#only in Finland: So was kann einem nur in Finnland passieren

Es gibt Dinge, die einem nur in Finnland passieren können.

Es kann einem vorkommen, dass Finnland nur ein Dorf ist und man mit jedem über zwei bis drei Ecken verbandelt ist. Verbandelt oder auch verwandt. Das gilt sogar, wenn man wie ich „nur“ 50% finnischer Herkunft ist.

In der Regel braucht man mit jemandem nur ein paar Minuten reden, und man stellt fest, dass man gemeinsame Bekannte oder sogar Freunde hat. Und manchmal sogar, dass man miteinander verwandt ist, ohne es vorher gewusst zu haben.

Am Strand von Valkeisjärvi

Die skurrilste Geschichte solcher Art ist mir im Coronasommer diesen Jahres passiert. Ich hatte ja schon in meinem Blog direkt nach dem Sommer erzählt, dass ich den Sommer 2020 genutzt habe, um etwas zu unternehmen, das ich sonst nie geschafft hätte. Ich war zwei Wochen in der finnischen Provinz Savo zum Thema Ahnenforschung unterwegs. Ich besuchte die Friedhöfe mehrerer Orte, um die Gräber meiner Vorfahren zu finden und zu dokumentieren. Außerdem besuchte ich Verwandte und versuchte, alte Geschichten zu erfahren. Es war einfach wunderbar und ich bin wahnsinnig dankbar für diese Zeit.

In der Provinz Savo hatten wir im Sommer so gut wie keine Corona-Fälle, ich hatte vorher sowieso nur 100% im Distanzunterricht gearbeitet und mich in Quarantäne begeben. Eines schönen Tages war der Friedhof von Vieremä dran, einer Gemeinde von 3776 Seelen. Bekannt ist der Ort als der Sitz des finnischen Unternehmens PONSSE, das Forstmaschinen herstellt (www.ponsse.com ) Auf dem Weg bemerkte ich ein Straßenschild mit einem für mich bekannten Ortsnamen. Es war Valkeiskylä (übersetzt „Weißdorf“). Ich wusste, dass mein finnischer Urgroßvater in Valkeismäki („Weißhügel“) geboren war und hatte vermutet, dass Valkeiskylä der richtige Ort war – in den alten Unterlagen stand nur „Valkeis“ oder „Valkais“. Der Vater dieses Urgroßvaters war aber unbekannt, Aku Martikainen (geboren 1890) war eines von drei unehelichen Kindern und mir war es in jahrelanger Recherche nicht gelungen, seinen Vater ausfindig zu machen. In dieser Generationenreihe handelte es sich um den einzigen fehlenden Namen, deswegen dachte ich mir, dass ich einfach mal nach dem Friedhofsbesuch auf einen Sprung nach Valkeiskylä fahren würde, um nach der Adresse „Valkeismäki“ zu schauen. Vielleicht würde ich ja fündig werden und zumindest ein Foto vom alten Hof mit nach Hause nehmen. Gesagt, getan.

Zunächst galt es, die Straße zu finden. Ich hielt am Schwimmstrand des Ortes, wo mich die Mutter der dort schwimmenden Kinder informierte, dass es selbstverständlich eine Straße mit dem Namen „Valkeismäentie“ gäbe und mir den Weg dorthin erklärte.

Der Straßenname hatte sich im Laufe der Zeit von „Valkaismäki“ zu „Valkeismäentie“ geändert.

Ich fuhr weiter und fand auch die Straße. Wie der Name es schon sagt, führt die Straße auf einen Hügel. Neben dem obersten Haus am Hügel hielt ich an, aus dem Haus kam eine Frau, der ich mein Anliegen als Ahnenforscherin erklärte. Diese erwiderte, dass sie sich nicht so gut mit der Ahnenforschung auskenne, jedoch ihr Vater ganz in der Nähe wohne, und sie ihn gleich anrufen würde, bei dem könnte ich dann vorbeischauen, der sei der Ahnenforscher der Familie. Nach einer fünfminutigen Autofahrt fand ich das Haus ihres Vaters Raimo und der kam dann gleich auf die Terrasse, wo wir uns gemütlich mit dem erforderlichen Abstand hinsetzen konnten.

Raimo in seinem Element

Ich erklärte Raimo mein Anliegen. Er ließ sich die Daten geben und schrieb sie auf. An der Art, wie er sie haben wollte, merkte ich schon, dass der Mann nicht das erste Mal nach Vorfahren gefragt hatte. Nach ein paar Minuten stellte sich heraus, dass Raimo in seiner Datei circa 30.000 Vorfahren und Verwandte hatte. Raimo war Ahnenforscher alter Schule, alles in Papiermappen, nicht im Computer, diesem vertraute er nicht so wirklich. Nach kurzem Überlegen stellte er auch fest, dass wir selbstverständlich verwandt seien und fragte mich auch, ob ich denn einen DNA-Test gemacht habe. Er hätte zwar keinen gemacht, aber seine Tochter, die gerade zu Haus zu Besuch war und nach wenigen Minuten auch heraus auf die Terrasse kam. Ich öffnete die App von MyHeritage und gab den Namen der Tochter herein. Und, schwupp die wupp, stellte fest, dass wir natürlich ein wenig DNA miteinander teilten. Ich erklärte Raimo noch mein Problem mit dem fehlenden Kindesvater in meiner Ahnenreihe und nach einigen weiteren Plaudereien verabschiedete ich mich von Raimo. Der versicherte mir, er werde in seiner Datei noch mal nachschauen, ob er noch was für mich hätte.

Mehr als zufrieden fuhr ich zurück zu meinem Onkel und dessen Freundin, zu deren Sommerhaus ich zurückkehrte und von unserem neuen Verwandten erzählte. Ich erwartete einen Telefonanruf, innerhalb der nächsten zwei bis drei Wochen, Ahnenforschung ist normalerweise nichts für ungeduldige Leute. Jedoch klingelte schon am nächsten Morgen das Handy. Dran war Raimo, der mir weitere drei Generationen für die mütterliche Linie des Urgroßvaters gab – mal eben so.

Raimo gab mir auch Tipps für weitere Recherchen. Bald stieß ich auf die Originalunterlagen in den Kirchenbüchern. Oh Wunder, bei der Geburt meines Urgroßvaters hatte der Pfarrer den Kindsvater angegeben. „Renki Aukusti Kervinen“ stand da, übersetzt „Knecht Aukusti Kervinen“. Ich fand zwei Personen mit diesem Namen im Umkreis, nach einem Anruf bei Raimo konnte einer dieser aber ausgeschlossen werden, so dass ich dank meines neuen Verwandten die Lücke in der Ahnenreihe schließen konnte. Die Eltern von Aukusti Kervinen konnte ich auch noch herausfinden, jedoch stieß ich bei seinem Vater auf genau dasselbe Problem. Nur dessen Mutter war bekannt. Nun habe ich die erste Lücke nicht mehr in der vierten, sondern in der sechsten Generation. Dort fehlen mir jetzt auf der mütterlichen Seite insgesamt zwei Personen (von 32).

Kirche von Vieremä

Und fast ebenso bizarr und unwahrscheinlich klingt, dass ich mittlerweile herausgefunden habe, dass ich sogar mit meiner ehemaligen Au-pair-Familie verwandt bin. Ich hatte also vor 33 Jahren zufällig eine Au-pair-Familie in Finnland gefunden, deren Mutter mit mir verwandt ist! Ihre Schwester teilt 0,2% DNA mit mir – und es macht auch Sinn. Weil ein schon von mir recherchierter Urvater der erste Pfarrer von Paltaniemi war – und aus Paltaniemi (derzeit 390 Einwohner) kommt meine Au-pair-Mutter.

Die alte Bildkirche von Paltaniemi, die beiden ersten Pfarrer von Paltaniemi sind Urahnen von mir (13. und 14. Generation: Samuel Paldanius 1596-1651 und sein Schwiegervater Matthias Laurentii Tammelin Björnebergensis 1570-1663, deren Kirche wurde allerdings zerstört, die jetzige Kirche ist erst 1776 gebaut worden)

Es kann noch wunderbarer kommen. Nach ungefähr 20 Jahren gemeinsamer Freundschaft stellte ich mit meiner besten Freundin – sie ist natürlich Finnin – fest, dass wir 0,5% DNA teilen und haben mittlerweile auch schon herausgefunden, dass wir über zwei Ecken miteinander verwandt sind.

Manchmal hat man hier in Finnland das Gefühl, dass das ganze Land ein einziges Dorf ist. Was bei 5,5 Millionen ja auch viel einfacher ist als in Deutschland. Jeder kennt jeden.

In welcher deutschen Stadt oder welchem Dorf finde ich aufgrund eines Straßennamens einen entfernten Verwandten? Der sich dann noch als ein hochkalibriger Ahnenforscher herausstellt? Und wer kann in Mitteleuropa herausfinden, dass er mit seinem besten Freund auch noch verwandt ist?

Eben #onlyinFinland. Und weil Finnland so einzigartig ist, werden wir es auch dieses Jahr feiern, zum diesjährigen Unabhängigkeitstag, der morgen am 6. Dezember begangen wird. Normalerweise mit einem Empfang des finnischen Präsidenten, dieses Jahr findet natürlich alles online statt. Weswegen ich nach dem Schreiben dieses Blogs (5.12., 16.00 Uhr) auch gleich meine 92jährige Tante anrufen und ihr zum Unabhängigkeitstag gratulieren werde, normalerweise verbringen wir den Tag oft zusammen vor dem Fernseher. Heute sitzen wir Finnen zwar physisch getrennt vor den Bildschirmen, aber im Herzen verbringen wir diesen Tag zusammen. Weil wir ja eh alle irgendwie miteinander verwandt sind.

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