protogermanische

Wir kennen uralte Lehnwörter, die die finnische Sprache aus dem Protogermanischen entlehnt hat, bevor das Germanische die erste Lautverschiebung durchlief (die zwischen circa 500 v. Chr. und dem Jahre 0 passierte), so ist das finnische Wort für kuningas (König)aus dem Protogermanischen entlehnt, wo es fast deckungsgleich als kuningaz existierte, ebenso kauppias für Kaufmann/Kauffrau.

  • Einfluss durch die Hanse und das Niederdeutsche

Im Mittelalter beeinflusste die Organisation der Hanse den gesamten Bereich der Ostsee. Die Hanse hatte zwar nie eine Hansestadt auf dem Gebiet des heutigen Finnlands, jedoch hatte sie in Turku ein Kontor. Wörter der Buchhaltung sind in der Hansestadt aus dem Niederdeutschen (wahrscheinlich schon aus einer frühen Form des Niederdeutschen) entlehnt worden, das berühmteste davon ist die Quittung, die als kuitti im Finnischen existiert. Das Wort selbst stammt zwar ursprünglich aus dem Französischen (quitter – verlassen; quite war freigegeben; mit einer Quittung entlässt man jemanden aus der Verpflichtung, noch zu zahlen), in der buchhalterischen Bedeutung kennt man es allerdings erst aus dem 15. Jahrhundert und damit der Zeit der Hanse. Das alte Reval als Hansestadt lag nur 82 Kilometer südlich von Helsinki, das aber erst 1550 gegründet wurde.

  • Einfluss durch die Kirche

Der schwedische König Gustav Waasa wurde 1527 Lutheraner, um seine Staatsfinanzen zu sanieren. Er schickte in den 1530er Jahren einen jungen Mann namens Agricola zum Theologiestudium nach Wittenberg, wo dieser sowohl bei Luther als auch bei Melanchthon studierte. Agricola wurde zum Vater der finnischen Schriftsprache, weil er für das Übersetzen der Bibel ins Finnische erst eine solche schaffen musste. Agricola konnte mit Sicherheit auch Deutsch, weil er selbst berichtet, dass er für das Übersetzen des Neuen Testaments auch deutsche Texte zur Hilfe nahm. Mit auch ein Grund, dass wir im Finnischen nur Buchstaben verwenden, die es auch im Deutschen gibt.

Die finnische Lutherforschung galt jahrzehntelang als federführend, jedoch ist die letzte Luther betreffende Doktorarbeit in Finnland 2003 auf Deutsch geschrieben worden – danach hat das Englische übernommen.

Zwischen Agricola und noch einige Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg galt es in Finnland als ein Zeichen von Gebildetsein, wenn man Deutsch konnte. Nur so konnte man Luther im Original lesen, aber auch alle deutschen Philosophen und die deutschsprachige Fachliteratur (die es auf Finnisch in vielen Fällen einfach nicht gab). Es gibt immer noch einige wenige – besonders schwedischsprachige – Kreise, in denen Deutsch immer noch als etwas gilt. Im Großen und Ganzen hat aber ab Anfang der 70er Jahre Englisch Deutsch überholt.

Geologie ist nur eines der vielen Fachgebiete, über das es fast ausschließlich Literatur auf Deutsch gab. Jeder Geologe in Finnland, der über 60 Jahre alt ist, kann deswegen Deutsch. In vielen Bereichen der Physik, Chemie und auch der Medizin sieht es nicht anders aus. Mein Au-pair-Vater war Professor der Metallurgie und konnte Deutsch. Die entsprechenden Fachbücher findet man nun aus Nachlässen in Antiquariaten.
  • Einfluss durch Deutschland (ab 1871)

Deutschland half Finnland beim Aufbau einer eigenen Armee, noch bevor es selbständig wurde. Man schickte klammheimlich (gegenüber Russland, zu dem Finnland damals gehörte) insgesamt 1 895 junge Männer zur Ausbildung nach Deutschland, so sie zu Jägern (jääkärit) ausgebildet wurden. Diese militärisch Ausgebildeten bildeten dann den größten Teil der sogenannten weißen Truppen im finnischen Bürgerkrieg, als es darum ging, was aus dem jungen Finnland werden soll: Entweder ein bolschewikischer Staat nach dem Vorbild des östlichen Nachbarn oder eine Republik bzw. ein Königreich. Man findet daher in der finnischen Armee eine andauernde Sympathie für die damalige Entwicklungshilfe durch die Deutschen.

Die Waffenbrüderschaft mit Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg wäre dann einen eigenen Blog wert. Für kurze Zeit kämpfte man Seite an Seite, jedoch mit unterschiedlichen Zielen. Finnland wollte die im Winterkrieg verlorengegangen Gebiete wieder zurückerobern und Deutschland war leider nur zufällig der Feind des Feindes und damit auf derselben Seite. Die ehemaligen Waffenbrüder musste man dann auch im Lapplandkrieg wieder aus dem Land treiben – im Notfall mit Waffengewalt.

  • Einfluss durch die BRD und die DDR

Beide deutschen Staaten buhlten um die Aufmerksamkeit des neutralen Finnlands, was zu wunderlichen Konsequenzen führte. So war sowohl das Kulturinstitut der DDR als auch das Goethe-Institut in Helsinki bemüht, den Finnen ein gutes Kulturprogramm darzubieten. Es gab Stipendien für das Erlernen und das Studium der deutschen Sprache – für beide Staaten. Wahrscheinlich wurde damit die Bedeutung der deutschen Sprache in Finnland über Jahre hinweg künstlich aufgewertet. Es gab zeitweise ein Goethe-Institut in drei finnischen Städten, nicht nur in Helsinki, sondern auch in Tampere und in Turku. Man stürzte von einem hohen Niveau ab, wie ich in meinem nächsten Blog zeigen werde, in dem es um die Bedeutung des Deutschen in Finnland geht.

Wichtigster Handelspartner Finnlands ist Westdeutschland und Berlin, sowohl beim Export finnischer Waren als auch im Import deutscher Waren nach Finnland.

  • Einfluss durch das wiedervereinigte Deutschland

Das wiedervereinigte Deutschland wollte sich präsentieren. Das Goethe-Institut schickte jährlich junge Deutschlehrkräfte in finnische Städte, die dort von den verschiedensten Institutionen für z.B. landeskundlichen Unterricht gebucht werden konnten. So war ich einige Monate in Rovaniemi tätig, andere Städte waren Helsinki, Turku, Mikkeli, Tampere, Kuopio und Joensuu. Man wurde aktiv, zum Beispiel auch in der Form von Auslandslektoren. Da das Goethe-Institut Helsinki auch für Estland zuständig war, schickte es als eine der ersten kulturellen Einrichtungen im November 1991 seine sogenannten Goethe-Lehrer auf Kurzvisite nach Estland. Ich war mit dabei und landete bei der Technischen Universität Tallinn. Es war eine der bewegendsten Wochen meiner gesamten Karriere als Deutschlehrerin, inklusive Tränen der Rührung, als erstes Mal als ein Mensch aus dem Westen als Lehr- und Auskunftsperson persönlich interviewt zu werden.

Nachdem es aber nicht mehr die beiden buhlenden Staaten DDR und BRD gab, ging es ständig bergab. Keiner war mehr an der politischen Anerkennung des eigenen Staates durch Finnland interessiert und damit verlor man den Anreiz, etwas für Finnland zu tun. Mit Ende 2024 wird die Bibliothek des Goethe-Instituts in Helsinki schließen. Und die traditionsreiche deutsche Bibliothek – gegründet von deutschem Urgestein in Helsinki, z.B. der Familie Stockmann – kämpft um ihr Überleben. Sie wird im Augenblick von freiwilligen Helfern am Leben erhalten.

Die meisten Jahre ist weiterhin das nun wiedervereinigte Deutschland wichtigster Handelspartner, sowohl beim Import als auch beim Export. Nur zwischen 2008 und 2013 war es Russland, davor und danach ist es wieder Deutschland. So betrug der Anteil Deutschlands an den Importen nach Finnland 2015 14,1%, an den Exporten 15,5%. Der nächstgrößere Partner ist Schweden mit 9,7% (Importe) bzw. 11,7% (Exporte). 2022 steht bei den finnischen Exporten Schweden mit 13% an erster Stelle, die USA mit 11% an zweiter und Deutschland ist auf die dritte Stelle mit 8% gerutscht. Kombiniert man 2022 jedoch Import und Export, dann steht weiterhin Deutschland im Wertvolumen an erster Stelle, gefolgt von Schweden, Russland (immer noch hoher Import durch einen hohen Anteil von Energieprodukten wie Öl und Gas von 63% am Gesamtvolumen, aber geringer Export), China, die Niederlande und den USA. 2023 ist Deutschland bei den finnischen Importen immer noch Nr. 1 (14,1%), es folgen Schweden (11,4%), China (9,3%) und Norwegen (7,7%). Russland erscheint in der Statistik nicht mehr, jedenfalls nicht unter den 10 größten Exportländern (von denen das kleinste Frankreich mit 2,6% darstellt). Beim Export führen die USA mit einem Anteil von 11,1%, es folgt Schweden mit 10,7% und Deutschland mit 10,5%. Hier ist Russland auch bei den 10 größten Handelspartnern nicht mehr vertreten; Belgien ist hier Nr. 10 mit 3,3%. Sowohl im Export als auch im Import gehört Russland jetzt in die Gruppe „andere Länder“, die zusammen zwar circa ein Drittel des Handelsvolumens ausmachen, jedes für sich jedoch im einstelligen Bereich unter 5% herumdümpelt.

Finnische Süßigkeiten – hier die Fazer Mignon-Eier – waren und sind in Russland sehr beliebt. Nun müssen die Russen auf eigene Produkte zurückgreifen, die qualitätsmäßig aber nicht auf demselben Niveau sind wie diese Eier (die schon die Zarenfamilie geschätzt hat).

Wir fassen zusammen, dass Deutschland bei der Handelsstatistik in den letzten Jahrzehnten immer einen Platz zwischen Nr. 1 und Nr. 3 innegehabt hat. Nur die USA und Schweden kommen annähernd an die traditionelle Nr. 1 heran. Englisch lernt und kann man sowieso und Schwedisch sollte man können – letzteres kann man ja auch an die eigene schwedischsprachige Bevölkerung „outsourcen“, wenn man es selbst nicht mehr lernen will.

Aber wie sieht es mit der deutschen Sprache aus? Damit wird sich mein nächster Blog beschäftigen.

5 Gedanken zu “Seelenverwandtes Deutschland

  1. Deutsch war (oder) ist offizielle 4 te Amtssprache.

    Zu meinen ersten Besuchen 1998 stand an den Krankenhäusern noch Rettungsstation unter dem Englisch und in den alten Tram Bahnen in Helsinki stand immer alles auf deutsch neben Englisch. Studierte Ingenieure können meistens Deutsch, weil die Bücher furs Studium früher nur Deutsch waren (Springer Verlag „Technische Mechanik“)

    • Ja, danke, dass du uns an diese alten Zeiten erinnerst! Diese Zeiten sind leider vorbei. Bei der Renovierung der Metro-Station Hauptbahnhof verschwand das deutsche Schild „Hauptbahnhof“, als ich nachfragte, warum, kam die Antwort, es gäbe eine Grundsatzentscheidung, dass maximal drei Sprachen verwendet werden: Finnisch, Schwedisch und Englisch. Deutsche Beschriftung ist fast überall verschwunden, es gibt meines Wissens nach eine einzige Stelle, wo es noch ein deutsche Beschriftung gibt – wo das ist, verrate ich in meinem nächsten Blog.

  2. was ich ehrlich gesagt noch viel schlimmer als die Aufgabe der 4ten Amtssprache finde (und ich bin weder Wahre Finnen noch AfD Wähler) ist, dass man ganz tief unten an der S-Bahnstation am HEL Flughafen mit „Helsinki Airport“ begrüßt wird anstatt korrekterweise mit „Helsinki Lentoasema“ oder noch viel besser um zu zeigen wo der Umlaut-Wind weht: „Lentokenttää“.

    Viele Behörden stellen aber weiterhin deutschsprache Apostillen von Geburtsregistern etc. (für Heirat von Finneninnen und Finnen für Deutsche Behörden) aus. Jedenfalls war das Ende 2012 noch so (damals habe ich meine Anne geheiratet).

    Andererseits hat das wenig geholfen, weil der deutsche Standesbeamte (und Juristen) auf eine „Urkunde“ pochten,die es aber im modernen Finnland halt noch nie gab (und die es IMHO auch nicht geben muss – typische deutsches Paragraphen rumreiten ohne Nachdenken). Erst mit meiner Drohung „ich fliege jetzt nach Finnland und komme mit den gleichen leeren Händen zurück nur damit der deutsche Beamte nachweislich glaubt, dass es keine Urkunden gibt in Finnland (der deutschen Bürokratie fehlt das Grundsatzverständnis, dass in anderen Ländern andere Sitten gepflegt werden)

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