Vallisaari – die wilde Insel vor Helsinki

Direkt vor den Toren Helsinkis liegt eine Insel, die bisher nur wenige ausländische Gäste erkundigt haben. Und da auf der Insel im Augenblick eine fantastische Kunstausstellung stattfindet (noch bis zum 26. September), lohnt es sich, diese Insel kennenzulernen.

Ich spreche von Vallisaari.

Blick von Vallisaari Richtung Helsinki, direkt hinter dem Leuchtturm von Tadashi Kawamata ist der Dom zu erkennen.

Wer schon einmal auf der Festungsinsel Suomenlinna war, der hat Vallisaari gesehen. Nach Suomenlinna geht schließlich rund ums Jahr jeden Tag eine Fähre und viele Gäste haben das Unesco-Weltkulturerbe Suomenlinna bereits kennengelernt. Von der Königspforte von Suomenlinna schaut man auf eine andere Insel und sieht auf den südlichen Teil von Vallisaari, der nur 81 Meter entfernt beginnt. Diese Meeresenge heißt „Kustaanmiekka“ („Schwert des Gustavs“, benannt nach dem schwedischen König Gustav III., der als Thronfolger 1746 geboren wurde, zwei Jahre nach Beginn der Bauarbeiten der Seefestung). Für alle über 70 Meter langen oder über 14 Meter breiten Schiffe gibt es hier Lotsenpflicht. Besonders macht diese Meeresenge, dass die Schiffe nicht direkt durch die Meeresenge fahren können, sondern eine S-Kurve fahren müssen. Ist es windstill, gibt es keine großen Probleme, aber bei einer Windstärke von über 12 Metern die Sekunde lässt der Hafen von Helsinki keine Kreuzfahrtschiffe mehr durch diese Meeresenge fahren, um die allerbesten Liegeplätze einzunehmen, nämlich die Kais direkt vorm Markt oder an der Spitze der Halbinsel Katajanokka (siehe mein Blog mit Erwähnung der besten Anlegestellen in Helsinki: https://claudiashelsinki.com/2018/03/09/mit-dem-kreuzfahrt-schiff-nach-helsinki-insidertipps-teil-1/). Das längste Schiff, das die Lotsen bisher durch diese Meeresenge gelotst haben, war 1995 die M/S Oriana mit einer Länge von 260 Metern. Bei spiegelglatter See ging alles gut und man seufzte erleichtert auf, aber danach wurde eine Grundsatzentscheidung getroffen: Kein Schiff mit einer Länge von über 230 Metern darf mehr hier durch. Damit ist die M/S Artania mit einer Länge von 230,61 Metern ein absoluter Grenzfall und legt daher in Hernesaari an, die alte M/S Albatros mit 205,46 Metern war hier regelmäßig zu sehen.

Durchfahrt der Viking Express zwischen Vallisaari und Suomenlinna, gefilmt von Vallisaari. Nur zur Information: Ich bin nicht nass geworden, aber es war ganz knapp!

Sowohl von Suomenlinna als auch von Vallisaari aus kann man jedoch verfolgen, wie die Stockholmfähren oder die Viking Express von und nach Tallinn durch die Meeresenge fahren (Fahrpläne vorher checken, circa 15 Minuten vor Ankunft und 15 Minuten nach Abfahrt kommen sie hier vorbei). Vorsicht, wenn man zu nah beim Wasser ist, einige Momente nach der Durchfahrt kommt die Bugwelle, da sollte man einige Meter weiter sein, damit man nicht von ihr erwischt wird.

Die spektakuläre Meeresenge ist aber nur einer der vielen Gründe, warum sich ein Besuch von Vallisaari lohnt. Die Insel war bis 2016 ausschließlich in Verwendung des Militärs und daher geschützt vor Menschenmengen. Sie hat deswegen von allen Stadtteilen Helsinkis die größte Biodiversifizät. So finden sich auf der Insel über 1000 verschiedene Schmetterlings- und Mottenarten und alle in Finnland vorzufindenden Fledermausarten. Sie haben es sich in den verlassenen, alten Gemäuern des Militärs gemütlich gemacht, so zum Beispiel in der alten Sauna, die sich in der Nähe des Teichs befindet. Ganz genau gibt es hier die Nordfledermaus (pohjanlepakko), die Wasserfledermaus (vesisiippa), die Kleine Bartfledermaus (viiksisiippa), die Große Bartfledermaus (isoviiksisiippa) und das Braune Langohr (korvayökkö).

Alleine der Natur wegen lohnt sich schon ein Besuch auf Vallisaari. Und dann wäre da noch die Militärgeschichte. Die Alexanderbatterie ist ein hervorragendes Beispiel für russische Verteidigungsanlagen des 19. Jahrhunderts.

Im Hintergrund die Alexanderbatterie, im Vordergrund Laura Könönens Kunstwerk Ei taivasta rajana („Kein Himmel als Grenze“). Das Werk zeigt, wie eine vorher als Realität angenommene Illusion eines Himmels in Stücke gesprungen ist, die dennoch ästhetisch sind.

Noch viel geheimnisvoller ist die Nebeninsel Kuninkaansaari, die mit einem künstlich aufgeworfenen Verbindungsstreifen mit Vallisaari verbunden ist. Auf Kuninkaansaari befand sich im zweiten Weltkrieg das „Raija“ genannte Luftabwehrsystem. Es handelte sich um ein von den Deutschen erworbenes Überwachungssystem namens GEMA FuMG (Funkmessgerät) 40 G LZ-Stand, im Deutschen unter dem Namen Freya bekannt. Mithilfe dieses Systems konnte man sowjetrussische Bomberangriffe schon in einer Entfernung von 120 Kilometern identifizieren und die eigene Luftabwehr informieren. Das System bewahrte Helsinki 1944 vor der Vernichtung, als Stalin Helsinki am liebsten komplett in Stein und Asche gelegt hätte.

Das ist schon ein Teil von Kuninkaansaari

Es war bis 1951 im Einsatz! Die Insel Kuninkaansaari war deswegen komplett für Zivilisten gesperrt, sogar Bewohner von Suomenlinna (die damals auch noch eine militärische Insel war), durften keinen Fuß auf die Insel setzen.

Aber dann gibt es da noch was, was ich jetzt ganz besonders herausstreichen möchte: Die Biennale von Helsinki hat hier ihre Heimat gefunden. 2021 ist Premiere und was für eine Premiere! Die Künstler*innen haben genau für diese Umgebung ihre Kunst geschaffen und es ist ihnen gelungen. Mein Lieblingskunstwerk sind die Steinbälle der deutschen Künstlerin Alicja Kwade, die in Dialog treten mit dem finnischen Granitfelsen, auf dem sie stehen. Sie kommen aus verschiedenen Kontinenten und Ländern und passend hervorragend zu der felsigen Umgebung von Vallisaari.

Wahrscheinlich handelt es sich hier um finnischen Granit.
Dieser hier ist aus Carrara-Marmor.

Thema der Biennale ist: Dasselbe Meer. Es verweist auf die Verbundenheit durch die Ostsee und andere Meere, über Meere sind wir alle miteinander verbunden und voneinander abhängig (Titelwahl durch die Kuratorinnen Pirkko Siitari und Taru Tappola). 41 Künstler*innen aus Finnland und von der ganzen Welt sind mit ihren Werken vertreten.

Dafna Maimon (Deutschland) führt uns in den Darm von Shelly.

Wer noch nicht da gewesen ist: Bis zum 26. September gibt es noch die Möglichkeit dazu. Montags und dienstags sind die Kunstwerke, die sich nicht in der freien Natur befinden, nicht zugänglich, ansonsten hat man Zutritt zwischen 11 und 18 Uhr. Die Ausstellung selbst ist für das Publikum kostenfrei. Um jedoch zur Insel zu kommen, muss man ein Bootsticket erwerben, das hin und zurück circa acht Euro kostet, Abfahrten gibt es von Marktplatz und von Hakaniemi, angeboten von zwei verschiedenen Firmen.

Hoffentlich lasst ihr euch von den Bildern inspirieren. Und wenn es 2021 nicht mehr klappt, dann unbedingt die nächste Biennale 2023 schon jetzt im Kalender notieren! Selbstverständlich habe ich die Ausbildung für Vallisaari absolviert, um euch auf der Insel eine fachkundige Führung geben zu können. Meldet euch einfach. Es könnte sein, dass ich den Sommer 2022 und dann besonders 2023 wieder so gut zu tun habe, dass es sich lohnt, sich frühzeitig einen Termin zu sichern.

Vallisaari verabschiedete sich mit einem Regenbogen.

Quelle: u.a. Jarmo Nieminen: Aarresaaret-opas. Helsinki: Gummerus 2018.

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