Wolt – bisher größte Unternehmensübernahme in der Geschichte Finnlands

Am 10.11.2021 platzte es wie eine Bombe in alle Nachrichten. Der finnische Bereitsteller von Transportleistungen Wolt wird an den amerikanischen Konzern Doordash verkauft. Das Geschäft bringt den Besitzern von Wolt die Riesensumme von ungefähr sieben Milliarden Euro. Darüber freut sich auch die finnische Steuer. In der Staatskasse klingeln dann mehr als 600 Millionen Euro Mehreinnahmen, die jetzt schon für Erbauung sorgen – die Steuerzahler werden dann wohl nächstes Jahr im Steuerkalender auf den oberen Plätzen glänzen (für das Jahr 2018 berichtete Claudias Helsinki: https://claudiashelsinki.com/2019/11/08/der-neue-steuerkalender-ist-raus-diese-finnen-haben-2018-am-meisten-verdient/).  Mehrere Minister äußerten sich positiv über den Verkauf.

Die grüne Innenministerin Maria Ohisalo gratulierte per Twitter: Wahnsinn! Die finnische Technologiefirma Wolt wird für sieben Milliarden Euro verkauft! Herzlichen Glückwunsch, Miki Kuusi und der gesamten Belegschaft!) (Huikeaa, suomalainen teknologiayhtiö Wolt myydään noin seitsemällä miljardilla eurolla! Paljon onnea Miki Kuusi ja koko porukka!)

Wirtschaftsminister Mika Lintilä (Zentrumspartei, ehemalige Bauernpartei) freute sich ebenfalls über den Erfolg von finnischem Know-how in der großen weiten Welt und kommentierte: Der Unternehmensverkauf zeugt vom finnischen Start-up-Geist und zeigt, dass man mit Fleiß erfolgreich werden kann (Woltin yrityskaupat kertoo suomalaisesta start up-hengestä ja osoittaa, että ahkeruudella voi menestyä).

Reklame für Wolt auf den Straßenbahnen in Helsinki

Die Kommunikation ging aber auch umgekehrt: Kuusi bedankte sich in einer E-Mail an die finnische Premierministerin dafür, was er von Finnland erhalten hat und berichtete, dass Finnland für sein Unternehmen weiterhin eine zentrale Rolle spielen werde. Finanzministerin Annika Saarikko (Zentrumspartei) berichtete, dass die E-Mail sie gerührt habe.

So erhielten Kuusi und Juhani Mykkänen eine Einladung ins Finanzministerium, wo sie sowohl Saarikko als auch Lintilä trafen.

Wie hat alles angefangen?

Wolt wurde vor sieben Jahren 2014 gegründet. Einer der Gründer war Juhani Mykkänen, er berichtet für YLE (finnischer Rundfunk): Wir saßen zu siebt ein halbes Jahr in einem Raum und haben kein Gehalt bezogen. Miki Kuusi sagte uns damals, dass das ein Milliardengeschäft wird, aber es hörte sich natürlich absurd an.

Dann ging alles sehr schnell.

Kuusi erklärte im Interview mit YLE, dass der Verkauf für ihn persönlich schwierig war, weil er noch vor wenigen Monate sich diese Entwicklung noch überhaupt nicht hätte vorstellen können. Er kannte zwar den Geschäftsführer von Doordash persönlich, habe sich aber erst in den letzten Monaten mit dem Gedanken angefreundet, dass zusammen sich noch viel bessere Möglichkeiten eröffnen.

Mikko ”Miki” Akseli Kuusi wurde 1989 geboren und ist bekannt als einer der Gründer von Slush, Europas führendem Not-for-profit Startup und Tech-Event (https://www.slush.org/events/helsinki/, 1.-2.12. 2021 ist bereits ausverkauft). 2011 bis 2015 war Kuusi Geschäftsführer von Slush, konzentrierte sich danach aber auf den Aufbau von Wolt. Übrigens: Kuusi gehört zum finnischen Adelsgeschlecht der Granfelts. Ein Teil der Familie hat den Namen ins Finnische überführt und nennt sich nun Kuusi. Das Geschlecht der Granfelts wurde vom schwedischen König 1756 in den Adelsstand erhoben. „Die Familie stammt aus Finnland. Der älteste bekannte Vorfahre ist Berend Eriksson, Schlossschreiber auf Schloss Turku (gestorben 1572). Der Enkel seines Enkels, der Hauptmann des Infanterieregiments der Grafschaft Pori, Carl Gustaf Granfelt (1683-1767), wurde von König Adolf Fredrik am 15. September 1756 im Stockholmer Schloss unter Beibehaltung seines Namens zum Ritter geschlagen.“ (Übersetzung aus dem schwedischsprachigen Eintrag im finnischen Adelskalender unter https://www.riddarhuset.se/blog/att/granfelt/)

Kuusi bedeutet (neben vielem anderen) im Finnischen auch „Fichte“. Foto von Mihku Mihkunen

Seit einiger Zeit steht Wolt wie viele andere Lieferdienste auch im Feuer der öffentlichen Kritik. Die Fahrer von Wolt würden ausgebeutet, nicht klar ist, ob es sich nicht um ein verstecktes Arbeitnehmerverhältnis handeln würde und nicht um Selbständige, wie von Wolt behauptet. Beide Seiten haben gute Argumente. Nicht alle Fahrer wollen angestellt arbeiten, weil diese Art von Selbständigkeit es ihnen ermöglicht, jeden Tag neu zu entscheiden, ob sie Aufträge annehmen wollen oder nicht. Wolt erklärt, dass die Fahrer sich vertreten lassen könnten. Andererseits ist die Möglichkeit, auch für andere Auftraggeber zu arbeiten, sehr theoretisch – soll der Fahrer mehrere Jacken auf dem Fahrrad mitführen, damit er zwischendurch den Auftraggeber wechseln kann? Das finnische Verwaltungsgericht stellte nun in einem Urteil vom August diesen Jahres fest, dass die Fahrer Unternehmer seien. Mit der finnischen Gewerkschaft PAM läuft aber weiterhin ein Verfahren, PAM ist – wie auch einige andere offizielle Stellen zuvor – der Überzeugung, dass es sich um Arbeitnehmerverhältnisse handele. So hatte auch die finnische Verwaltungsbehörde von Südfinnland das Vertragsverhältnis als Arbeitnehmerverhältnis ausgelegt.

Auch unter den Restaurants macht sich Kritik breit, aber nicht nur an Wolt, sondern insgesamt an den Lieferdiensten. Die Kommission fräße den Großteils des Profits und man könne kaum wirtschaftlich arbeiten. Aber gerade in Corona-Zeiten sei man auf Gedeih und Verderb auf die Lieferdienste angewiesen.

Im Augenblick ist Wolt in 23 Ländern tätig. Für Wolt fahren über 100.000 Fahrer, Kunden gibt es Millionen und Restaurants mit Vertrag über 60.000.

Wolt ist seit einigen Monaten in Berlin tätig und expandiert im Augenblick Richtung Hamburg. Durch diesen Deal im Dschungel des Liefermarkts verschafft sich Doordash den Zugang zu den europäischen Märkten.

Nach dem Verkauf geht alles weiter wie gewohnt. Wolt arbeitet weiter unter dem bekannten Namen und Logo. Für die Kunden, die Geschäftspartner und die Fahrer bleibt es also beim Alten. Die türkisfarbenen Jacken werden also weiterhin in der Stadt zu sehen bleiben.

Quellen:

https://yle.fi/uutiset/3-12181320

https://yle.fi/uutiset/3-12181397

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