Gallen-Kallela, Klimt & Wien

Die Ausstellung „Gallen-Kallela, Klimt & Wien“ im Ateneum-Museum in Helsinki (26. September 2025 – 1. Februar 2026) ist eine der bedeutendsten kunsthistorischen Begegnungen dieses Jahres. Sie vereint zwei Künstler, die auf den ersten Blick aus sehr unterschiedlichen Welten stammen – Gustav Klimt, die zentrale Figur der Wiener Secession, und Akseli Gallen-Kallela, den Wegbereiter der finnischen Moderne. Doch in der Gegenüberstellung offenbart sich ein gemeinsamer ästhetischer und geistiger Raum, in dem Kunst, Natur und nationale Identität miteinander verwoben sind.

Portrait einer Frau in einem kunsthistorischen Rahmen mit sanften Farben und einem goldenen Rahmen, ausgestellt im Ateneum-Museum in Helsinki.
An diesem unvollendeten Werk Klimts sieht man seine Arbeitsweise: Vorzeichnung mit Bleistift und Versuche, den richtigen Farbton zu treffen.

Die Ausstellung verfolgt zwei zentrale Fragestellungen:

  • Wie sich Gallen-Kallelas Werk im Austausch mit internationalen Modernist*innen und insbesondere mit den Künstler*innen der Wiener Secession entwickelt hat. Deswegen sind in der Ausstellung sind auch Werke weiterer Künstler*innen wie Koloman Moser, Josef Hoffmann und Emilie Flöge zu sehen.
  • Wie die Secession-Bewegung um Klimt als Teil eines umfassenderen Wandels in Kunst, Design und Lebensstil um die Jahrhundertwende fungierte.
Ein gemaltes Porträt in einem goldenen Rahmen, das einen männlichen Kopf zeigt, teils in rot und blau gestrichen, mit einem nachdenklichen Ausdruck.
Akseli Gallen-Kallela: Selbstporträt als Fresco, 1894.

Porträt eines Mannes mit Brille, der nachdenklich wirkt, gemalt von Akseli Gallen-Kallela im Jahr 1907, umrahmt von einem goldenen Rahmen.
1907 malte Gallen-Kallela das Porträt Gustav Mahlers (Gösta Serlachius Kunststiftung, Mänttä)

Der Dialog zwischen Wien und Helsinki

Ein historisches Gemälde mit einer belebten Straßenszene aus der Jahrhundertwende, das Menschen in eleganter Kleidung zeigt. Im Vordergrund stehen eine Frau mit einem breiten Hut und ein Mann in einem Anzug, während Kinder und Passanten im Hintergrund sichtbar sind. Eine Pferdekutsche und ein Fahrrad sind ebenfalls zu erkennen.
Maximilian Lenz hat hier 1900 die Sirk-Ecke an der Ringstraße abgebildet.

Die Ausstellung versteht sich als Dialog über Grenzen hinweg – über Stile, Länder und Ideale. Um 1900 war Wien das pulsierende Zentrum der europäischen Avantgarde. Inmitten der gesellschaftlichen und technischen Umbrüche suchte Gustav Klimt nach einer neuen, symbolisch-dekorativen Bildsprache, die „dem Leben mehr Kunst und der Kunst mehr Leben“ geben sollte. Finnland wiederum stand am Vorabend seiner Unabhängigkeit: Künstler wie Gallen-Kallela suchten nach Ausdrucksformen einer kulturellen Eigenständigkeit, die zugleich offen für internationale Einflüsse blieb.

Ein Mädchen in einem roten Kleid beugt sich über einen Vogelkäfig, während bunte Vögel darin sitzen. Der Hintergrund ist mit einem schwarz-weißen Fliesenmuster gestaltet.
Die österreichische Künstlerin Broncia Koller-Pinell hat hier 1907–1908 ihre Tochter Silvia Koller mit einem Vogelkäfig verewigt (Sammlung Eisenberger, Wien).

Der Wiener Wahlspruch „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit“ findet im Werk Gallen-Kallelas eine nordische Entsprechung. Auch er wollte die Kunst aus den engen Grenzen des Historismus befreien. Seine Gemälde der 1890er- und 1900er-Jahre zeigen, dass er nicht nur vom finnischen Nationalepos Kalevala inspiriert war, sondern auch von der dekorativen und ideellen Freiheit, die die Secession verkörperte. Die Wiener Secessionisten waren auf Gallen-Kallela durch den finnischen Pavillon der Weltausstellung in Paris 1900 aufmerksam geworden, der von Gallen-Kallela gestaltet worden war. Die Aalto-Universität hat übrigens eine virtuelle Version des damaligen Pavillons erstellt. Hier gibt es mehr Informationen zum Projekt: https://sysrep.aalto.fi/paviljonki/about/


Die Ausstellung befindet sich auf der dritten Etage des Ateneums. Sie ist in mehrere Galerieräume gegliedert und führt chronologisch sowie thematisch durch die Stationen von Wien und Finnland.

Gustav Klimt: Beethovenfries (1902)

Ein Raum im Ateneum-Museum in Helsinki, der einen Teil des berühmten Beethovenfrieses von Gustav Klimt zeigt. Der Fries ist eine Kombination aus ornamentalen Mustern und allegorischen Figuren, die auf einer Wand dargestellt sind. Ein Holzbank steht im Raum, auf dem einige Kataloge liegen.
Das Beethovenfries

Das Original steht natürlich im Secessionsgebäude in Wien, aber die einzige und beste Kopie, von österreichischen Restauratoren erstellt, ist jetzt einmalig im Ateneum zu sehen.
Es sind Teile des berühmten Beethovenfrieses zu bewundern, eines Schlüsselwerks des Wiener Jugendstils. Hier verschmelzen Ornament, Mythos und Musik zu einem raumgreifenden Gesamtkunstwerk. In den goldschimmernden, flächigen Formen und den allegorischen Gestalten verkörpert sich Klimts Ideal einer spirituellen Erlösung durch die Kunst. Die stilisierte Linienführung und die fast musikalische Rhythmik des Dekors werden zur visuellen Übersetzung von Beethovens Neunter Symphonie – einer Kunst, die das Sinnliche und das Geistige zugleich berührt.

Details des "Beethovenfries" von Gustav Klimt, einschließlich eines grotesken Gesichts und nackter Figuren in einem dekorativen Rahmen.
Detail des Beethovenfrieses

Ein zweites Werk von unschätzbarem Wert ist die einzige Klimt-Zeichnung, die in Finnland entdeckt wurde.

Bleistiftzeichnung einer nackten weiblichen Figur in einer entspannten Pose mit erhobenen Armen auf braunem Papier.
Nackt, 1918 (Nationalbibliothek Finnlands)
Skizze einer nackten weiblichen Figur mit erhobenen Armen, die einen nachdenklichen Gesichtsausdruck zeigt.
Detail

Kunst als Gesamterfahrung

Ein besonderer Reiz der Ausstellung liegt in der Betonung des „Gesamtkunstwerks“. Neben Gemälden werden auch Designobjekte, Möbel, Schmuck und Mode gezeigt – Ausdruck jener künstlerischen Idee, dass Schönheit in alle Lebensbereiche vordringen müsse. Im Umfeld von Klimt waren Gestalter wie Koloman Moser und Josef Hoffmann ebenso prägend wie die Modemacherin Emilie Flöge. Parallel dazu arbeitete Gallen-Kallela an Interieurs, Gobelins und architektonischen Entwürfen, die eine finnische Variante des Jugendstils repräsentierten.

Ein elegantes, langes, rückenfreies Kleid mit Volants, aus hellem Stoff, ausgestellt im Ateneum-Museum, umgeben von historischen Fotografien.
Emilie Flöge wollte Frauen vom Korsett befreien, im Hintergrund ist sie in ihren selbstentworfenen Kleidern zu sehen.

Diese Erweiterung des Kunstbegriffs wird im Ateneum mit feiner Kuratierung sichtbar: Der Blick wandert vom goldenen Ornament zur groben Textur eines Webteppichs, von der Linie eines Porträts zum Motiv eines Kachelreliefs. So entsteht ein visuelles Gespräch zwischen Wiener Urbanität und finnischer Natur, zwischen Ornament und Mythos.


Bedeutung und Nachhall

Die Ausstellung verdeutlicht, dass die finnische Kunst der Jahrhundertwende keineswegs eine abgeschlossene, nationalromantische Bewegung war, sondern Teil eines europäischen Netzwerkes von Ideen. Gallen-Kallela war kein isolierter Volksmaler, sondern ein Künstler von internationalem Format, der die gleichen Fragen stellte wie seine Wiener Kollegen: Wie kann Kunst die Seele einer Epoche ausdrücken? Wie lässt sich das Geistige in Form und Farbe übersetzen? Gallen-Kallela und Klimt kannten und schätzten sich, nicht zuletzt auch deshalb, weil Gallen-Kallela – wie ein Großteil der gebildeten Menschen des damaligen Finnlands –  sehr gut Deutsch konnte.

Ein impressionistisches Gemälde von birkenartigen Bäumen auf einer grünen Wiese, eingerahmt in einem Holzrahmen, präsentiert im Ateneum-Museum.
Finnische Birken? Nein! Der österreichische Künstler Carl Moll hat hier 1902 einen Birkenhain im Abendlicht gemalt (Belvedere, Wien).

Klimt und Gallen-Kallela verkörpern zwei Antworten auf dieselbe Herausforderung. Beide suchten das Heilige im Irdischen, das Ewige im Ornament. Beide verstanden Kunst als Medium der Erneuerung – für den Einzelnen wie für die Gesellschaft. Ihre Begegnung in Helsinki ist damit mehr als eine kunsthistorische Gegenüberstellung: Sie ist eine Erinnerung daran, dass Europa schon vor über hundert Jahren durch kulturelle Dialoge geprägt war, die bis heute nachwirken. Auch wenn einem bei Klimt eher spontan Gemälde mit viel Gold einfallen und bei Gallen-Kallela eher finnische Landschaften – in dieser Ausstellung erkennt man, dass Gallen-Kallela durch die Art, wie österreichische Künstler den Wolfgangsee malten, auch inspiriert wurde. Genauso bewunderten die österreichischen Kollegen, wie Gallen-Kallela die finnische Natur in seinen Werken darstellte, wenn er etwa seine Frau vor dem Hintergrund einer bemoosten Felswand malte.  

Gemälde von Akseli Gallen-Kallela, das eine Frau in einem eleganten, hellen Kleid vor einer felsigen, naturbelassenen Umgebung zeigt. Die Frau trägt einen Hut und hat einen nachdenklichen Ausdruck. Das Bild ist kunstvoll in einem Holzrahmen eingefasst.
Porträt von Mary Gallen-Kallela (geb. Slöör), 1868–1947. Die ungezähmte Natur mit ihren Felsbrocken kontrastiert sehr schön mit dem eleganten Kleid.
Gemälde von Koloman Moser mit einer Ansicht des Wolfgangsees, zeigt sanfte Hügel und einen kleinen Segelboot auf dem Wasser.
Koloman Mosers Wolfgangsee (circa 1913; Privatsammlung)
Gemälde von Akseli Gallen-Kallela, das den ruhigen Lake Keitele darstellt, umgeben von Bäumen, in sanften Blautönen und Lichtreflexionen.
Akseli Gallen-Kallelas Bild des Sees Keitele aus 1904 (Privatsammlung)

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