Wie sieht es mit der deutschen Sprache aus, die ja nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich, der Schweiz, Luxemburg, Liechtenstein, Südtirol und in Teilen Belgiens eine der Landessprachen darstellt? Und damit auch die am häufigsten gesprochene Muttersprache in Europa ist?
Da sieht es düster aus, um nicht zu sagen finster. (Das war die Zusammenfassung, wer die Einzelheiten wissen will, liest weiter.)

Hier die Fakten:
Deutsch als erste Fremdsprache ab der ersten Klasse (genannt A1-Sprache) wird (2022) nur noch von 1,1% der Schüler:innen gelernt; 91% lernen Englisch, 5,5% Finnisch (die schwedischen Muttersprachler:innen), 1,2% Französisch, 0,9% Schwedisch. Am wenigsten wird Spanisch (0,5%) und Russisch (0,2%) gelernt.
In Zahlen bedeutet 1,1% für Finnland, dass insgesamt 603 Schüler:innen im Schuljahr 2021–2022 Deutsch als erste Fremdsprache lernten.
Die Hälfte aller Kinder, die Deutsch als erste Fremdsprache lernen, wohnt in der Provinz Uusimaa, die die Hauptstadtregion und deren Umland darstellt. Und selbst dort gibt es Kommunen, die eine Grundsatzentscheidung getroffen haben, als A1-Sprache nur Englisch anzubieten, z.B. Vantaa. Wohnt man in einer solchen Kommune, dann gibt es einfach keine Wahlmöglichkeiten.

Die nächste Möglichkeit wäre Deutsch als sogenannte A2-Sprache zu lernen. Das ist freiwillig, ab der dritten, vierten oder fünften Klasse. Die Freiwilligkeit hat dazu geführt, dass 2017 nur noch 17% der Schüler:innen überhaupt eine A2-Sprache lernten (in den neunziger Jahren waren es in den „Glanzzeiten“ maximal 41%).
Um eine Zahl zu nennen, lernten 2017 insgesamt 3476 Kinder in der fünften Klasse Deutsch als zweite Fremdsprache. Schwedisch und Deutsch wurden noch 2017 von 6% und Französisch von 3 % gelernt; 2021–2022 war Deutsch auf 4,5% abgerutscht, Französisch auf 1,8%. Die beliebtesten A2-Sprachen nach Englisch und Schwedisch sind damit Deutsch, Spanisch und Französisch, aber leider auf einem sehr niedrigen Niveau.

Dann kommt die obligatorische B-Sprache, für die finnischsprachigen Kinder ist es Schwedisch und für die schwedischsprachigen Kinder ist es Finnisch (falls dieses nicht schon als A1-Sprache gewählt worden ist).
Die nächste Möglichkeit wäre die freiwillige B2-Sprache, die ab der 7. oder spätestens der 9. Klasse angeboten wird. Die sehr selten angebotene B3-Sprache fällt statistisch kaum ins Gewicht, da 2022–2023 in ganz Finnland nur insgesamt 31 Schüler:innen Deutsch als B3-Sprache lernten (diese und weitere Daten von https://pxdata.stat.fi:443/PxWeb/api/v1/fi/StatFin/ava/statfin_ava_pxt_12a9.px )
Im Jahr 2017 wurde als B2-Sprache Deutsch von 5 %, Französisch von 2,5 % und Spanisch von 2 % der Schülerinnen und Schüler gelernt. 2021–2022 wurde Deutsch nur noch von 3,6% gelernt, Französisch sank auf 1,8% und Spanisch stieg auf 2,2%. Letzteres nenne ich den Sangria-Effekt, weil fast alle Finnen irgendwann im Urlaub entweder in Spanien oder auf einer der beliebten spanischen Inseln waren und Spanien mit Sonnenschein, Sangria und Urlaub verbinden – leider gibt es beim Deutschen solche Assoziationen nicht.
A2-Sprachen Lernende sind übrigens zu 56% weiblich, bei B2 sind es sogar 65%.

Pädagogisch gesehen wäre es am besten, wenn die schwierigeren Sprachen möglichst früh angefangen werden zu lernen, jedoch folgt man dem genau entgegengesetzten Modell. Alles wird in das Englische investiert und am Ende bleiben ein bis drei Jahre übrig, um gerade eventuell noch die Grundlagen des Deutschen (oder des Französischen oder einer anderen dritten Sprache) zu lernen. Leider scheint sowohl Politiker:innen als auch Eltern der Sachverstand zu fehlen, diese Zusammenhänge zu sehen. Von Deutschlehrerkolleg:innen höre ich immer wieder, dass Eltern sich Sorgen machen, dass „nicht genug Zeit für Englisch übrig bleiben werde, wenn man eine andere Sprache als das Englische als erste Fremdsprache wählen würde.“ Es ist genau andersherum: Wer als erste Fremdsprache Deutsch gelernt hat, dem fällt es umso einfacher, Englisch danach zu lernen, weil aus der finnischen Perspektive Englisch das einfachere Deutsch ist. Ich kenne jede Menge Finnen, die in den 60er und 70er Jahren zuerst Deutsch in der Schule gelernt haben und dann noch Englisch fast nebenher gelernt haben, als es immer wichtiger wurde.
2022–2023 gab es in ganz Finnland insgesamt 31.455 Schüler:innen, die Deutsch lernten, im Vergleich dazu lernten 526.966 Englisch, es lernen also nur knapp 6% der Englischlernenden irgendwann auch Deutsch (es wird in Finnland mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit niemanden geben, der überhaupt kein Englisch jemals lernt).

In der ersten Klasse lernten 2022–2023 insgesamt 781 Schüler:innen Deutsch, in der zweiten Klasse 773, in der dritten Klasse 1452.
Nun ist es eine Frage, ob man überhaupt Deutsch lernt. Die nächste Frage ist, wie lange man Deutsch lernt. Nachdem die Tendenz immer mehr dazu geht, maximal Deutsch als B2-Sprache zu wählen, bleibt in der Regel dafür kaum mehr Zeit. Die B2-Sprache kann maximal sechs Jahre gelernt werden (7.–12. Klasse), oft aber auch nur vier Jahre (9.–12. Klasse). Die letzten drei Jahre (10.–12. Klasse) werden als Oberstufe (lukio) im Kurssystem unterrichtet; hier versucht man sich schon strategisch auf die in Finnland zentral organisierte Abiturprüfung vorzubereiten – für Fremdsprachen bleibt da oft keine Zeit, weil eine gute Mathematiknote bessere Punkte für den Studieneinstieg bringt. In der Realität werden also meistens nur zwei Jahre (9.–10. Klasse) für das Studium der zweiten Fremdsprache verwendet. Es kann sich jetzt jeder vorstellen, wie weit man mit zwei Jahren kommt – in Deutschland wird es einige geben, die zwei Jahre Latein oder Französisch genossen haben, oft sogar vier Jahre Französisch und sich mit 30 schon schwer tun, in Paris eine Bestellung auf Französisch aufzugeben. Nicht anders geht es den Finnen, wenn sie mit 30 zum Oktoberfest kommen…

Das System des Studieneinstiegs wäre dann einen eigenen Blog wert. Es ist im Augenblick so absurd, dass man mit höheren Mathematiknoten bessere Chancen hat, ein Deutschstudium zu beginnen als mit Deutschnoten (sic!). Ab 2026 soll das System wieder modifiziert werden, jedoch leider nur geringfügig.
Die kleiner werdenden Zahlen bedeuten auch, dass sehr oft Deutschkurse nur für ein oder zwei Jahre zustande kommen und danach nicht mehr. Auch, weil die Zahl der dafür benötigten Lernenden im Laufe der Zeit immer weiter angehoben wurde. In der Regel sind es 10 oder auch 15 Personen, darunter fällt der Kurs aus. Weil Eltern und Lernende – zum Beispiel durch ältere Schüler:innen bereits wissen, dass Deutschkurse ab einem bestimmten Lernjahr nicht mehr zustande kommen, traut man sich gleich von vornherein nicht mehr, das Fach zu nehmen. Eine weitere negative Begleiterscheinung ist die, dass bei zu geringen Lernerzahlen in der Oberstufe die Deutschkurse der B1- und der B2-Kurse dann zusammengelegt werden. Und jeder kann sich vorstellen, welches Tempo dann angesagt ist, wenn im Kurs drei B1-Lernende zusammen mit 12 B2-Lernenden arbeiten sollen. Immer das der Langsameren, die noch nicht so viel können. Diejenigen, die früher angefangen haben, können dann kaum im Niveau weiterkommen.

In der Oberstufe nehmen nur noch 2,8 % (das sind 864 Personen im Schuljahr 2022–23) der Lernenden Deutsch als Unterrichtsfach. Nun kann man jedoch im finnischen Abitur sich in fast allen Fächern für die Version “Grundkurs” oder auch “kurzes Deutsch” (lyhyt oppimäärä) oder “Leistungskurs” (pitkä oppimäärä) oder auch “langes Deutsch” entscheiden. Und zwar unabhängig davon, wie viel und wie lang man dieses Fach vorher gelernt hat. Jemand mit 12 Jahren Deutsch kann sich also für die Prüfung “Grundkurs” entscheiden, umgekehrt wird es kaum vorkommen, dass sich jemand mit wenigen Jahren Deutschunterricht für die Version “Leistungskurs” entscheidet. Das machen viele aus strategischen Überlegungen, weil es viel einfacher ist, im Grundkurs eine bessere Note zu erhalten als im Leistungskurs. (Das finnische Abitur ist ein Zentralabitur, die besten Noten können nur für eine limitierte Menge von Absolvent:innen gegeben werden, es gilt die Gauss-Kurve.) Die Noten sind aber wichtig für die weitere Karriere.

Hier die neuesten Zahlen:
Für die Prüfung “Leistungskurs/langes Deutsch” haben sich im Herbst 2023 nur 118 Schüler:innen entschieden, im Herbst 2024 nur 111. “Grundkurs Deutsch/kurzes Deutsch” wählten im Herbst 2023 insgesamt 330 Schüler:innen, im Herbst 2024 sind es 378, ein Plus von fast 15%. Ist hier eine Wende zu sehen? Wahrscheinlich nicht, der Grund wird darin liegen, dass immer mehr derjenigen, die langes Deutsch gelernt haben, sich jedoch für die Abiturprüfung für das kurze Deutsch entschieden haben. Mit “kurzem Deutsch” lassen sich jedoch keine Geschäftsverhandlungen auf Deutsch führen, also liegt die gesamte Hoffnung Finnlands auf 111 Personen, die im finnischen-deutschen/schweizer/österreichischen Handel die finnischen Produkte auf Deutsch beschreiben können und die deutschsprachigen Käufer:innen von der Überlegenheit dieser Produkte überzeugen sollen.

Wir merken schon die Absurdität der Lage. Von den 111 Personen werden nicht alle BWL studieren, es wird eine Person geben, die Nietzsche auf Deutsch lesen möchte, eine, die Luther auf Deutsch lesen möchte, eine, die deutsche Opern gut singen kann und ein paar IT-Nerds, die Spiele für Supercell entwerfen wollen – auch wenn sie noch so gut Deutsch können (wink, wink, an meinen Neffen). Einige werden so gut Deutsch können, dass sie in Deutschland oder Österreich studieren wollen – weil es zum Beispiel in Österreich viel einfacher ist, einen Studienplatz in Medizin zu erhalten als in Finnland (wink, wink, ein Insider-Tipp so ganz am Rande). Es werden sogar nicht alle der 111 Personen studieren, es wird den Klempner geben, der ein wesentlich preisgünstigeres Produkt oder Verfahren aus Deutschland für die Rohrrenovierung nach Finnland bringen will und die Kindergartenpädagogin oder Rettungssanitäterin (ja, in Finnland gibt es mindestens eine in der Deutschen Sprache sogar promovierte Rettungssanitäterin, ich kenne sie). Nicht alle basieren die Wahl ihres Berufs auf die von ihnen beherrschten Sprachen.

Diese katastrophale Lage am Ende der allgemeinbildenden Schule könnte ja eventuell noch aufgefangen werden, wenn auf der nächstfolgenden Ebene die richtigen Entscheidungen getroffen werden könnten. Nun muss ich da leider enttäuschen. Auf der Ebene der Berufsbildung gibt es überhaupt keinen verpflichtenden Deutschunterricht mehr. Ganz wenige Berufsschulen bieten einige wenige freiwillige Deutschkurse an, aufgrund von Googeln kam ich auf die Ammattiopisto Tavastia/Vanajaveden Opisto in Hämeenlinna, die Wellamo-Opisto in Lahti und Omnia in Espoo (sagt mir Bescheid, wenn ihr von anderen wisst). Als Goethe-Lehrerin habe ich 1991 in Rovaniemi an der damaligen Berufsschule angehenden Köchen und Restaurantfachleuten beigebracht, wie man eine Speisekarte ins Deutsche übersetzt – das ist jetzt passé.
Wie sieht es dann an den Fachhochschulen und den Universitäten aus?

An allen Fachhochschulen sind zwei Fremdsprachen Pflicht: Englisch und die zweite Landessprache, also in der Regel Schwedisch (bzw. Finnisch für Schwedischsprachige). An keiner der Fachhochschulen gibt es eine Pflicht für das Erlernen oder das Weiterstudieren einer dritten Fremdsprache. Meine eigene Fachhochschule, Haaga-Helia, schaffte den einzigen verpflichtenden Anfängerkurs mit fünf Studienpunkten in einer zweiten Fremdsprache für Studierende von BWL (Schwedisch gilt nicht als Fremdsprache, sondern als zweite Landessprache) 2021 ab. Und da gab es noch die Auswahl zwischen Deutsch, Französisch, Spanisch, Russisch und Chinesisch; keiner war also gezwungen, eine bestimmte Sprache zu studieren. Begründung war offiziell die Erhöhung der Wahlfreiheit der Studierenden, inoffiziell wohl auch die Tatsache, dass Fremdsprachen als Hemmschuh für das schnelle Absolvieren des Studiums gelten.
Diese Tatsache führt auch zu einer weiteren katastrophalen Auswirkung. Den Studierenden wird – offiziell und von vielen Studienberatern genau so formuliert – empfohlen, als Freifach unbedingt den Anfängerkurs in einer Fremdsprache zu wählen, die man an der Schule schon hatte. So soll gewährleistet werden, dass der oder die Studierende den Kurs auch wirklich im ersten Anlauf schafft und nicht einen einzigen Tag länger studiert als unbedingt nötig. Das ist wichtig, weil alle finnischen Fachhochschulen und Universitäten nur noch Geld vom Ministerium für solche Absolvent:innen erhalten, die in der Regelstudienzeit ihr Studium absolvieren. Ein aufsattelnder Sprachkurs auf Niveau 2 oder 3 ist dann natürlich umso weniger angesagt, er kostet nur wertvolle Zeit. Das Ergebnis ist, dass ich im Anfängerkurs seit Jahren ziemlich konstant circa 30% Studierende sitzen habe, die zwischen einem und sieben (sic!) Jahren Deutsch gelernt haben. Diese sind natürlich sogenannte falsche Anfänger und verunsichern die echten Anfänger – das bekommt man dann auch regelmäßig bei den Rückmeldungen zu hören: “Der Kurs war kein echter Anfängerkurs. Ich fühlte mich sehr schlecht, weil mein Kursnachbar schon alles konnte.” Leider darf ich die falschen Anfänger nicht in den Deutschkurs 2 schicken, was ich vor Jahren noch durfte. Oft versuchen sie, in einem großen Kurs in der letzten Reihe “unterzutauchen” und machen nie den Mund auf, wenn sie ihn dann aufmachen und ein perfekter Satz im Perfekt herauskommt, das sie eigentlich noch gar nicht können sollten, dann weiß ich, mit wem ich es zu tun habe. Wirklich peinlich ist es ihnen aber in den wenigsten Fällen. Es gibt eine Anweisung von meiner damaligen Chefin, dass alle Studierende genommen werden müssen, weil es ja sein könnte, dass sie “alles vergessen haben, was sie jemals gelernt haben” (hanebüchen, ich habe mich z.B. mehrmals um einen hochschulinternen Einsatz in Mexiko beworben, ich habe zwischen dem 16. und dem 19. Lebensjahr drei Jahre lang Spanisch studiert und würde mir durchaus zutrauen, nach einem Intensiv-Auffrischkurs es dort ein paar Monate auszuhalten).
Da mag der Eine oder Andere fragen, ob denn nicht ein Austauschaufenthalt in einem deutschsprachigen Land dann der Rettungsanker wäre und dazu führen würde, dass die Studierenden eine größere Motivation hätten, Deutsch zu lernen? Immerhin verbrachten 2023 genau 6567 finnische Studierende einen über dreimonatigen Austausch im Ausland (aus dem Ausland kamen übrigens 8238 nach Finnland), 4416 davon von der Universität, 2151 von der Fachhochschule. 74% aller Austausche fanden mit einem europäischen Land statt. Deutschland ist dabei Nr. 1, 687 Studierende gingen dorthin; Österreich liegt mit 360 Studierenden immerhin noch auf dem 6. Platz. Deutsch sollte nach dieser Statistik mit über 1000 Studierenden eindeutig auf Platz Nr. 1 liegen; es folgen Spanien (siehe oben “Sangria-Phänomen”) und Frankreich mit jeweils 495 Studierenden (alle Zahlen vom Zentralamt für das Unterrichtswesen; www.oph.fi) . Die “goldenen” Zeiten des Austausches sind allerdings vorbei, noch zwischen 2013 und 2016 gingen jeweils pro Jahr insgesamt über 10.000 finnische Studierende ins Ausland. Die austauschfreudigste Universität Finnlands (Stand 2023) ist dabei die Aalto-Universität (993 Personen), gefolgt von der Universität Tampere (558) und der Universität Helsinki (552 Personen). Bei den Fachhochschulen führt Metropolia (345 Personen), es folgt meine eigene Fachhochschule Haaga-Helia (321 Personen) und darauf gleichauf sowohl die FH Tampere als auch Turku (jeweils 192 Personen).
Sowohl bei den Universitäten (28%) als auch bei den Fachhochschulen (26%) führen die Ausbildungsprogramme für Wirtschaft/BWL/VWL und Jura die Statistik an. Von diesen verlangt man heutzutage keine weiteren Sprachen als nur Englisch und die zweite einheimische Sprache. Humanisten bilden gerade nur 9% aller Austauschstudierenden, und das auch nur bei den Universitäten.
Wir ahnen es schon. Erstens gibt es weder eine Verpflichtung, noch nicht einmal eine Empfehlung, vor einem Auslandsaufenhalt sich wenigstens die Grundkenntnisse der entsprechenden Sprache anzueignen. Ich habe bereits angefragt, warum man denn nicht einen Anfängerkurs Deutsch für einen Austausch in Deutschland voraussetzen könnte. Die Antwort war, dass wir auch Studierende haben, die nach Südkorea gehen und man von denen auch nicht verlange, dass sie Koreanisch lernen. Es wäre also eine Ungleichbehandlung, wenn die einen einen Kurs absolvieren müssten und die anderen nicht! Dass man die Entscheidung treffen könnte, einen Kurs nur für Sprachen vorrauszusetzen, die an der eigenen FH angeboten werden, kam wohl nicht in Frage. Wahrscheinlich auch deswegen, weil das Vorrausetzen eines Kurses wieder das Studium verlängern könnte, was man ja auf jeden Fall verhindern möchte. Die Ergebnisse habe ich im Unterricht sitzen: Ja, im Deutsch 1-Kurs sitzen Studierende, die bereits aus Deutschland oder Österreich zurückkommen! Wenn ich das herausfinde, frage ich dann auch gleich immer, ob sie denn dort einen Deutschkurs besucht hätten und leider ist dann die Antwort oft auch ein nein. Austausche sind also nicht mehr dazu da, um sich ein Sprachbad in der fremden Sprache und Kultur zu verschaffen und so seinen Horizont wirklich zu erweitern, sondern nur, um in englischer Sprache genauso schnell wie zuhause die vorgesehenen Studienpunkte zu absolvieren. Genauso wenig werden Studierende dazu angehalten, nach dem Aufenthalt mit der Fremdsprache weiterzumachen. Man stelle sich vor, auf welchem Niveau man landen würde, wenn der/die Studierende allen Ernstes schon mit Deutschkenntnissen an die Institution kommen würde, im ersten Semester dann schon Deutsch 2 belegen würde, dann in den Austausch gehen würde, dort Deutsch 3 machen würde und dann mit Leichtigkeit unseren letzten Kurs Deutsch 4 machen könnte! Da würde man das Deutsche ja wirklich als Arbeitssprache verwenden können! Leider habe ich solche Fälle in 18 Jahren nicht ein einziges Mal gesehen.
Hier zeigt sich die wahre Natur der neuen Gesetzgebung. Es geht nämlich nicht mehr darum, dass wirklich etwas gelernt wird (egal in welchem Fach), sondern darum, dass in möglichst kurzer Zeit Studienpunkte gesammelt werden, damit die Studierenden möglichst schnell ihr Studium abschließen und der Institution Geld bringen.
Diese Konstruktion führt nun dazu, dass im Maximalfall als freiwilliges Fach ein Kurs Deutsch gelernt wird, an dessen Ende gerade einmal das regelmäßige Perfekt eingeführt wird (“ich habe Hausaufgaben gemacht”). Die Absolventen dieses Kurses können weder unregelmäßiges Perfekt (“ich bin gestern geschwommen”; Deutsch 2-Kurs) noch Passiv (Deutsch 3-Kurs). Mit diesem Deutsch können sie beim Oktoberfest ein Bier bestellen und sich bedanken – besser als nichts, aber der finnischen Wirtschaft wird das nicht viel helfen. Von einem Deutsch 1- Kurs führen dann nur ein bis zwei Studierende das Fach fort und belegen dann auch Deutsch 2. Deutsch 3 wird an meiner Fachhochschule nur noch als virtueller Kurs angeboten, weil er sonst nicht mehr stattfinden würde (darüber hinaus gibt es an den meisten Hochschulen für virtuelle Kurse höhere Mindestmengen von Studierenden, es müssen also noch mehr Studierende den Kurs wählen, damit er zustande kommt).
Darüber hinaus wurde der Studiengang “Assistent:in der Geschäftsführung” an der Fachhochschule Haaga-Helia abgeschafft. Nach Meinung des Leitungsgremiums braucht man in finnischen Geschäftsführungen offensichtlich keine sprachgewandten Assistent:innen mehr. Dieser Studiengang war bis vor wenigen Jahren noch der einzige, der von den Studierenden das Studium von drei Fremdsprachen erfordert hat, die alle bis auf ein Arbeitsniveau gelernt werden mussten. Es war der einzige Studiengang, in dem man zum Beispiel noch das Schreiben von Geschäftsbriefen trainiert hat, vielleicht wird auch das schon als veraltet und als Dinosaurierkompetenz betrachtet. Mir bleibt es jedoch unterm Strich völlig schleierhaft, wie man auf solche Schlussfolgerungen gekommen ist.
Deutschkurse werden – zumindest virtuelle Versionen – von den folgenden Fachhochschulen und Universitäten angeboten:
- Universität von Vaasa
- University of Eastern Finland
- Aalto-Universität (diese hat auch noch traditionelle Kurse auf dem Campus; verfügt über zwei festangestellte Deutschdozenten)
- Centria Fachhochschule (in Kokkola)
- FH Haaga-Helia (es gibt auch noch traditionelle Kurse auf dem Campus, zwei Dozentinnen unterrichten ausschließlich Deutsch; drei weitere unterrichten Deutsch und weitere Fächer); zweitgrößte FH des Landes
- Hanken (schwedischsprachige Handelshochschule, hat auch noch traditionelle Kurse auf ihrem Campus und mindestens zwei Deutschdozenten)
- HAMK (Hämeen AMK), Hämeenlinna
- JAMK (Jyväskylän AMK), Jyväskylä
- XAMK (South-Eastern Finland University of Applied Sciences)
- LAB University of Applied Sciences
- University of Lapland /Universität von Lappland
- LUT University
- OAMK (Oulun ammattikorkeakoulu)
- SAMK (Fachhochschule)
- SAVONIA (Fachhochschule)
- SeAMK (Seinäjoki University of Applied Sciences)
- Kunstuniversität / Taideyliopisto (dazu gehört die renommierte Sibelius-Akademie, an der einige Studierende noch die Wichtigkeit der deutschen Sprache für die Musik erkennen können)
- HUMAK (Humanistinen ammattikorkeakoulu); die FH für soziale Fächer
- Tampereen ammattikorkeakoulu (FH)
- Arcada – die schwedischsprachige Fachhochschule in Helsinki – bietet noch Deutschunterricht auf dem Campus an (eine Deutschdozentin)
- FH Laurea – bietet auch noch Deutschkurse auf dem Campus an (eine Deutschdozentin)
- FH Metropolia – bietet auch noch Deutschkurse auf dem Campus an; größte FH des Landes (die Kurse sind aber so gut versteckt, dass man sie als Normalmensch auf der Seite nicht finden kann)
Die obigen Institutionen bieten ihren Studierenden online Deutschkurse an, so wird im Herbst 2024 ein Deutsch 4-Kurs angeboten, den ich leite. Von allen diesen 22 Institutionen haben sich insgesamt neun Studierende für diesen Kurs entschieden! Wahrscheinlich wäre der Kurs abgesagt worden, jedoch hatte ich in einem Meeting mit dem Rektor meiner Hochschule ein brennendes Plädoyer für die “seltenen” Sprachen gehalten (so werden Deutsch, Französisch und Spanisch im Bildungsslang Finnlands mittlerweile genannt!!!), die Entscheidung fiel ein paar Stunden danach, dass ich gnadenhalber den Kurs doch halten kann.
Die folgenden Institutionen bieten sowohl Germanistik als Fach als auch Deutschkurse (meistens im Sprachenzentrum) an:
Oulun Yliopisto / Universität von Oulu (eine Professorin für Deutsch: Sandra Reimann). Hier wird lobenswerterweise die Kombination von Deutsch mit Nebenfach Wirtschaft angeboten, so sieht die Zukunft der Germanistik im Ausland aus.
Universität Helsinki (eine Professorin für Deutsch: Leena Kolehmainen); auch im Sprachenzentrum wird Deutsch angeboten
Universität von Tampere (eine Professorin für Deutsch und Übersetzungswissenschaften: Maija Hirvonen)
Universität Turku (eine Professorin für Sprachlehrforschung, die auch die Fächer Deutsch, Italienisch und Spanisch abdeckt: Minna Maijala)
Universität Jyvyäskylä: Kirsi Pakkanen-Kilpiä
Åbo Akademi University (Professor und Studienleiter des interdisziplinären Studienprogramms Sprache, Kultur und Wirtschaft: Christopher Schmidt); die schwedischsprachige Universität in Turku; bildet als einzige Institution Deutschlehrer für die schwedischsprachigen Schulen aus; bietet sogar ein Double Degree “Werbung interkulturell” zusammen mit der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt an. Leider wurden im Sprachenzentrum der Åbo Akademi im Frühjahr 2025 allen Dozenten, die andere Fremdsprachen als Englisch und die einheimischen Sprachen Schwedisch und Finnisch unterrichten, fristlos (sic, ob legal oder illegal, werden wohl die Gerichte noch klären müssen!) gekündigt. Darunter fiel auch Deutsch (neben Französisch, Italienisch und Russisch). Die Botschaft war eindeutig: Die Kompetenz solcher Sprachen hat offensichtlich keinerlei Priorität mehr.
Damit gibt es im deutschsprachigen Raum genauso viele Professuren für Fennistik oder Finnougristik (Greifswald, Wien, Köln, Göttingen, München, Hamburg) wie in Finnland Professuren für Germanistik.
2023 schlossen insgesamt 51 Studierende ihren Bachelor im Fach Germanistik ab, eine:r bis vier waren es im Fach Übersetzen & Dolmetschen/Deutsche Sprache. 48 Studierende schlossen ihren Magister im Fach Germanistik ab, sechs im Fach Übersetzen & Dolmetschen/Deutsche Sprache. Ihre Doktorarbeit schlossen eine:r bis vier Studierende in der Germanistik ab, beim Fach Übersetzen & Dolmetschen/Deutsche Sprache gab es keine*n. Dementsprechend niedrig sahen auch die Zahlen derjenigen aus, die mit dem Studium der Germanistik begonnen haben, 2023 waren es nur 69 Personen, das Magisterstudium begannen nur sechs Personen, mit dem Doktoratsstudium begannen nur eine bis vier Personen. Immerhin 18 Personen schreiben in der Germanistik insgesamt an ihrer Doktorarbeit (2004 und 2005 waren es noch 75!) und damit liegt die Germanistik ungefähr gleichauf mit den Theaterwissenschaften (24 Doktoranden) und etwas mehr als Doktoranden des Russischen (12). Innerhalb der Zeit zwischen 2000 und 2023, von der uns genaue Zahlen vorliegen, gab es nur 2005 mehr als eine bis vier Doktorarbeiten in der Germanistik, nämlich genau sechs. (Zur Erläuterung: Aus Datenschutzgründen werden in der Statistik als allerniedrigste Zahl immer eine bis vier Personen angegeben, wenn es eine, zwei, drei oder vier sind.) Vor 100 Jahren sah es noch ganz anders aus, Deutsch war die zweithäufigste Sprache, in der Disserationen geschrieben wurden. Von allen Disserationen, die 1924 an der Universität Helsinki geschrieben wurden, wurden 35% auf Schwedisch geschrieben (neun), 31% auf Deutsch (acht) und 27% (sieben) auf Finnisch! Englisch und Französisch brachten es jeweils auf eine Dissertation. 2021 wurden 86% aller Dissertationen auf Englisch, 12% auf Finnisch und nur einige wenige auf Schwedisch oder in einer anderen Sprache geschrieben (Yliopisto-lehti 7/2024). Auf Deutsch war es eine, 2022 ebenfalls eine, 2023 und 2024 keine. Hoffen wir, dass es 2025 und 2026 drei bis vier sein werden, darunter auch meine.
Wie schlimm es um die Germanistik an der Universität Helsinki aussah, kann man einer Äußerung des Kanzlers Kola der Universität ansehen, der 2015 öffentlich in einem Interview der Wirtschaftszeitschrift Talouselämä diskutierte, ob man die Germanistik an der Universität Helsinki nicht ganz abschaffen sollte (zitiert aus Lenk 2022: Schmerzhafte Schrumpfung: Deutsch als Fremdsprache und Germanistik in Finnland. BEITRÄGE ZUR FREMDSPRACHENVERMITTLUNG 66 (2022), 70-91), wissenschaftlich ausgerichteter, sehr lesenswerter Artikel, zu finden unter https://www.mv.helsinki.fi/home/lenk/%2806%29%20Lenk%20%28bzf%2066,%202022,%2070-91%29.pdf ).
Man kann die ganze Sache auch noch unter einem weiteren Gesichtspunkt sehen. Wie sieht es denn mit den Arbeitsplätzen für jemanden aus, der eine Ausbildung in Germanistik hat? Wir ahnen es schon, nur mit Germanistik ist kein Staat mehr zu machen. Es muss ein weiteres Fach dazu, um das Ganze sinnvoll zu machen.
Aber schauen wir uns einmal spaßeshalber an, wie viele neue Stellen es für eine Person gegeben hätte, die einen Magister-/und oder Lehramtsabschluss mit dem Hauptfach Germanistik hinter sich hat und in Finnland wohnt. Für jede allgemeinbildende Schule braucht man ein zweites Fach, in der Regel muss man entweder Schwedisch oder Englisch dabei haben, um überhaupt eine Chance zu haben. Wer Deutsch unterrichtet, der tut es meist nur zu 10-30% in seinem Stundenplan. Einzige Ausnahme ist die deutsche Schule, die 2023 immerhin 39 Absolventinnen des deutsch-finnischen Abiturs mit guten Deutschkenntnissen produziert hat (https://vipunen.fi/en-gb/). Gehen wir nun zu den Fachhochschulen und Universitäten.

Zwischen Herbst 2006 und 2024 wurden in insgesamt 18 Jahren nach meiner Erinnerung (bitte korrigiert mich, wenn hier was fehlt) insgesamt folgende Stellen frei:
- Eine auf ein Jahr zeitlich befristete Stelle als Deutschdozentin an der damaligen FH in Mikkeli (das war schon im Jahre Schnee, mag es 2007 gewesen sein?)
- drei Stellen als Universitätslektorin an der Universität Helsinki; alle drei Stellen wurden von Personen mit einem Doktoratsabschluss eingenommen
- eine Stelle als Universitätslektor:in für das Fach Übersetzen Deutsch-Finnisch-Deutsch an der Universität Tampere
- eine Stelle an der Universität Turku; die Stelle bekam eine promovierte Person
- eine Stelle als Deutschdozentin an der Aalto-Universität in Espoo; hier reichte der Magisterabschluss
- eine auf 11 Monate befristete Stelle als Deutschdozentin an der Aalto-Unversität in Espoo, bei der man dann im Sommer für einen Monat um Arbeitslosengeld ansuchen muss (die finnische Regierung hat in der Zwischenzeit den “Eigenanteil” an selbstfinanzierter Arbeitslosigkeit auf sieben Werktage erhöht, so dass von dem einem Monat die ersten neun Tage man ohne Geld dasteht, erst ab dem 10. Tag läuft das Arbeitslosengeld, ergo ist ein Drittel dieser vom Arbeitgeber verordneten Arbeitslosigkeit eine Zeit ohne Geld). Zumindestens war die Stelle zunächst so ausgeschrieben.
Im Durchschnitt wird also alle drei Jahre eine feste Stelle frei und in zwei Drittel aller Fälle braucht man einen Doktortitel, um an eine Stelle zu kommen, für die früher der Magistertitel gereicht hat (dank der sogenannten Bildungsinflation; wenn immer mehr Personen immer höhere Abschlüsse erhalten, führt das auch zu solchen Auswirkungen). Und das natürlich nur, wenn man so flexibel ist, dass man bereit ist, der Arbeit hinterherzuziehen. Wer z.B. familiär auf eine Stadt beschränkt ist, der hat die allerbesten Chancen noch im Hauptstadtbereich, hier wurden in 18 Jahren insgesamt fünf Stellen frei, von denen drei an promovierte Personen gingen (also rechnerisch alle 3,6 Jahre eine Stelle). Wer in Turku oder Tampere lebt, der wartet 18 Jahre auf eine Stelle. Die befristeten Stellen sind mittelweile sogar bei einer so renommierten Institution wie der Aalto-Universität so konstruiert, dass der Arbeitnehmer einen Teil des Risikos trägt, dass Deutsch nicht mehr so oft gewählt wird, nach der Befristung rutscht man auf das Niveau des sogenannten “Stundenlehrers” herab, eine Honorarlehrkraft, die mal für einen und mal für vier Kurse bezahlt wird.
Dazu kommt der Niedergang der Germanistik als Fach in Deutschland. Schon 2015 spricht Albrecht Koschorke (Konstanz) von einer “Nationalphilologie ohne Mission”. Auch das Thema wäre mehr als einen eigenen Blog wert, deswegen kann ich es hier nur anreißen.
Doch wie reagieren Deutschsprachige auf den Niedergang des Deutschen im Ausland?
Auch darauf habe ich in meiner Karriere ein Auge werfen können.
Als Dolmetscherin habe ich zwischen 1997 und 2006 bereits gemerkt, dass deutsche Sprecher auf Konferenzen oder anderen Veranstaltungen es “hipp” finden, Englisch zu sprechen, obwohl eine Dolmetscherin (=ich) zur Verfügung stand, um ihren Text (leider retour, aber es gab niemand anderen) ins Finnische zu verdolmetschen. Dabei musste ich das Kunstwerk zusammenbringen, zunächst zu entziffern, was der Sprecher mit seinem (oft) schlechten Englisch denn auf Deutsch gemeint haben wollte, um es dann ins Finnische zu bringen. Die Bitte, doch Deutsch zu reden, kam nicht an. Man fühlte sich halt besser, das Ganze auf Englisch zu tun – und vielen nicht so Sprachkundigen fiel es nicht einmal auf, was für ein schlechtes Englisch dort geredet wurde. Es war jedenfalls keine einfache Aufgabe und ich möchte nie mehr in solche Situationen kommen, einer der Gründe, warum ich mit dem Beruf aufgehört habe.
Manche Deutsche begrüßen diese Entwicklung sogar und plädieren für Englisch als Sprache für alle. Nicht (gut) Englisch zu können gilt als altmodisch und das will man nicht sein, also tut man in den meisten Fällen rein gar nichts, um das Deutsche im Ausland zu fördern (ganz im Gegensatz zu den Franzosen, die etwas tun).

Bei der Wahl von Englisch als “Allheilmittel” spielen wahrscheinlich auch einige kognitive Verzerrungen eine Rolle, z.B. der sogenannte “Mehrdeutigkeitseffekt”, nach dem ein Mensch in der Regel sichere Prognosen denen mit unsicherem Ausgang bevorzugt. So “weiß” jeder, dass Englisch wichtig für die Zukunft ist, ob das noch für Deutsch zutrifft, ist nicht ganz klar, also wählt man für seine Kinder Englisch. Ganz zu schweigen vom Dunning-Kruger-Effekt, bei dem inkompetente Menschen dazu neigen, ihr eigenes Wissen und Können zu überschätzen, frei nach dem Motto “ich bin auch gut ohne eine zweite Fremdsprache ausgekommen, warum sollte jemand anderes ein Recht darauf haben, wenn wir uns sogar dadurch Geld sparen können”. Auch eine Rolle spielen könnte die “nachträgliche Begründungstendenz”, damit beschreibt man die Tendenz, getätigte Entscheidungen im Nachhinein mit rationalen Argumenten zu begründen. Das könnte im Privatleben eine Rolle spielen (“ich habe damals Englisch gewählt, es muss eine gute Entscheidung gewesen sein, also finde ich dazu gute rationale Gründe”) als auch bei Politikern und Entscheidungsträgern in Bildungseinrichtungen (“wir haben diesen Studiengang abgeschafft, dafür gab es gute rationelle Gründe”). Dazu kommt dann noch der Mitläufereffekt, wenn alle Englisch wählen (auch wenn es keine Alternativen gibt!), dann muss es doch die richtige Entscheidung sein! Auch sogenanntes Priming und oder der “Mere-Exposure-Effekt” könnte eine Rolle spielen, weil man im finnischen Fernsehen jede Menge Englisch hört und dann den falschen Schluss zieht, dass keine andere Fremdsprache wichtig sei. Und dann gäbe es noch den “Basisratenfehler” (Base Rate Neglect), nach dem Menschen sich ein Urteil eher aufgrund von spezifischen Informationen bilden als sich auf Statistiken zu verlassen. Im Falle von Deutsch sieht das so aus, dass man proklamiert “alle Deutschen, mit denen ich gesprochen habe, konnten Englisch” (diese Begründung habe ich schon sehr oft in live gehört, die Sprecher merken nicht einmal, wie sie mit dieser Begründung ihre kognitive Teilmöbliertheit zeigen, wer kein Englisch spricht, wird natürlich keine Konversation anfangen!) oder “mein Cousin kann Deutsch, hat aber nie im Leben davon einen Vorteil gehabt” versus der Statistik, die besagt, dass 30% der Deutschen keine Unterhaltung auf Englisch führen können und dass annekdotische Einzelfälle nicht als die reine Wahrheit proklamiert werden können.
Bei vielen Politikern kann man dann noch den “Kopf in den Sand stecken”-Effekt ausmachen, sowie der Gegenwartsbias, also die Tendenz, sich bei Entscheidungen (“wir bieten jetzt nur noch Englisch als erste Sprache an, das spart Geld”) mehr auf die gegenwärtige Situation als auf die Zukunft zu konzentrieren.

Wer dann über Jahre die Meinung vertreten hat, bei dem sorgt schon das Phänomen der kognitiven Dissonanz dafür, dass es so gut wie unmöglich ist, nach Jahren seine Meinung zu ändern, auch wenn man mit Informationen konfrontiert wird, die gegen die eigene Meinung sprechen. So bin ich mir sicher, dass das Lesen diesen Blogs (sofern sie ihn in der finnischen oder englischen Version lesen, auf deutsch können sie ihn ja nicht lesen!) bei den wenigsten Vertretern des “Englisch ist das Allheilmittel”-Dogmas zu einer Meinungsänderung führen wird. Der Bestätigungsfehler (confirmation bias) sorgt dafür, dass sie diesen Text ganz schnell vergessen und dem nächsten sehr viel mehr Aufmerksamkeit schenken werden, in dem von der absoluten Wichtigkeit des Englischen gesprochen wird und oder Argumente gebracht werden, dass die Jugendlichen nur eine begrenzte Lernkapazität hätten und diese dann nicht mit Deutsch belastet werden sollte, das ja so schwer sei… Vor 50 Jahren hat man mit derselben Inbrünstigkeit behauptet, dass es zu Halbsprachigkeit führen würde, wenn ein Kind mit zwei Sprachen aufwächst, die Begründung war genauso logisch wie die von heute: “wenn die eine Hälfte des Gehirns von Sprache x belegt wird, dann bleibt halt nur die andere Hälfte des Gehirns für Sprache y übrig.”
Was für Auswirkungen hat diese Entwicklung?
Zumindestens einige der folgenden:
Es gibt kaum noch direkte Informationen aus dem deutschsprachigen Raum, wenn man von einigen Korrespondenten absieht. Während sich die NZZ sogar eine Korrespondentin mit Finnisch als eine ihrer Muttersprachen leisten kann (die ganz Nordeuropa abdeckt), gingen und gehen durch die finnische Presse einige Enten, die sich nur durch fehlende Deutschkenntnisse erklären lassen. So erklärten finnische Pressemitteilungen der Hotelleriebranche während der Corona-Zeit, dass die finnischen Beschränkungen viel zu einschneidend seien, in Deutschland gäbe es viel weniger und nicht so drastische Beschränkungen (sic!). Nichts hätte weiter entfernt sein können von der Wahrheit. Die finnischen Beschränkungen umfassten zeitweise, dass Restaurants bereits zu einer bestimmten Uhrzeit schließen mussten, man wollte vermeiden, dass unter Alkoholeinfluss zu später Stunde sich niemand mehr an die Hygiene- und Abstandsregeln halten würde. Man googelte also die deutschen Zeitungen und fand heraus, dass die Betriebe länger auf hatten als in Finnland. Ergo: Weniger Einschränkungen. Dagegen gab es zum Zeitpunkt dieser Pressemitteilung in Finnland keinerlei Regeln, dass nur Geimpfte oder Getestete Einlass erhielten, dieses wurde in Finnland als diskriminierend empfunden. Die Person, die also über “relaxte deutsche Corona-Regeln” etwas gelesen hatte, hatte garantiert das Corona-Geschehen in den deutschsprachigen Ländern jedenfalls nicht in deutscher Sprache verfolgt, sonst wäre sie nicht zu ihrem falschen Schluss gekommen.

Internationalisierung in Finnland wird auch immer mehr zu Amerikanisierung. Alle Informationen sind nur dann relevant, wenn sie in englischer Sprache vorliegen, ganze Kontinente werden komplett vergessen, das betrifft natürlich nicht nur die deutschsprachigen Länder, sondern auch Lateinamerika oder asiatische Länder. Der finnische Professor Janne Saarikivi hat wiederholt auf diese Schieflage hingewiesen, dass gewisse Weltteile nicht mehr im öffentlichen Bewusstsein vorhanden sind, weil man kaum mehr tiefgreifend, sondern nur noch oberflächlich über sie berichtet.
Wir fassen zusammen:
Finnland empfindet eine große Seelenverwandtschaft mit Deutschland. Diese zeigt sich aber eher auf der Ebene des Biertrinkens und immer weniger in der Bereitschaft, Deutsch zu lernen. Man verlässt sich darauf, dass die Deutschen (und Schweizer und Österreicher) gefälligst gut genug Englisch lernen sollen, sonst wird/will man mit ihnen nichts zu tun haben. Ansonsten gibt es auch noch einige Deutschsprachige, die sich in eine finnischsprachige Person verliebt haben (oder auch die Kinder aus solchen Beziehungen) und deswegen in Finnland hängen geblieben sind. Diese sollen sich dann um die Belange kümmern, für die man Deutsch benötigt. Solange man sie braucht.
Was den finnischen Export in die deutschsprachigen Länder angeht, geht man fälschlicherweise davon aus, dass es sich ausschließlich um große deutsche/schweizer/österreichische Firmen handelt, denen man finnische Produkte auch auf Englisch verkaufen kann; mittelgroße und kleine Firmen mit Betriebsleitungen, die keine Geschäftsverhandlungen auf Englisch führen können oder wollen, fallen einfach durch das Raster. Genauso fällt der gesamte Bereich des Tourismus durch das Raster. Die Deutschen sind zwar die fleißigsten Kreuzfahrer und einige der treuesten Besucher Finnlands, haben aber keinerlei Anrecht auf Bedienung auf Deutsch. Schon eine einziges TUI Mein Schiff kann bei vielen Ausflugsbuchungen (z.B. bei 30 Gruppen bzw. Bussen) dazu führen, dass wir nicht mehr genug Guides haben, um das gesamte Schiff auf Deutsch zu versorgen. Während Stockholm das noch kann. Und St. Petersburg das schon immer gekonnt hat, aber jetzt natürlich aus dem Spiel raus ist. Auf der Liste sind es noch 53 Guides, die Deutsch anbieten, zehn davon haben Deutsch als Muttersprache (https://www.helsinkiguides.fi/en/find-your-guide?kieli=de&cert=&location=&nimi= ), jedoch ist ein großer Teil dieser gesamten Truppe bereits entweder im Rentenalter (nach meiner Schätzung ungefähr ein Drittel) oder sehr nahe dran. Der Anteil der deutschen Muttersprachler ist gestiegen, vor einigen Jahren waren wir nur vier, aber wie gesagt, hat man das Deutschlernen ja ausgesourct an diejenigen, die es schon zuhause gelernt haben. Weil man vom Guiden nicht leben kann, üben die meisten dieser Guides auch andere Berufe aus, die dazu führen, dass man nicht immer zur Verfügung stehen kann. Viele sind Lehrerinnen so wie ich, einige wohnen auch nicht das ganze Jahr hier (trifft für zwei der Muttersprachlerinnen zu).
Wer nicht will, der hat schon gehabt, sagt man. Aber kann die finnische Wirtschaft es sich wirklich leisten, auf solche Exporte und deutschsprachige Gäste zu verzichten?
PS Das Schiffsfoto zeigt eines der Produkte der wichtigsten deutschen Firma Finnlands: Meyer Turku. Dort wurden fast alle Schiffe der TUI Mein Schiff-Flotte erbaut. Wenn man die Beschäftigten der Zuliefererfirmen dazuzählt, dann ist Meyer Turku die deutsche Firma mit den höchsten Beschäftigungsauswirkungen Finnlands.
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