Die Ausstellung „Gallen-Kallela, Klimt & Wien“ im Ateneum-Museum in Helsinki (26. September 2025 – 1. Februar 2026) ist eine der bedeutendsten kunsthistorischen Begegnungen dieses Jahres. Sie vereint zwei Künstler, die auf den ersten Blick aus sehr unterschiedlichen Welten stammen – Gustav Klimt, die zentrale Figur der Wiener Secession, und Akseli Gallen-Kallela, den Wegbereiter der finnischen Moderne. Doch in der Gegenüberstellung offenbart sich ein gemeinsamer ästhetischer und geistiger Raum, in dem Kunst, Natur und nationale Identität miteinander verwoben sind.

Die Ausstellung verfolgt zwei zentrale Fragestellungen:
- Wie sich Gallen-Kallelas Werk im Austausch mit internationalen Modernist*innen und insbesondere mit den Künstler*innen der Wiener Secession entwickelt hat. Deswegen sind in der Ausstellung sind auch Werke weiterer Künstler*innen wie Koloman Moser, Josef Hoffmann und Emilie Flöge zu sehen.
- Wie die Secession-Bewegung um Klimt als Teil eines umfassenderen Wandels in Kunst, Design und Lebensstil um die Jahrhundertwende fungierte.


Der Dialog zwischen Wien und Helsinki

Die Ausstellung versteht sich als Dialog über Grenzen hinweg – über Stile, Länder und Ideale. Um 1900 war Wien das pulsierende Zentrum der europäischen Avantgarde. Inmitten der gesellschaftlichen und technischen Umbrüche suchte Gustav Klimt nach einer neuen, symbolisch-dekorativen Bildsprache, die „dem Leben mehr Kunst und der Kunst mehr Leben“ geben sollte. Finnland wiederum stand am Vorabend seiner Unabhängigkeit: Künstler wie Gallen-Kallela suchten nach Ausdrucksformen einer kulturellen Eigenständigkeit, die zugleich offen für internationale Einflüsse blieb.

Der Wiener Wahlspruch „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit“ findet im Werk Gallen-Kallelas eine nordische Entsprechung. Auch er wollte die Kunst aus den engen Grenzen des Historismus befreien. Seine Gemälde der 1890er- und 1900er-Jahre zeigen, dass er nicht nur vom finnischen Nationalepos Kalevala inspiriert war, sondern auch von der dekorativen und ideellen Freiheit, die die Secession verkörperte. Die Wiener Secessionisten waren auf Gallen-Kallela durch den finnischen Pavillon der Weltausstellung in Paris 1900 aufmerksam geworden, der von Gallen-Kallela gestaltet worden war. Die Aalto-Universität hat übrigens eine virtuelle Version des damaligen Pavillons erstellt. Hier gibt es mehr Informationen zum Projekt: https://sysrep.aalto.fi/paviljonki/about/
Die Ausstellung befindet sich auf der dritten Etage des Ateneums. Sie ist in mehrere Galerieräume gegliedert und führt chronologisch sowie thematisch durch die Stationen von Wien und Finnland.
Gustav Klimt: Beethovenfries (1902)

Das Original steht natürlich im Secessionsgebäude in Wien, aber die einzige und beste Kopie, von österreichischen Restauratoren erstellt, ist jetzt einmalig im Ateneum zu sehen.
Es sind Teile des berühmten Beethovenfrieses zu bewundern, eines Schlüsselwerks des Wiener Jugendstils. Hier verschmelzen Ornament, Mythos und Musik zu einem raumgreifenden Gesamtkunstwerk. In den goldschimmernden, flächigen Formen und den allegorischen Gestalten verkörpert sich Klimts Ideal einer spirituellen Erlösung durch die Kunst. Die stilisierte Linienführung und die fast musikalische Rhythmik des Dekors werden zur visuellen Übersetzung von Beethovens Neunter Symphonie – einer Kunst, die das Sinnliche und das Geistige zugleich berührt.

Ein zweites Werk von unschätzbarem Wert ist die einzige Klimt-Zeichnung, die in Finnland entdeckt wurde.


Kunst als Gesamterfahrung
Ein besonderer Reiz der Ausstellung liegt in der Betonung des „Gesamtkunstwerks“. Neben Gemälden werden auch Designobjekte, Möbel, Schmuck und Mode gezeigt – Ausdruck jener künstlerischen Idee, dass Schönheit in alle Lebensbereiche vordringen müsse. Im Umfeld von Klimt waren Gestalter wie Koloman Moser und Josef Hoffmann ebenso prägend wie die Modemacherin Emilie Flöge. Parallel dazu arbeitete Gallen-Kallela an Interieurs, Gobelins und architektonischen Entwürfen, die eine finnische Variante des Jugendstils repräsentierten.

Diese Erweiterung des Kunstbegriffs wird im Ateneum mit feiner Kuratierung sichtbar: Der Blick wandert vom goldenen Ornament zur groben Textur eines Webteppichs, von der Linie eines Porträts zum Motiv eines Kachelreliefs. So entsteht ein visuelles Gespräch zwischen Wiener Urbanität und finnischer Natur, zwischen Ornament und Mythos.
Bedeutung und Nachhall
Die Ausstellung verdeutlicht, dass die finnische Kunst der Jahrhundertwende keineswegs eine abgeschlossene, nationalromantische Bewegung war, sondern Teil eines europäischen Netzwerkes von Ideen. Gallen-Kallela war kein isolierter Volksmaler, sondern ein Künstler von internationalem Format, der die gleichen Fragen stellte wie seine Wiener Kollegen: Wie kann Kunst die Seele einer Epoche ausdrücken? Wie lässt sich das Geistige in Form und Farbe übersetzen? Gallen-Kallela und Klimt kannten und schätzten sich, nicht zuletzt auch deshalb, weil Gallen-Kallela – wie ein Großteil der gebildeten Menschen des damaligen Finnlands – sehr gut Deutsch konnte.

Klimt und Gallen-Kallela verkörpern zwei Antworten auf dieselbe Herausforderung. Beide suchten das Heilige im Irdischen, das Ewige im Ornament. Beide verstanden Kunst als Medium der Erneuerung – für den Einzelnen wie für die Gesellschaft. Ihre Begegnung in Helsinki ist damit mehr als eine kunsthistorische Gegenüberstellung: Sie ist eine Erinnerung daran, dass Europa schon vor über hundert Jahren durch kulturelle Dialoge geprägt war, die bis heute nachwirken. Auch wenn einem bei Klimt eher spontan Gemälde mit viel Gold einfallen und bei Gallen-Kallela eher finnische Landschaften – in dieser Ausstellung erkennt man, dass Gallen-Kallela durch die Art, wie österreichische Künstler den Wolfgangsee malten, auch inspiriert wurde. Genauso bewunderten die österreichischen Kollegen, wie Gallen-Kallela die finnische Natur in seinen Werken darstellte, wenn er etwa seine Frau vor dem Hintergrund einer bemoosten Felswand malte.


