Zwischen dem 6. und dem 7. März 2026 fand an der Universität Graz in Österreich die vierte internationale FI-DACH-Konferenz statt. Das FI-DACH-Forschungsnetzwerk hat sich seit 2020 als wissenschaftliches Forum für die vielfältigen Verflechtungen zwischen Finnland und dem deutschsprachigen Raum etabliert. Drei Keynote-Speaker und 23 Referierende berichteten über eine breite Palette interessanter Themen. Die FI-DACH-Konferenzen finden immer im zweijährigen Rhythmus statt; dieses Mal stand die wunderschöne Bundeslandeshauptstadt Graz als Austragungsort zur Verfügung. Bei frühlingshaften Temperaturen konnten wir den Charme der Steiermark erleben. Der breiten Öffentlichkeit ist die Steiermark als die Region bekannt, in der Arnold Schwarzenegger aufgewachsen ist. Viel interessanter ist jedoch die Kulinarik der Region, zum Beispiel die Weine und die steirischen Kürbiskerne. Der Steirische Ölkürbis (Cucurbita pepo subsp. pepo var. styriaca) ist eine Varietät des Gartenkürbis, bei der durch eine Mutation die Verholzung der Samenschale unterbleibt. Die Kerne selbst sind sehr beliebt, aus ihnen wird ein wertvolles Öl gepresst.

Auf der Seite der Universität Graz gibt es sogar ein eigenes Glossar zum Thema: https://static.uni-graz.at/fileadmin/_files/_cooperation_sites/_regionen-kennenlernen/Dateien/Kuerbiskernoel/Glossar_Kuerbiskernoel_575_Kirsche_07.08.2023.pdf

Für Deutschlehrende ist es immer wieder von Interesse, die Landeskunde aus den verschiedenen deutschsprachigen Regionen kennenzulernen und zu bemerken, wie wichtig die regionale Identität ist, hier ein gutes Beispiel aus den österreichischen Bahnen.


Die erste Keynote beschäftigte sich mit der Vorbildfunktion der finnischen Literatur für die frühe estnischsprachige literarische Kultur (Maris Saagpakk, Tallinn). Niina Syrjänen aus Joensuu stellte die Entstehung, Entwicklung und das Ende einer Translationskultur vor und damit das Übersetzen und Dolmetschen im militärischen Kontext während des Zweiten Weltkriegs in Finnland vor.
In der dritten Keynote erörterte Christopher M. Schmidt aus Turku/Åbo gesellschaftliche Transformationsprozesse, die sich in den archetypischen Diskursen zur Rolle der Künstlichen Intelligenz in finnischen und deutschen Massenmedien spiegeln. Er fand grundlegende Unterschiede zwischen den Diskussionen in finnischen und deutschen Massenmedien, die – gefühlsmäßig – jedem schon aufgefallen sind, der beide Medienwelten verfolgt.

Seine Untersuchung beruht auf den verschiedenen KI-Narrativen des öffentlichen Diskurses (nach Selke 2023). Hiernach kann man die Diskurse in vier verschiedene Lager aufteilen: die Dagegen-Narrative (Kampf gegen imaginäre oder konkrete Feinde, Ängste, Pandora-Mythos, Panik-Geschichte), die passive Narrative (Gewöhnung an das vermeintlich Alternativlose und Unabwendbare; Leitmotiv Optimierung), die progressive Narrative (Sehnsucht nach besserer Welt, Technik als Rettung, Leitmotive Exploration und notwendige Transformation) und die befreiende Narrative (‚“entpolitisierend“, Suche nach einem „Schatz“, Suche nach dem heiligen Gral).
In Deutschland bewegt sich die Diskussion zwischen einem Bedrohungsszenario der „Dagegen-Narrative“ und der befreienden Quest-Narrative. In Finnland redet man dagegen ausschließlich in Worten der passiven Narrative und der progressiven Aufbruchsnarrative.
Wenn man einmal diesen grundlegenden Unterschied verstanden hat, dann kann man dieses Wissen produktiv verwenden, einmal, um den deutschen Kulturkreis besser zu verstehen, aber auch, um zum Beispiel finnische Produkte und Dienstleistungen besser an den Mann oder die Frau zu bringen, indem man die Bedenken und Sorgen der Deutschen besser versteht. Ein Verkäufer oder eine Verkäuferin, der oder die seine Kundinnen besser versteht, kann auch besser verkaufen.
Es wurde eine Reihe weiterer Vorträge angeboten, die für speziell für Fremdsprachenlehrende und -lernende interessant waren. So berichtete Leena Kolehmainen (Helsinki, zusammen mit Philip Krämer und Ulrike Vogl) über Closing doors: Universitäten als sprachbildungspolitische Akteure in Europa. Sie zeichnete ein Bild der verschiedenen Diskurse, die europaweit im Zusammenhang mit der Schließung von Studiengängen (Deutsch ist hier wieder einmal am meisten betroffen!) oder Fächern (und sehr selten auch bei der Eröffnung neuer Studiengänge) verwendet werden. Wer Genaueres wissen will, hier der Link zum Projekt: https://doors.prd.ugent.be/en . Letztlich geht es auch darum, dass diese Diskurse die Vorstellungen von Sprachen in der Gesellschaft beeinflussen. Als herausstechende Diskurse fand man:
- Sprache als etwas „Kleines“
Hier wird entweder die Sprecheranzahl als klein dargestellt (im Vergleich zu Chinesisch etwa, komischerweise, ohne dass jemand auf die Idee kommen würde, dass jetzt alle Chinesisch lernen sollten) oder die Lernendenzahl. Wer hat es nicht schon gehört: „Es haben sich nur 12/13/14 Studierende für den Kurs angemeldet.“ Die Auswirkungen sind dieselben, wie wenn sich null Studierende angemeldet hätten!
- Die „Ersetzbarkeit“ von Sprachen
Man spricht von „Fremdsprachen“, meint aber ausschließlich das Englische, etwa in der Art, dass „die Wichtigkeit von Fremdsprachenkenntnissen“ – als Lippenbekenntnis anerkannt wird, in der Realität dann aber nur Englisch angeboten wird. Vielfalt wird als Fragmentierung ins Negative verkehrt. So kann z.B. das Italienische wegfallen, weil man ja „romanische Sprachen anbietet“ (Französisch und Spanisch, so geschehen an der Aalto-Universität, schon vor Jahren, was umso bedenklicher ist, weil die Aalto-Universität auch die ehemalige Kunstuniversität umfasst, seit wann gibt es Kunst ohne Italien?).
- Sprachen als „unpassend“, „nicht zeitgemäß“ oder „unproduktiv“
Man hat ja AI und/oder automatische Übersetzungsprogramme, wozu also Fremdsprachen? Wenn mit immer weniger Ressourcen immer mehr Studierende immer schneller zum Abschluss gebracht werden sollen, dann lohnt es sich halt, eher einen Kurs mit 40 Studierenden durchzuführen, in dem 40 Studierende innerhalb von vielleicht sogar 8 Wochen jeweils 5 Studienpunkte erreichen, als einen doppelt so lange dauernden Sprachkurs, in dem nur die Hälfte der Studierenden sitzt und die Lehrkraft genau dasselbe kostet. Die Bevorzugung von anderen Fächern wird als alternativlos dargestellt, „aus finanziellen Gründen muss man“, auch „wenn es einem noch so leidtut“. Sprachen werden hier als „Luxus“ dargestellt, den man sich „in der heutigen Zeit“ nicht mehr leisten kann, „Marketing“, „Mathematik“ usw. seien ungleich wichtiger.
Leider wurde klar, dass der Rückgang des Deutschlernens europaweit ähnlichen Trends folgt, sodass Finnland nicht allein ist. Wie sehr Deutsch bereits zur Exotensprache geworden ist, habe ich in einem anderen Blog bereits besprochen, siehe https://claudiashelsinki.com/2024/10/11/orchideensprache-deutsch-in-finnland/.
Stefan Kuzay (Helsinki) ließ Erinnerungsorte in Lerntagebüchern der Exkursionsteilnehmer*innen einer finnischen Wirtschaftsuniversität aufleben.
Almut Meyer (Turku) zeichnete ein Bild von Deutsch als Tor zu einer kulturellen Vielfalt und stellte ein Konzept eines kulturgerechten Verstehens im studienbegleitenden Deutschunterricht.
Sabine Grasz (Oulu) und Elena Gössl (Graz) stellten drei Jahrzehnte österreichisch-finnischer Bildungskooperation vor.
Sanni Linnasaari (Turku) untersuchte die Darstellung deutscher Politiker*innen auf Stickern. Diese Art der Darstellung von Politiker*innen ist in Finnland kaum oder auf jeden Fall viel weniger vorhanden.
Christian Niedling (Turku) erklärte ein für viele neues Wort, den Femonationalismus, wenn Feminismus vorgetäuscht wird und unter dem Deckmantel des Schutzes von Frauenrechten eine politisch rechtspopulistische Politik verteidigt wird. Er verglich die Aussagen von Alice Weidel der AfD in Deutschland mit den Aussagen von Riikka Purra von den Perussuomalaiset. Insgesamt ist es hier ein interessantes Phänomen, dass rechtsextreme Parteien sowohl in Finnland als auch in Deutschland von Frauen angeführt werden.
Katri Wessel (München) und Liisa Pirinen (Oulu) verglich deutschsprachige Literatur in Leichter Sprache“ mit finnischsprachiger Selkokieli.
Mia Raitaniemi (Helsinki) und Christian Niedling (Turku) behandelten das schwierige Thema von gendersensitivem Deutsch, zu dem sie eine Befragung unter Deutschlehrkräften an Hochschulen in Finnland durchgeführt hatten.
Ich selbst hielt einen Vortrag über die Positionierung zum Thema Heimat, wie sie von Personen eingenommen wird, deren einer Elternteil deutschsprachig und deren anderer Elternteil finnisch ist. Heimat ist insofern ein interessantes Wort, weil es ein unübersetzbares Wort darstellt, im Finnischen kommt kotimaa (=Heimatland) am nächsten, stellt aber keine Totaläquivalenz dar. Interessant ist die Einschätzung einiger Interviewter, dass ihr finnisches Mökki ihr „wichtigstes Stück Heimat“ sei. Über die Wichtigkeit des finnischen Sommerhäuschens gab es ja schon einige Blogs und über das Konzept des „Inruhegelassenwerdens“ (olla rauhassa) während des Aufenthalts im Mökki gibt es sogar einen sehr lesenswerten eigenen Forschungsartikel, der von Salla Poutiainen geschrieben worden ist: https://helda.helsinki.fi/server/api/core/bitstreams/ea4d8072-0758-4e04-93d8-f05ee8cbf7b4/content . Diesen Artikel sollte man unbedingt lesen, wenn man die finnische Sommerhäuschenkultur besser verstehen möchte. Salla bezeichnet das Gespräch rund um diese Kultur als „a cultural discourse of voluntary solitude“, einen kulturellen Diskurs über selbstgewählte Einsamkeit – hier werden sich viele Finn*innen und wahrscheinlich auch Wahlfinn*innen wiederfinden!

