Finnland glücklichstes Land der Welt – 12 Gründe

Laut dem „World Happiness Report“ der UN, der am 14. März dieses Jahres veröffentlicht wurde, ist Finnland das glücklichste Land der Welt.

Zum Thema ist schon einiges geschrieben worden, aber weniger von den bescheidenen Finnen selber als von ausländischen Journalisten, die versuchten, den Gründen auf die Spur zu kommen.

Im Folgenden möchte ich meine ganze eigene Erklärung liefern, sehr subjektiv und aus der Perspektive von jemandem, der in sechs verschiedenen europäischen Ländern gewohnt hat, und die letzten 12 Jahre in Finnland.

Sicherlich gibt es keinen einzigen Zauberfaktor, der Finnland auf die Nummer 1 gebracht hat. Es sind eine Vielzahl von Gründen, die hier Menschen glücklicher macht als woanders.
Finnland befindet sich in bester Gesellschaft: vier der fünf Länder an der Spitze sind nordische Länder: Norwegen (das das letzte Mal Nr. 1 war), Dänemark und Island. Das erste „südliche“ Land ist die Schweiz auf Platz 5 (vielleicht sollte ich die Schweiz auch mal ausprobieren, um mir in diesem Thema weitere Kompetenz anzueignen?).
Einige der Erklärungen müssen also in etwas liegen, was mit dem nordischen Modell zu tun hat. Punkt 1-9 gelten daher in der Hauptsache für alle nordischen Staaten.

  1. Krankenversicherung für alle. Alle. Keine Ausnahmen. Und alle zahlen auch ein. Keiner kann aus der Krankenversicherung herausfallen, alle sind individuell versichert – es gibt keine Versicherung über Familienmitglieder. Das gibt Sicherheit, egal was passiert, ich weiß, ich bin versichert. Die ersten 17 Länder der Liste sind übrigens alle Länder mit so gut wie obligatorischen Krankenversicherungen für alle, der amerikanische (Alb-)Traum folgt auf Platz 18.
  2. Rentenversicherung für alle. Wenn man in Finnland vom Arbeitgeber mehr als circa 50 Euro im Monat erhält, werden Rentenbeiträge abgeführt. Keine Konstruktionen wie 400-Euro-Jobs, mit denen sich Arbeitgeber aus der Verantwortung ziehen können und Arbeitnehmer geblendet werden und zu Renteneintritt die blaue Überraschung erleben. Man bekommt hier auch alle zwei Jahre einen Überblick über die bereits einbezahlten Beträge und sieht schwarz auf weiß, welchen Rentenanspruch ich mir schon erarbeitet habe (in Euro!). Im Internet kann ich dann auf die Seite meiner Versicherung gehen und mir dort ausrechnen lassen, wie hoch meine Rente sein wird, wenn alles so weiter läuft wie bisher.
  3. Jedermannsrecht. In allen nordischen Ländern kann man sich frei in der Natur bewegen, auch auf Privatbesitz. Ich kann Beeren und Pilze sammeln. Mit einer einfachen Angelrute angeln. Dieses ist mehr als nur ein Recht aus alten Zeiten, als es überlebenswichtig war. Es ist eine Möglichkeit, zu er-leben, wo unser Essen herkommt. Nachkommen von Finnen, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz leben, erwähnen diese Elemente immer wieder, wenn sie von ihrer zweiten finnischen Heimat sprechen (über ungefähr dieses Thema und einiges mehr schreibe ich meine Doktorarbeit). Es muss etwas ganz Archaisches sein, das es uns genießen lässt, wenn wir erleben, woher unser Essen stammt und selbst daran beteiligt sind, es aufzufinden. Älter als der Bauernstolz, noch aus der Zeit, als wir in Höhlen lebten, Jäger und Sammler waren. Ich glaube deswegen, dass Menschen glücklicher sind, wenn sie diese uralten Fischer- und Sammlerinstinkte ausleben können. Einfach nichts ist vergleichbar mit der Freude, wenn man eine Stelle mit Dutzenden von Pilzen findet (im Finnischen gibt es übrigens für solche „fundreiche“ Stellen von Pilzen, Beeren oder auch Fischen ein eigenes Wort: apaja)
  4. Geringe Korruption. Die nordischen Staaten befinden sich jahrein jahraus auf den Plätzen der Länder mit geringster Korruption.
  5. Hohe Steuern (!). Ja, hier zahlen die meisten Leute gerne Steuern. Weil wir wissen, dass wir einen Gegenwert bekommen: kostenlose Schulbildung und gratis Studium für die Kinder zum Beispiel (wenn Trump sich mehr Einwanderer aus Norwegen für die USA wünscht, dann kann ich nur sagen: Keep on dreaming! ). Viele Bürger der nordischen Staaten kehren anderen Ländern den Rücken, sobald sich Nachwuchs einstellt und dieser das schulfähige Alter erreicht hat. Spätestens dann lohnt es sich wieder, nach Hause zu kommen. In allen nordischen Staaten gibt es auch keine Stadtteile, in die die Polizei sich nicht trauen würde, zu fahren. So auch in Helsinki, wo es keine Straßenzüge gibt, die ich nachts unbedingt meiden sollte. Auch dafür zahle ich hier Steuern.
  6. Gleichberechtigung ist hier schon fast eine Selbstverständlichkeit. Das Thema ist mir so wichtig, dass ich sicher einen eigenen Blogbeitrag darüber schreiben werde. Hier brauche ich keine Rechtfertigungen, wenn ich als Mutter arbeiten gehen will, weil alle gehen. Und es existiert ein gesetzlicher Anspruch auf einen Betreuungsplatz, schon seit Ewigkeiten. In Finnland hat es nie eine Zeit gegeben, wo die Frauen die Zustimmung ihrer Ehemänner brauchten, um arbeiten zu gehen. Und Finnland war das erste Land in Europa, wo Frauen schon 1906 das Wahlrecht erhielten (das zweite weltweit nach Neuseeland, das übrigens auf Platz 8 der glücklichsten Länder liegt). Das Finnische kennt übrigens nur ein Personalpronomen der dritten Person Singular: hän. Es steht für „sie“ und für „er“. Es ist nicht wichtig, ob es eine Frau ist oder ein Mann. Wichtig ist, dass es ein Mensch ist, Tiere und Sachen haben ein anderes Pronomen.
  7. Kostenlose Schulbildung und ein gratis Studium für diejenigen, die den Zugangstest bestehen. Also Chancen für alle. Ganz einfach. Soziale Mobilität ist hier noch möglich, was Menschen in Finnland schon dazu gebracht hat, zu sagen, dass Finnland heutzutage das Land ist, in dem sich der amerikanische Traum am ehesten verwirklichen ließe. Auch gibt es hier gute Möglichkeiten, im zweiten Bildungsweg Versäumtes nachzuholen (für die „Spätzünder“). Für Erwachsene gibt es nach acht Jahren Einzahlen in das Sozialsystem die Möglichkeit einer Art von Erwachsenen-BAfög, das in der Höhe fast dem Arbeitslosengeld entspricht. Und zwar nicht nur für die, die noch gar keine Ausbildung absolviert haben, sondern für alle! 14 Monate lang kann dieses Geld in Anspruch genommen werden – und ich habe einen gesetzlichen Anspruch auf Bildungsurlaub (Freistellung ohne Gehalt), in begründeten Fällen kann der Arbeitgeber zwar die Inanspruchnahme zeitlich verschieben, aber nicht auf Dauer ablehnen.
  8. Eine relativ saubere Umwelt. Finnland hat die sauberste Luft der EU (in Muonio, Lappland). Helsinki bietet das beste Leitungswasser aller EU-Hauptstädte (sorry, Wien: unser Wasser ist weicher). Und Helsinkis Bevölkerung ist sehr zufrieden mit dem funktionierenden öffentlichen Nahverkehrssystem, nur in Wien (jetzt sind wir wieder quitt;-) ist man von allen EU-Hauptstädten noch zufriedener. In meinem Bekanntenkreis kenne ich auch einige, die mir meine eigene Beobachtung bestätigt haben, dass ihre Pollenallergien in Finnland nicht so viele Beschwerden bereiten wie in Mitteleuropa. Dafür gibt es wissenschaftliches Backup: die Partikel der Luftverschmutzung sollen normale Pollen um so aggressiver für Allergiker machen. Obwohl ich selbst eigentlich eine Birkenpollenallergie habe, und die Birke auch angesichts ihrer Häufigkeit der finnische Nationalbaum ist, sind meine Beschwerden hier nur ein Bruchteil von denen, die ich in Mitteleuropa hatte.
  9. Gute Bedingungen für Firmengründer und Unternehmen. Hier gibt es bestens ausgebildetes Personal – und das zu günstigen Bedingungen (zum Beispiel werden Akademiker hier nicht automatisch besser bezahlt als Nicht-Akademiker, weil hier ja fast jeder Akademiker ist). Das Gründen eines Unternehmens ist einfach und unbürokratisch. Und die Mindestbeiträge für die Sozialkassen für Mikrounternehmer halten sich noch im Rahmen, jedenfalls im Vergleich zu Deutschland. Relaxte Menschen arbeiten besser und sorgen für mehr Profit.
  10. Flache Hierarchien und weniger Standesdünkel. Bei meiner Chefin marschiere ich einfach ins Zimmer herein. Gesiezt werden in Finnland lauter alter Regel nur der Präsident und der Erzbischof. Titel kennt man nicht. Macht das Leben so viel unkomplizierter. Und glücklicher.
  11. Realistische Möglichkeiten für den Normalbürger, sich Wohnungseigentum zu schaffen. Bis vor wenigen Monaten vergaben die finnischen Banken Wohnungskredite mit einer Kreditsumme von 100%. Jetzt ist man ein bisschen vorsichtiger geworden, vor kurzem sollten es maximal 95% sein, bald darauf einigte man sich auf 90%, eventuell wird die Regel auch noch auf 85% verschärft. Während in Deutschland abnorm hohe Eigenkapitalraten erforderlich sind, kann ich hier mich eines Tages entscheiden, dass es doch eine bessere Idee ist, statt der Miete genau dieselbe Summe der Bank zu zahlen (in der Hauptstadtregion von Helsinki sind die Mieten so hoch, dass es wirklich oft keinen Unterschied ausmacht). Die Nebenkosten beim Erwerb bleiben im Rahmen, so ist z.B. kein Notar erforderlich. Die eigenen vier Wände geben mehr Sicherheit und Geborgenheit: keiner kann mich herausschmeißen.
  12. Mehr Platz. In Finnland bewohnen 16 Einwohner einen Quadratkilometer (in Lappland übrigens nur zwei), in Deutschland 226. Sogar im bevölkerungsreichsten Teil Finnlands, der Provinz Uusimaa – zu der die Hauptstadtregion gehört-, erreicht man gerade 170 Einwohner, also deutlich weniger als in Deutschland. Gibt weniger Stress. Man kann ausweichen. Einfach in den Wald gehen, alleine sein und entstressen. Das machen Finnen gerne. München, die Stadt mit der höchsten Bevölkerungsdichte in Deutschland (4668 Einwohner pro Quadratkilometer) hat damit fast 2000 Menschen mehr pro Quadratkilometer als Helsinki mit seinen 2741 Einwohnern. Zum Vergleich: diese Zahl erreicht man in Deutschland in Oberhausen (alle Zahlen aus Wikipedia).

Die Punkte 1,2, 5 und 7 werden in Kombination auch der nordische Wohlfahrtsstaat genannt. Den einige natürlich schon für bankrott erklärt haben, was aber nicht erklärt, warum er im Großen und Ganzen immer noch so wunderbar funktioniert. Sonst wären die Leute nicht glücklich hier. Und was will man mehr vom Leben als glücklich sein?

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