Inflation 2022 in Finnland – gibt es immer noch sieben Dinge, die günstiger sind als in Deutschland?

In der Sommerpause 2022 ist ein Thema aktueller denn je. Zum Thema „Preise in Finnland“ habe ich dann auch schon 2019 einen Blog geschrieben, der einer meiner beliebtesten Blogbeiträge ist: https://claudiashelsinki.com/2019/12/01/sieben-dinge-die-in-finnland-guenstiger-sind-als-in-deutsch-land/

Was liegt näher als jetzt nachzuprüfen, ob diese sieben Dinge immer noch günstiger sind und wie die Situation insgesamt aussieht, was die Inflation angeht. Auch kam von einigen Lesern des Blogs dieser Impuls, einer schrieb mir, dass er selbst diesen Sommer nachgeschaut hat. Wie so oft, wird kaum etwas so heiß gegessen, wie es gekocht wird, und das trifft auch für diesen Fall zu.

Ein Kaffeeangebot in den Supermärkten der Alepa-Kette (gehört zur S-Gruppe) vom August 2022

Die durchschnittliche Inflation im Mai 2022 betrug im Euro-Raum 8,1%. Jedoch gibt es enorme Unterschiede zwischen den verschiedenen Euroländern. Finnland schnitt mit 7,1% als drittbestes Land ab, nur noch Frankreich mit 5,8% und Malta mit 5,6% hatten weniger Inflation.

Und warum?

Ungefähr die Hälfte der Inflation ist auf hohe Energiepreise zurückzuführen. Finnland hat nie viel Erdgas konsumiert, was sich jetzt als entscheidend positiv herausstellt.

So verbrauchte Finnland (laut: https://www.indexmundi.com/map/?v=137000&r=eu&l=de ; alle Angaben beziehen sich auf das Jahr 2020) nur 422 Kubikmeter Erdgas pro Einwohner pro Jahr. Die Statistik führen die Niederlande mit 2510 Kubikmetern, Deutschland benötigte immerhin 1165 Kubikmeter und damit fast dreimal so viel wie Finnland.

Interessant, dass Estland mit 392 Kubikmetern – obwohl es Teil der Sowjetunion war – noch weniger Erdgas als Finnland verbraucht. Beides sind Länder, in denen man seit Generationen weiß, dass man dem östlichen Nachbarn nicht trauen kann.

Leider ist gerade Estland sehr stark von der Inflation betroffen und führt in der EU mit knapp über 20% als das Land mit der höchsten Inflation, Lettland und Litauen folgen direkt danach. Also hilft die Talsinki-Strategie, die ich in einem früheren Blog https://claudiashelsinki.com/2018/02/18/talsinki-oder-warum-helsinki-2017-beliebtester-passagierhafen-in-europa-wurde/ angeführt hatte, immer weniger, um die eigenen Kosten im Griff zu haben.

Elektrizität ist weiterhin in Finnland wesentlich günstiger als in Deutschland: Laut der Seite https://fi.globalpetrolprices.com/electricity_prices/ kostete eine Kilowattstunde im Durchschnitt in Finnland im Dezember 2021 ganze 0,20 Dollar, in der Schweiz 0,227 Dollar, in Österreich 0,247 und in Deutschland 0,348 Dollar. Nur drei Länder auf der Welt (Cayman-Inseln, Dänemark und Bermuda) sind noch teurer. Aber auch in Finnland ist der Preis gestiegen, so dass es besonders die Personen hart treffen wird, die mit Elektrizität heizen. Wer gerade jetzt einen neuen Vertrag abschließt, der zahlt viel. Auch Verträge, die jederzeit gekündigt werden können, sind teuer; da kann die Kilowattstunde auch schon mal 0,45 Euro kosten. Viele von denen, die mit Strom heizen, haben aber zusätzlich auch einen Kamin, der in Zukunft wahrscheinlich häufiger in Verwendung sein wird. Mit Holz kann man immer auch privat sich gut versorgen.

Ein weiterer Grund ist, dass bei einigen Produkten die Preise schon jetzt so hoch sind, dass Verbraucher nicht bereit sind, noch höhere Preise zu zahlen.

Ökonomen geben weiterhin an, dass in Finnland die Löhne noch nicht so stark angestiegen seien wie in vielen anderen Ländern. Auch gibt es längt nicht so viele Unterstützungen durch den Staat, wenn etwa Heizkosten ansteigen.

Bitter sieht es beim Lachs aus, der laut Lebensmittelbranche eine Preissteigerung von circa 70% hinter sich hat. Bei Prisma ist ein norwegisches Lachsfilet, das oft als Lockangebot der Geschäfte hergehalten hat (siehe mein Blog:  https://claudiashelsinki.com/2019/12/01/sieben-dinge-die-in-finnland-guenstiger-sind-als-in-deutsch-land/ kostet nun 18,90 Euro das Kilo (wer es nachprüfen will: https://www.s-kaupat.fi/tuote/rainbow-lohifilee-noin-900g-600-1200g-vac/2396003800005 ), früher gab es das schon mal um 9,99 Euro, wie auf dem Foto im Blogbeitrag von 2019 zu sehen war.

Kaffee gibt es immer noch günstig, wenn man nicht unbedingt eine bestimmte Sorte haben will. Die günstigste Packung Kulta Katriina kostete bei Prisma 3,95 das Pfund bzw. 7,90 Euro das Kilo. Während in Deutschland das günstigste Kaffeepfund bei Tschibo schon 9,98 Euro kostete.

Passenderweise hat die größte finnische Tageszeitung Helsingin Sanomat am 26.8. eine Liste über die Teuerungsraten verschiedener Lebensmittel veröffentlicht, die ich hier zitieren werde, die dafür verwendeten Daten kommen vom finnischen Amt für Statistik (tilastokeskus). Verglichen werden die Daten von diesem Juli mit denen vom Jahr zuvor. Hier führt zwar der Kaffee, aber direkt dahinter kommt frischer und gekühlter Fisch. Die Raten aus Deutschland stammen von der Verbraucherzentrale (VZ) oder von der Süddeutschen Zeitung (dann allerdings vom Juni 2022 im Vergleich zum Juni 2021; SZ). Allerdings ist die Einteilung hier eine wesentlich gröbere, vergleichende Zahlen habe ich habe ich aus Deutschland oft nicht gefunden.

ProduktTeuerungsrate in FIN in ProzentTeuerungsrate in DE (falls irgendwo möglichst für den August zu finden; falls nicht zu finden, habe ich auch österreichische Quellen genutzt (Agrarmarkt Austria; Zahlen Juli 2022, markiert mit A)
Kaffee45,822,6 (SZ)
Frischer und gekühlter Fisch38,97,5 (SZ)
Kartoffeln35,891,7 (März 2022)
Eier34,9 
Molkereiprodukte und Eier (Nur DE) 24,2 (VZ)
Mehl und andere Getreideerzeugnisse3015 (VZ)
Andere Speiseöle22,4 
Margarine und andere Pflanzenfette21,9  44,2 (VZ)
Getrockneter, geräucherter oder gesalzener Fisch und Meerestiere21,77,5 (SZ)
Rind- und Kalbsfleisch21,227,8 (A)
Fleisch- und Fleischwaren (Kategorie bei der Verbraucherzentrale) 18,3 (VZ)
Gereifter Käse21 
Schmelzkäse20,7 
Käse und Käseprodukte19,4 
Schweinefleisch18,725,8 (A)
Butter17,781,3 (A)
Geflügelfleisch17,426,7 (A)
Aufschnitte15,3 
Getrocknetes, gesalzenes und geräuchertes Fleisch14,9 
Würste14,6 
Frisches und gefrorenes Gemüse (außer Kartoffeln)14,6 
Schinken und anderes behandeltes Fleisch14,5 
Andere behandelte Fleischsorten und Fleischerzeugnisse14,3 
Frischkäse und Quark14,1 
Birnen13,8 
Pastaerzeugnisse und Couscous13,4 
Sauermilchprodukte12,9 
Milchbasierte Nachtische12,2 
Fettarme Milch11,5 
Tiefgefrorener Fisch11,5 
Joghurt11,1 
Brötchen und Baguettes11 
Streichfette mit Butteranteil10,9 

Ergo: Die Lebensmittelrechnung steigt um mindestens 10% an. Freuen können sich diejenigen, die selbst Kartoffeln anbauen und fischen. Oder Vegetarier sind und selbstangebaute Teesorten trinken. Eigene Hühner zu haben wäre jetzt auch eine gute Idee.  

Interessant, dass es sowohl Produkte gibt, die in Deutschland deutlich teurer geworden sind, z.B. Margarine, als auch Produkte, die in Finnland wesentlich zugelegt haben, wie etwa Mehl. Logisch ist das nicht unbedingt. Man könnte sogar fast meinen, dass z.B. die finnischen Preisanstiege beim Fisch sich dadurch erklären, dass ein Finne weniger auf Fisch verzichten will als ein Deutscher. Wer bereit ist, sein Kaufverhalten zu adjustieren, kann hier die Teuerung eindämpfen. So könnte man von Butter umsteigen auf Streichfette mit Butteranteil (finnisch: voiseokset).

Gut, dass die Angel-, Jagd-, und Mobilgebühren nicht großartig gestiegen sind. Wer also selbst angelt, ist gut dran, dann kann man der Erhöhung beim Lachspreis entgegensteuern.

Angeln mit Wurmangel

Fazit: Ja, in Finnland günstigere Produkte gibt es immer noch, auch wenn einige davon im Preis angestiegen sind.

Ausschlaggebend sind unterm Strich aber die Lohnerhöhungen, und da dümpelt man in Finnland um die 2% herum – das gleicht die Inflation längst nicht aus. Leider. Das heißt, dass wir in Finnland wirklich den Gürtel enger schnallen müssen. Darauf haben uns die Politiker aber schon vorbereitet. Das ist der Unterschied zwischen Finnland und Deutschland: Wenn in Finnland Ministerin Saarikko sagt, dass der Lebensstandard sinken wird, knirschen die Finnen mit den Zähnen und akzeptieren es – weil man es eh nicht ändern kann. Sagt ein deutscher Politiker das Gleiche, wird er ohne Ende angefeindet, weil man negative Nachrichten dem deutschen Wähler einfach nicht so gut beibringen kann. Finnland ist aus seiner Geschichte die Churchill-Methode „Blood and Tears“ leider halt schon gewohnt. Wer den Winterkrieg durchgemacht und Sisu aufgebaut hat, für den sind ein paar Prozent Inflation eben nicht der Weltuntergang.

PS Aus Zeitgründen werde ich in Zukunft nur noch alle zwei Wochen bloggen. Danke für’s Verständnis!

 

Trotz hoher Preise geht dieses Bier im Augenblick weg wie warme Semmeln: es heißt OTAN, bekanntlicherweise nicht nur die französische Abkürzung für die NATO, sondern zufälligerweise auch finnisch „ich nehme“. Das Etikett spricht für sich.

Kommentar verfassen