Nr. 1 des Finnischseins: Der Sommer (KESÄ und SUVI)

Während das Deutsche für das Frühjahr auch Frühling verwendet, hat das Finnische zwei dafür auch noch komplett unterschiedliche Worte für den Sommer: kesä und suvi. Kesä ist der (mittlerweile) allgemeinsprachliche Begriff, suvi der ein wenig mehr altertümlich, aber auch poetischer anmutende. Jedoch nicht immer, so lautet der Titel eines der bekanntesten Gedichte von Eino Leino Lapin kesä, der Sommer Lapplands. Für die Illustration dieses Blogs habe ich Gemälde von Eero Järnefelt verwendet, dessen Ausstellung noch ganz kurze Zeit im Ateneum läuft, mit Ende des Sommers 2024 ist auch diese vorbei.

Juhannusruusuja, Johannisrosen, 1911, Öl, HAM – Kunstmuseum der Stadt Helsinki

In einer Fernsehreihe des finnischen YLE-Fernsehens sieht man gerade eine Reihe laufen, in der der finnische Autor Jari Tervo zusammen mit dem Journalisten Jani Halme Finnland auf der Suche nach den Elementen des „echten“ Finnischseins (Tosisuomalaisuutta etsimässä) recht humorvoll durchreisen (https://areena.yle.fi/1-50640657 ). Dabei stellen sie eine Liste von 13 verschiedenen Kennzeichen zusammen, die Finnland zu Finnland machen – ein Thema, dass auch ich in meinem Blog bereits behandelt habe, siehe https://claudiashelsinki.com/2021/03/13/warum-finnland-finnland-ist/ . Tervo und Halme werten diese auf einer Skala vom wichtigsten zum unwichtigsten Element. Erst mit dem letzten Teil wird klar, welches Element welchen Platz gefunden hat. Die Serie wurde zwischen 2021 und 2024 produziert und hatte insgesamt 840.000 Zuschauer:innen.

Maisema Kolilta, Landschaft in Koli, 1924, Öl, Leihgabe des Kunstmuseum Kopio, Sammlung Oks. Huttunen – Järnefelt malte zahlreiche Perspektiven in Koli und einige dieser Landschaft sind geradezu ikonisch geworden. Hier sieht man im Vordergrund die typischen Sommerblumen, das Weideröschen (horsma).

Bei vorhandenen Finnischkenntnissen kann man sich, wenn man Lust hat und über einen VPN verfügt, die Serie auf Finnisch anschauen – und schon mal herausfinden, welche Elemente sich auf den verschiedenen Plätzen befinden. Ich werde den Reisen folgen und die Themen für Blogbeiträge verwenden, einerseits von der Serie inspiriert, aber auch mit dem „eigenen Senf“ dazu. So viel sei verraten, dass ich in diesem Blog bereits drei dieser Elemente einen eigenen Blog gewidmet habe. Von den anderen Elementen habe ich sechs Elemente irgendwo in einem Blog mal kurz erwähnt, jedoch waren auch vier Elemente dabei, denen ich bisher noch keine Aufmerksamkeit geschenkt habe. Grund genug, den Dingen auf den Grund zu gehen.

Järnefelt hat auch einen Tipp für den Sommer: einfach nur auf einer Blumenwiese chillen. Das macht hier seine Frau Saimi, das Bild heißt Saimi kedolla, Saimi auf der Wiese, 1892, Öl. Es ist eine Leihgabe des Kunstmuseums Järvenpää.

Der Juni heißt auf Finnisch kesäkuu, der Sommermonat, ganz anders als in den meisten anderen Sprachen Europas, wo man sich meistens an der lateinischen Gottheit Juno orientiert. Wenn man einen ganzen Monat nach dem Sommer benennt, dann muss dieser wichtig sein, und das wird auch jedem klar, der ein ganzes Jahr hier im Norden verbracht hat. Im Winter erwartet man das Ende des Winters und erhofft sehnsüchtig die ersten Zeichen des Frühjahrs, wenn nicht gar Sommers. Der Frühling ist kurz. In Lappland habe ich erlebt, dass ich Anfang Juni dort auf eine Gruppe Schweizer Gäste gewartet habe und unser Busfahrer mir erzählte, dass vor vier Tagen hier noch Schneesturm war. Wenn das Frühjahr kommt, dann kommt es mit einer solchen Macht, dass es innerhalb von wenigen Tagen den Winter vertreibt, das frische Grün erscheint auf den Birken. So schön, wie es Eero Järnefelt (DIE Ausstellung des Ateneums vom Sommer 2024) auf seinen Bildern gemalt hat.

Sisäjärvimaisema, Seenlandschaft, 1890, Öl, Didrichsen Kunstmuseum

Nicht nur in Verbindung mit Monaten, alle zusammengesetzten Wörter, die kesä oder suvi enthalten, bekommen dadurch eine Aufwertung, sie klingen positiver, unbeschwerter, aber auch wertvoller.

Kesäyön kuu, Mond in der Sommernacht, 1889, Öl, Finnische Nationalgallerie. Hier ist der Sommer im Titel.

Und da gibt es auch jede Menge zusammengesetzter Wörter, die im Deutschen entweder überhaupt nicht gebräuchlich oder viel weniger verwendet werden als im Finnischen. Oder eine andere Konnotation haben. Hier ein kleiner Überblick, falls jemandem noch etwas einfällt, bitte bei mir melden:

kesäheilaSommerliebe
kesähelleSommerhitze (das Wort kann ab 25 Grad verwendet werden; warm ist ab 20 Grad)
kesäturkki – talviturkkiSommerfell/Sommerpelz; wird dafür verwendet, wenn man im Adamskostüm in den See geht – Winterfell
talviturkin heittäminen„abwerfen des Winterfells“ = gemeint ist das erste Schwimmen zu Beginn des Sommers[1]
kesätyöSommerarbeit Jede:r in Finnland beginnt seine Arbeitskarriere mit einem Sommerjob (wer nicht, der gilt als ziemlicher Faulpelz). Die zweimonatigen Sommerferien bieten dafür auch eine bessere Möglichkeit als die kürzeren Sommerferien in Mitteleuropa. Da in fast allen Branchen die meisten Angestellten im Sommer 3-4 Wochen in den Ferien sind, braucht man auch viel mehr Sommeraushilfen als woanders.
kesäleskiSommerwitwe(r) = Strohwitwe(r); wird man bezeichnet, wenn der Rest der Familie in die Sommerferien fährt (in der Regel ins Sommerhaus), man selbst aber arbeiten muss und allein zurückbleibt
kesärenkiSommerknecht
kesämies („Kesämies on mies joka tulee liiterin takaa tai tupsahtaa yllättäen puun takaa.” Zitat aus suomi.24[2]Sommermann = ein Mann für einen Sommer; bezog sich früher auf eine männliche Sommeraushilfe; hat heute eine weitere Konnotation erhalten („Ein Sommermann ist ein Mann, der hinter dem Holzlager oder von hinter dem Baum plötzlich hervorkommt.“) Mit dem Titel „Rudere, Sommermann“ hat der finnische Sänger Jukka Poika sogar einen Sommerhit[3] produziert.
kesäpoika„Sommerjunge“ In der finnischen Mythologie ursprünglich ein Junge, der den Sommer bringt.[4]
kesätyttöSommermädchen
kesäyliopistoSommeruniversität – entspricht aber oft dem, was in anderen Ländern die Open University ist, also eine für alle offene Universität; Kurse werden also nicht nur im Sommer angeboten
kesätyöaika„Sommerarbeitszeit“ wurde 1994 mit Verordnung des Präsidenten abgeschafft. Bis dahin arbeitete man in Gemeinden und für den Staat im Sommer jeweils eine Stunde weniger pro Tag, also z.B. von 8 bis 15 Uhr und nicht bis 16 Uhr. Dieses sollte den Beschäftigten ermöglichen, den Sommer mehr zu genießen. [5]
kesäkurpitsa„Sommerkürbis“ = Zucchini
kesäkeittoSommersuppe; bezeichnet aber nicht irgendeine Suppe, sondern eine Milchsuppe mit Erbsen, Karotten und Dill (entweder du magst sie oder nicht)
Das Haus der Järnefelts am Tuusula-See hieß Suviranta, also Sommerstrand. In unmittelbarer Nachbarschaft lag Ainola, Residenz der Sibeliu. Kein Wunder, war doch Aino Sibelius (Sibelius‘ Frau), nach der das Haus benannt wurde, die Schwester von Eero. Auch Ahola (von Juhani Aho und seiner Frau Fanny Soldan) war in der Nähe. Weiter südlich dann Halosenniemi von Pekka Halonen mit Familie.

Und dann gibt es noch die Sprichwörter oder sprichwörtlichen Redewendungen.

Eeros Bruder Arvid konnte auch malen, wie man hier sieht: Kukkiva hedelmäpuu, Blühender Obstbaum, ohne Datum, Öl, Finnische Nationalgallerie, Sammlung Keirkner.
Sein Bruder Arvid hat hier einen Traum vieler Finnen eingefangen. Das Bild heißt Onnellisten saari, Die Insel der Glücklichen, 1897, Öl und stammt aus einer Privatsammlung.
olla kesälaitumillaWörtwörtlich „auf der Sommerweide sein“= im Urlaub/in den Ferien sein
mennä kesälaitumillein die Ferien gehen
tulla kesälaituimiltaaus den Sommerferien zurückkommen
Suomen kesä on kaunis, mutta vähäluminen.Der finnische Sommer ist schön, aber schneearm.
Ei tule kesää.„Es kommt kein Sommer.“ =
Daraus wird nichts/Es kommt nichts.
Ei tee kesää eikä talvea.„Das macht weder einen Sommer noch einen Winter.“ = Das bedeutet nichts, weder das eine noch das andere.
Kuu kiurusta kesään, puoli kuuta peipposesta, västäräkistä vähäsen, pääskysestä ei päivääkään.Wenn die Lerche singt, ist’s noch ein Monat, bis der Sommer kommt, wenn der Fink schlägt, zwei Wochen, wenn die Bachstelze kommt, nur noch ein bisschen, nach den Schwalbe dauert’s keinen Tag mehr. Sprichwort, an dem noch heute das Kommen des Sommers gemessen wird.
Onni yksillä, kesä kaikilla.Das Glück lacht den einen, der Sommer allen.
Talvella ei tarkene ja kesällä ei kerkiä.Im Winter ist es zu kalt und im Sommer hat man keine Zeit.
Jos ei heilaa helluntaina, ei koko kesänä.Wer an Pfingsten kein Herzblatt hat, der hat auch keins im ganzen Sommer.
Hyvää kesää!Schönen Sommer! Mit dieser Routine wird in Finnland so gut wie jede E-Mail ab circa vier Wochen vor Beginn des Sommers abgeschlossen. Das habe ich in meiner Magisterarbeit herausgefunden, die sich mit Anrede, Einleitungs- und Abschlussformeln in deutschen und finnischen Privatbriefen beschäftigt hat. Was früher für Briefe galt, gilt jetzt für E-mails.
olla kesäterässä„Die Sommerklinge ist stumpf“ = Die Axt ist stumpf/ schlecht geschliffen. Nicht in gut in Form sein, nicht gut aufgelegt sein, aber auch: in Ferienstimmung, Ferienlaune sein. Laut Schellbach-Kopra (1985) geht der Ausdruck auf die Axt zurück, sie braucht im Sommer nicht so gut geschliffen zu sein, weil sie in FIN ein typisches Winterwerkzeug ist.

Das Sprichwort über Pfingsten soll sich daraus erklären, dass dieses Fest für die jungen Leute früher das erste Mal im Sommers war, an dem man sich treffen konnte. Da man früher ab ungefähr Pfingsten in der Scheune schlief, war es für die jungen Leute auch einfacher, sich nach dem Tanz oder dem Kirchgang abends oder in der Nacht zu treffen. Wie so oft, ist es aber im Negativen formuliert, heutzutage gibt es aber auch modernere Formen wie Kun on heila helluntaina, niin on heila koko vuoden. Wer zu Pfingsten ein Herzblatt hat, der hat eins das ganze Jahr.

Hier ein paar häufig aufzutreffende Zusammensetzungen mit suvi:

suvivirsiSommerkirchenlied; eine heißumstrittene Institution an den meisten finnischen Schulen; zum Schulschluss am Ende Mai wird dieses Kirchenlied gesungen; ist wegen seiner ursprünglichen Verwendung als Kirchenlied umstritten
suviseuratGroßtreffen der Sekte der Lestadianer, die im Sommer stattfinden; die positive Konnotation mit suvi soll wohl auch ein gutes Image schaffen
SuviUnd nicht zuletzt ist dieses Wort auch ein Mädchenname. Auch in zusammengesetzten Namen zu finden: Suvi-Päivikki; Suvi-Tuuli (=Sommerwind); Suvi-Tuulia; Suvi-Marja (=Sommerbeere); Suvi-Päivi; Suvi-Maaria/-Maria; Suvi-Maarit, Suvi-Anna

Und hier noch ein Bingo für den Sommer, kann auch gerne von Finnischlehrenden und -lernenden verwendet werden.

alkukesä (Sommerbeginn)loppukesä (Sommerende)(kesä)mökki (Sommer-häuschen)kesäloma (Sommerferien)kesäaika (Sommerzeit)
kesä-asuttava (im Sommer bewohnbar)kesäilta (Sommerabend)kesäinen (sommerlich)kesäjuhla(t) Sommerfeierkesäkeli
Sommerwetter
kesäpaikka (Sommerstelle)kesäravintola (Sommer-restaurant)kesävieras (Sommergast)kesäyö (Sommernacht)kesäisin (sommers)
kesäteatteri (Sommertheater)kesäapulainen (Sommer-aushilfe)kesäkangas (Sommerstoff)kesäsydän (Mitte des Sommers)kesäpäivän-seisaus (Mittsommer-nacht)
kesäisesti (sommerlich; Adverb)kesäinen (sommerlich, Adjektiv)kesäkuinen (an einem Junitag)kesäasukas (Sommer-bewohner:in)kesäteloilla (an) im Sommerlager

Doch was gehört nun obligatorisch zum finnischen Sommer?

Auch für Järnefelt gehörte das Beerenpflücken zum Sommerprogramm. Hier sein Bild Marjastajat; Beerenpflücker, 1888, Öl, eine Leihgabe des Kunstmuseums der Stadt Tampere (Testamentsgabe von Joe Borg)

Zugang zum Wasser, möglichst ein Sommerhäuschen und lange Sommerferien. Natürlich auch eine Sauna. Im Sommer zu erledigende Arbeiten umfassen vor allem das Waschen der Teppiche der eigenen Wohnung. Wer webt, der reißt oder schneidet auch die Kette für die Webprojekte des nächsten Jahres. Dass muss draußen passieren, weil sowohl beim Reißen als auch Schneiden viel Staub entsteht, der möglichst schnell vom Wind verweht werden soll. Die Beeren sollen gesammelt werden, erst die Blaubeeren, dann die Moltebeeren, danach die Preisselbeeren und die Moosbeeren (cranberry). Im Juli fangen an, die Pfifferlinge reif zu werden, ab August kann man dann mit Steinpilzen rechnen. Die darf mich sich auch nicht entgehen lassen. Das finnische Jahr hat noch viel mehr Arbeiten, die nach der Jahreszeit gemacht werden müssen, jedenfalls viel mehr als in Mitteleuropa.

Hier die zeitgenössische Verwendung des Wortes in der Werbung. Eine Art von Reformhaus fordert uns auf, das Sommerflow auszunutzen.

Und: Schon gespannt, was Nr. 2 auf der Liste des echten Finnischseins steht? Dann abonniere meinen Blog! In einem Monat ist es dann soweit.


[1] Laut Prof. emerita Kaisa Häkkinen ist Finnisch die einzige Sprache, die diesen Ausdruck verwendet, siehe https://yle.fi/a/3-10838826

[2] https://keskustelu.suomi24.fi/t/9114680/kesamies-osa-i

[3] https://www.youtube.com/watch?v=HJlTBb04cz0

[4] https://fi.wikipedia.org/wiki/Synty_(mytologia)#Veren_synty

[5] Im Büro der finnischen Sozialdemokraten wird dieses Modell zwischen Mitte Juni und Mitte August wieder verwendet: https://www.mtvuutiset.fi/artikkeli/kesatyoaika-30-tuntia-viikossa-sanna-marinin-avaus-6-tunnin-tyopaivasta-on-jo-totta-demareiden-keskuudessa/7525686#gs.dqyaot

6 Gedanken zu “Nr. 1 des Finnischseins: Der Sommer (KESÄ und SUVI)

  1. In Westfinnland gibt es auch einen Begriff von Suvi mitten im Winter, wenn sich z.B. die Wetterverhältnisse so verändert haben, daß man nicht mehr Skilaufen kann, also ein suvikeli herrscht, und es am nächsten Tag schon wieder Frost gibt.

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