Finnland – ein etwas anderes Forschungs-ergebnis zum Klimatag

Wenn Forscher eine Korrelation oder gar einen ursächlichen Zusammenhang zwischen verschiedenen Faktoren herausarbeiten wollen, dann stellt sich immer wieder die Frage: Woher nimmt man möglichst zuverlässige Daten in ausreichender Menge?
Die Antwort darauf lautet immer häufiger: aus Finnland – weil man sie nirgends sonst woher bekommt. Das hat viele Gründe, darunter auch eine gewisse Wissenschaftsgläubigkeit der Finnen, während bei den Deutschen eher Skeptizismus vorherrscht. So sagt ein Finne eher: Ich sollte meine Daten den Forschern zur Verfügung stellen, sonst geht es in der Forschung nicht weiter. Der Deutsche sagt dagegen: Warum sollte ich meine Daten zur Verfügung stellen, sollen es doch andere machen, am Ende werden sie noch missbraucht.

So haben seit 2016 bis heute mehr als 100.000 Finnen der Biobank (https://www.helsinginbiopankki.fi/fi/etusivu) Zustimmung erteilt, ihre Biodaten für Forschungszwecke zu nutzen. Das sind immerhin 2% der gesamten finnischen Bevölkerung. Nur zum Vergleich: in Deutschland wäre die Situation vergleichbar, wenn 3,24 Millionen Deutsche ihre Zustimmung dazu geben würden, dass ihre DNA und ihre Krankheitsdaten für die Forschung genutzt werden.
Ganz wichtig jedoch ist, dass die Biobank keine private Institution ist, sondern eine staatlich geförderte, auch erhält man die Garantie, dass die eigenen Daten nie an Dritte wie zum Beispiel Versicherungen weitergegeben werden. Woran in Deutschland kaum jemand glauben würde, weil ja der Skeptizismus vorherrscht…

Ein besonders interessantes Beispiel – besonders anlässlich des gestrigen Klimatages – lieferte dieses Jahr die Forschungsgruppe rund um Jaakko Aspara. Er ist Professor und Vizerektor der schwedischsprachigen Wirtschaftsuniversität Hanken in Helsinki (und ganz nebenbei der jüngste Finne, der mit 26 Jahren jemals auf einen Professorenlehrstuhl berufen wurde) und arbeitete zusammen mit den weiteren hochkarätigen KollegInnen Xueming Luon (Temple University), Ravi Darin (Yale University) und Kristina Witkowski (Aalto-Universität) an einer besonders kniffeligen Frage.
Forschungsgegenstand war, wie die kognitiven Fähigkeiten von Menschen sich auf seine Entscheidungen in Bezug auf den Autokauf und die Autonutzung auswirken.

Das grundlegende Datenmaterial bestand aus circa 200.000 Entscheidungen zum Autokauf – getätigt von Männern in der finnischen Provinz Uusimaa (Helsinki und Umkreis). Die Autos wurden zwischen 2007 und 2012 gekauft.

Warum nur Männer?

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Finnischer Soldat als Ehrenwache vorm Präsidentenpalais

Dieses hatte forschungsimmanente Gründe – weil als korrelierender Faktor die Ergebnisse von kognitiven und psychologischen Tests bei der finnischen Armee vorlagen. Und die finnische Armee besteht immer noch in der Hauptsache aus Männern, weil der Militärdienst nur für Männer eine Pflicht ist, für Frauen weiterhin eine Kür.

Weiteres Datenmaterial gab es vom Finnischen Zentralamt für Fahrzeuge, Steuerdaten (wir erinnern uns: Steuerdaten sind in Finnland nicht geheim, siehe Die finnische Steuerklärung: der feuchte Traum eines Wirtschaftswissenschaftlers (Teil 1) und Die finnische Steuererklärung: der feuchte Traum eines Wirtschaftswissenschaftlers (Teil 2)) und die Daten des finnischen Bevölkerungsregisters. Es wird betont, dass sich aus dem Datenmaterial keine Rückschlüsse auf Einzelpersonen ziehen lassen – trotzdem wage ich zu behaupten, dass sich eine solche Untersuchung in einem deutschsprachigen Land nicht durchführen ließe.

Professor Aspara erklärt die Ausgangslage: Man habe vor allem wissen wollen, was das gesamte Datenmaterial hergebe (die sogenannte “data-driven” Herangehensweise), ohne gleich vorgefertigte Hypothesen zu haben.

Wichtigstes Ergebnis: Mit überdurchschnittlichen kognitiven Fähigkeiten kauft man(n) im Durchschnitt emissionsärmere Autos. Die Betonung liegt dabei auf “im Durchschnitt”. Natürlich gebe es auch überdurchschnittlich intelligente Männer, die sich einen dicken SUV in die Garage stellen, ohne Förster zu sein. Und genauso existieren dümmere Männer, die sich ein energiesparendes Hybridfahrzeug zulegen, aber im Durchschnitt trifft die Aussage zu.

Die Erläuterung von Aspara dazu: Die Intelligenten erfassen die Auswirkungen ihrer Kaufentscheidungen auf sich und andere langfristig besser. Genau in diese Richtung geht auch sein Ratschlag: beim Autokauf sollte es Entscheidungshilfen geben, etwa Tabellen, die genau erklären, welche Auswirkungen der Kauf hat, zum Beispiel in Bezug auf höhere Spritkosten / Autosteuern etc., etwa in der Form von “Fahren Sie 10.000 km pro Jahr mit diesem Auto, kostet es Sie bei den heutigen Benzinkosten x Euro, fahren Sie 20.000 km pro Jahr, dann x Euro” – und für alle Fahrzeuge müssten es eine Kennzeichnungsverpflichtung geben. Aspara vergleicht mit der Bankbranche, wo es seit einiger Zeit vor Investitionsentscheidungen eine Verpflichtung der Bank gibt, nach dem gewählten Risikoprofil Prognosen über eine Zeitschiene von mehreren Jahren, sogar Jahrzehnten vorzulegen.

Falls Ihnen jetzt etwa einfällt, dass das Ergebnis einfach nur etwas damit zu tun hat, dass Besserverdienende sich das umweltfreundlichere Auto mit seinen höheren Anfangsinvestitionen leisten könnten, dann liegen Sie auf dem falschen Dampfer. Selbstverständlich haben die Forschenden an diesen Zusammenhang gedacht und gleich auch mit untersucht. Ergebnis: selbst bei gleich hohem Einkommensniveau ergibt sich, dass die intelligenteren Männer die emissionsärmeren Autos kauften.

Könnte es sein, dass intelligentere Menschen einfach nur besser an ihr eigenes Wohl in der Form von langfristigen Ersparnissen dachten? Ist es doch ziemlich klar, dass man bei einem dickeren Auto höhere Steuern zahlt und mehr Spritkosten hat? Zufällig liegen hier nämlich die Interessen des eigenen Geldbeutels konform mit denjenigen der Umwelt.

Nur egoistische Motive zugrunde zu legen, wäre jedoch zu kurzfristig gedacht, denn ein weiteres interessantes Ergebnis dieser Studie war es, dass intelligentere Männer öfter an Autosharing beteiligt waren, also an verschiedenen Formen, gemeinsam ein Auto zu benutzen. Aspara erklärt dieses Ergebnis mit dem Grundsatz des sozialen Vertrauens. Intelligentere Menschen glauben nämlich im Durchschnitt mehr an das Gute in anderen Menschen und vertrauen auf soziale Zusammenarbeit. Und Letzteres wäre eine Mitnehmbotschaft, die uns allen guttun würde.

Hoffentlich denken auch die Österreicher daran, wenn sie morgen zur Wahl schreiten.

IMG_5983Auf Englisch ist das Ganze nachzulesen in:
Aspara, J., Luo, X. & Dhar, R. (2017). “Effect of intelligence on consumers‘ responsiveness to a pro-environmental tax: Evidence from large-scale data on car acquisitions of male consumers”. Journal of Consumer Psychology, 27 (4), 448-455.
Für den Blog wurde auch ein finnischsprachiger Artikel des Helsingin Sanomat vom 27.7.2019 (D14: Tutkimus: Keskimääräistä fiksummat ostavat muita useammin tietyntyyppisiä autoja) konsultiert.

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