Finnland: das gluten- und laktosefreie Paradies

Wer nach Finnland reist und in Restaurant isst oder auch im Supermarkt einkauft, wird immer wieder eine Tatsache bemerken: Hier wird in fast allen Restaurants sowohl auf der Speisekarte als auch beim Buffet vermerkt, ob die Speisen glutenfrei und oder laktosefrei oder laktosearm sind. Im Folgenden werde ich mich auf die glutenfreie Diät bei Zöliakie konzentrieren (von der man aber auch bei Glutenunverträglichkeit oder Glutenallergie profitiert), über Laktose folgt später ein weiterer Blog.

Menschen, die unter diesen Krankheiten leiden, wollen auch Urlaub machen und es hat wenig mit Urlaub zu tun, wenn man selbst kochen muss, um nicht krank zu werden – oder ständig Angst haben zu müssen, dass Restaurantbesitzer und Küchenpersonal entweder ignorant, oder dumm oder am Ende beides sind.

Wer es immer noch nicht kapiert haben sollte: Zöliakie ist eine Krankheit, die eine strikte Diät erfordert, und keine Modediät, die man einhalten oder auch nicht einhalten kann. Abweichen von der Diät bewirkt große Schmerzen, stundenlange Aufenthalte auf dem Örtchen – und nicht nur das. Wer sich nicht an die glutenfreie Diät hält, hat im Vergleich zur Normalbevölkerung ein doppeltes Risiko, an Krebs zu erkranken (bei einer Krebsart sogar ein bis zu 47 Mal höheres Risiko)!

Normalerweise findet man in Finnland ein (G) oder (L) hinter dem Namen des Gerichts, die für glutenfrei und laktosearm oder laktosefrei stehen (bei Letzterem sollte man sich informieren, ob es laktosearm oder -frei bedeutet).
Im Supermarkt gibt es eine ganze Armada von gluten- und laktosefreien Produkten. Letzteres ist auch der Grund, warum in einem normalen finnischen Supermarkt mindestens ein Dutzend verschiedene Milchsorten zu finden sind.

Lange Zeit ist man davon ausgegangen, dass besonders in Nordeuropa Menschen mit diesen Lebensmittelunverträglichkeiten zu finden sind. Die allgemeine Schätzung lautet, dass weltweit im Durchschnitt eine Person von 100 an Zöliakie leidet. Allerdings gibt es einen riesengroßen Unterschied zwischen diagnostizierten Fällen und dem echten Vorkommen, weil in vielen Fällen sogar Ärzte nicht an Zöliakie denken. Das bisher größte Screening von Zöliakie wurde in allen Regionen Italiens vorgenommen (das bisher nicht besonders bekannt ist für das Vorkommen dieser Krankheit), wo 17 201 Schulkinder im Alter zwischen sechs und 15 Jahren untersucht wurden, dies entspricht 69% der in Frage kommenden Population. Die Prävalenz war 1:184, und die unentdeckten zu diagnostizierten Fälle an Zöliakie standen in einem beeindruckenden Verhältnis von 7:1 (Catassi, C.; Fabiani, E.; Ratsch, I. M.; Coppa, G. V.; Giorgi, P. (1994) „The coeliac iceberg in Italy. A multicentre antigliadin antibodies screening for coeliac disease in school-age subjects. “Acta.Paediatr.Suppl.; 412; 29 – 35, zitiert aus: Validierung der Bestimmung von HLA DQ2 & DQ8 bei Zöliakie: Diagnostischer Nutzen, Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Medizin der Medizinischen Fakultät der Eberhard Karls Universität zu Tübingen vorgelegt von Bernd Dreher 2006).
Nur der Vollständigkeit halber sollte noch erwähnt werden, dass weltweit das bisher höchste Vorkommen von Zöliakie mit 5,6% bei einer Bevölkerungsgruppe der Sahara festgestellt worden ist. Im Allgemeinen kann man daher insgesamt davon ausgehen, dass es viel mehr Menschen gibt, die unter diesem Problem leiden, als bisher angenommen wurde.

In Finnland sind es aber doppelt so viele wie weltweit angenommen, nämlich 2%, von denen aber nur bei 0,7% eine Diagnose vorliegt (https://www.kaypahoito.fi/hoi08001). Woher kommt das?

Die Krankheit hat eine starke erbliche Komponente, so findet man bei 98% aller Zöliakie-Patienten die sogenannten HLA-Faktoren DR3-DQ2 (Allele DQA1*0501 und DQB1*02 oder DR4-DQ8). Diese HLA-Faktoren erscheinen jedoch nicht nur bei Vorkommen von Zöliakie, sondern auch bei 30–40 % der Normalbevölkerung. Finnland hat lange Zeit eine sehr isolierte Bevölkerung gehabt, wo sich offensichtlich diese Allele gut vererben konnten (dazu siehe auch mein Blog Neue Erkenntnisse über die Besiedlung Finnlands – Wie Genforschung die Linguistik bestätigt ). Ein weiterer wichtiger Grund ist, dass Finnland eines der letzten Länder Europas war, in denen sich die Landwirtschaft durchgesetzt hat. Jagen, Fischen und das Sammeln von Beeren spielten lange Zeit eine große Rolle für die Ernährung der Bevölkerung.
Archäologische Ausgrabungen haben ergeben, dass das erste angebaute landwirtschaftliche Produkt in Finnland der Buchweizen war, erste Spuren davon finden sich vor über 7000 Jahren (circa 5300 v. Chr.). Über 1000 Jahre findet sich ausschließlich Buchweizen, der trotz seines Namens weder eine Weizen noch eine Getreideart ist und daher auch kein Gluten enthält. Die ersten Anzeichen für den Anbau von Gerste finden sich circa 4300 v. Chr. Die Archäologen betonen jedoch, dass dieses nicht bedeutet, dass die Menschen in Finnland von da an ausschließlich vom Ackerbau gelebt hätten, der Anbau von Getreide ist nur als Ergänzung zur Jagd und zum Fischfang zu sehen. Erst aus der Eisenzeit, nämlich ab 600 n. Chr. finden sich Zeichen für Gerstenfelder und erst ab 900 n. Chr. für Roggenfelder (https://www.maaseuduntulevaisuus.fi/maatalous/maanviljely-levisi-suomeen-7000-vuotta-sitten-1.32392). Kühe soll es in Finnland schon seit circa 3000 Jahren geben, hier geht man aber eher davon aus, dass diese in erster Linie als Zug- und Arbeitstiere gehalten wurden, und erst in zweiter Linie als Milchlieferanten. Während in vielen anderen Ländern die Menschen also viel länger schon ausschließlich von der Landwirtschaft lebten, konnte man in Finnland sich noch lange Zeit von Fisch und Fleisch ernähren, Getreide war “Beikost” und nicht die Hauptsache. Daher konnten auch Menschen überleben und ihre Gene weitergeben, die das Getreide nicht vertrugen.

Bei Laktoseunverträglichkeit hängt es ganz stark davon ab, woher man kommt. In Finnland leiden 17% der Bevölkerung an dieser Unverträglichkeit – aber weltweit gibt es mehr Menschen, die den Milchzucker nicht vertragen, als diejenigen, die ihn vertragen.

Wenn Sie mit Zöliakie in Helsinki unterwegs sind:
in der Markthalle von Hakaniemi (gleichnamige Metrostation) gibt es einen Laden nur mit glutenfreien Produkten: www.keliapuoti.fi. Dort gibt es auch das weltweit beste glutenfreie Brot aus Buchweizen: Hertta Hapanleipänen, ein glutenfreies Sauerbrot (Hersteller: www.eilamari.fi ). Zweitbestes glutenfreies Brot, dass es in fast jedem größeren finnischen Supermarkt gibt, ist das von Vuohelan leipä: https://www.vuohelanherkku.fi/en Die Sorte “Hapan ohut revitty” ist mein persönlicher Liebling. Aus dem gleichen Teig, nur in kleinerer Form: “mini revityt”. Es ist dunkles Brot mit einem kräftigen Geschmack, und so gut, dass die hellen „Sägemehlvarianten“ aus der Vakuumpackung danach (leider) nicht mehr schmecken!

 

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„Munkki“ von Vuohelan Herkku, kommen den deutschen Berlinern nahe

 

Und noch ein Tipp für alle, die in Finnland im Supermarkt einkaufen: fast alle finnischen Supermärkte habe die Regel eingeführt, dass alle Produkte, deren Haltbarkeit sehr bald abläuft, einen roten Sticker verpasst bekommen. Dann kann man diese Produkte mit einem Preisnachlass von 30% erwerben, der aber ab meistens 21 Uhr (definiert als „zwei Stunden vor Schließung, und das ist oft um 23 Uhr) sich auf 60% erhöht. Gerade bei höherpreisigen Produkten wie den glutenfreien lohnt es sich, auf diesen Sticker zu achten! Dann kann man sich glutenfrei eindecken und das Tiefkühlfach auffüllen. So ganz nebenbei wäre das auch eine tolle Idee für Deutschland, um das Wegwerfen von absolut tadellosen Lebensmitteln zu reduzieren!

In der alten Markthalle am Südhafen führt das “Scandinavia Café” glutenfreie finnische “Ohrfeigen”, die finnische Variante von Hefeteiggebäck in der Form einer Zimtschnecke (gebacken von der Bäckerei Eromanga, www.eromanga.fi) . Unbedingt ausprobieren!

Die beste glutenfreie Pizza gibt es bei Dennis (zwei Restaurants: eins mit längeren Öffnungszeiten in Bulevardi 12 (Nähe Alexandertheater), das andere in der Kansankoulunkatu 1, Nähe Einkaufszentrum Kamppi, https://www.dennis.fi). Die Pizza ist so gut, dass man das erste Mal nachfragen muss, ob man wirklich die glutenfreie Version erhalten hat! Und keine Frage, natürlich gibt es auch ein glutenfreies Bier dazu: Lapin kulta glutenfrei (siehe Foto) oder die glutenfreien Kukko-Biere von Laitila: https://laitilan.com/en/juomat/kukko-oluet-en/

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