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Warum Finnland zum neunten Mal das glücklichste Land der Welt ist

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Seit neun Jahren steht Finnland an der Spitze des World Happiness Reports. Für viele Menschen außerhalb des Nordens wirkt das zunächst überraschend: lange Winter, wenig Tageslicht und eine eher zurückhaltende Mentalität passen nicht unbedingt zum klassischen Bild eines „glücklichen Landes“. Doch genau hier zeigt sich, dass Glück im wissenschaftlichen Sinn weit mehr bedeutet als gute Laune oder ständiges Lächeln.

Dazu kamen Corona und der Überfall Russlands auf die Ukraine. Immerhin hat Finnland eine circa 1300 km lange Grenze mit genau dem Staat, der mal eben den eigenen Nachbarn einkassieren wollte! All das sind nicht unbedingt Punkte, die das Glück erhöhen.

Demonstranten auf dem Senatsplatz direkt nach dem Überfall der Ukraine durch Russland.

Der jährlich veröffentlichte World Happiness Report untersucht, wie Menschen ihr eigenes Leben bewerten. Dabei geht es nicht nur um momentane Emotionen, sondern um die allgemeine Lebenszufriedenheit. Die Forschenden sprechen von „subjective wellbeing“, also subjektivem Wohlbefinden. Entscheidend ist die Frage, wie zufrieden Menschen insgesamt mit ihrem Leben sind. (worldhappiness.report) Die Frage lautete, wie man im Allgemeinen mit seinem derzeitigen Leben ist, auf einer Skala von null (“überhaupt nicht”) bis hin zu zehn (“total zufrieden”). Die Finnen landeten diesmal auf einem Wert von 7,764, im Vergleich schafft es das glücklichste deutschsprachige Land, die Schweiz, auf 7,133, Österreich auf 7,099 und Deutschland hat nur 6,987.

Hufen des Rentieres, die verhindern, dass es zu sehr in den Schnee einsinkt.

Im Jahr 2026 wurde Finnland bereits zum neunten Mal in Folge als glücklichstes Land der Welt eingestuft. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass das Land seinen Vorsprung sogar weiter ausbauen konnte. Direkt hinter Finnland folgen andere nordische Staaten wie Island und Dänemark. (Guinness World Records)

Doch worauf basiert diese Spitzenposition eigentlich?

Die Realität ist natürlich, wie immer, kompliziert. Viele verschiedene Faktoren tragen hierzu bei und wie viel welcher Faktor beiträgt, bleibt im Dunkeln, weil man es einfach nicht erforschen kann. Die Forschenden berücksichtigen mehrere Faktoren: soziales Vertrauen, Lebenserwartung (vor allem, wie viele “gute” Jahre man sich noch realistischerweise erhoffen kann), Freiheit bei Lebensentscheidungen, Großzügigkeit, Vertrauen in Institutionen sowie das Gefühl von Sicherheit und geringer Korruption. Besonders stark schneidet Finnland beim gesellschaftlichen Vertrauen ab. Viele Menschen vertrauen sowohl staatlichen Institutionen als auch ihren Mitmenschen. Dieses Vertrauen prägt den Alltag – von funktionierenden Behörden bis hin zur Erwartung, dass eine verlorene Geldbörse tatsächlich zurückgegeben wird (cnbc.com).

Wer in so einem alten Wald spazieren gehen darf, der muss einfach glücklich sein!

Hinzu kommt das finnische Verständnis von Gemeinschaft. Obwohl Finninnen und Finnen oft als eher still gelten, gibt es (noch) ein starkes soziales Sicherheitsnetz. Bildung, Gesundheitsversorgung und soziale Absicherung sind breit zugänglich, auch wenn der Sozialstaat immer mehr bröckelt. So kann man in Finnland nicht einfach ohne Krankenversicherung dastehen, etwa durch eine Scheidung – jeder, der sich rechtmäßig in Finnland aufhält, ist automatisch bei der staatlichen Krankenversicherung Kela versichert. Also kein Durch-den-Rost-Fallen. Dadurch entsteht für viele Menschen ein Gefühl von Stabilität und Planbarkeit. Gerade diese Verlässlichkeit scheint ein zentraler Bestandteil des finnischen Glücks zu sein. (cnbc.com) Die Leistungen selbst sind dabei nicht unbedingt auf mitteleuropäischem Niveau – so kann man hier nicht seinen eigenen Arzt aussuchen (will man das, muss man es selbst bezahlen).

Strickgruppe in der Oodi-Bibliothek

Auch die Natur spielt eine wichtige Rolle. Wälder, Seen und die enge Verbindung zur Umwelt gehören für viele Menschen in Finnland selbstverständlich zum Alltag. Studien zeigen immer wieder, dass Naturerfahrungen Stress reduzieren und das Wohlbefinden steigern können. Hier sind Untersuchungen zum sogenannten “Waldbaden” zu nennen, das in Japan von Ärzten verschrieben wird (https://www.japan.travel/de/de/story/waldbaden-shinrin-yoku/). Finnland übertrifft mit 72% Waldflächen sogar Japan, das 67% aufweist. Verglichen mit der Fläche, ist Finnland das zehntreichste Waldland der Welt (Schweden ist auf Platz 14, https://stat.fi/tup/tietoaika/tilaajat/ta_01_03_metsat.html ). Bäume atmen und das, was sie unseren Lungen bieten, fangen wir gerade erst an, zu erforschen. Hier ein Artikel zum Thema: https://www.diepresse.com/5079714/hilfe-aus-dem-wald-baeume-als-medizin

Wer glaubt, dass Geld glücklich macht, dem sei gesagt, dass Geld alleine nicht glücklich machen kann, obwohl ein gewisses Mindestmaß an Einkommen die Voraussetzung für Zufriedenheit ist. Wenn es am Geld liegen würde, dann müsste Norwegen seit Jahren Platz 1 einnehmen. Interessant ist, dass der World Happiness Report Glück nicht allein an wirtschaftlichem Wohlstand festmacht. Zwar ist wirtschaftliche Sicherheit wichtig, doch Länder mit hohem Bruttoinlandsprodukt landen nicht automatisch auf den vorderen Plätzen. Viel entscheidender scheinen soziale Beziehungen, Vertrauen und gesellschaftlicher Zusammenhalt zu sein. (cnbc.com)

Angeln und Fischen kann auch glücklich machen.

Der finnische Begriff „Sisu“ wird häufig ebenfalls als Erklärung genannt. Er beschreibt Durchhaltevermögen, Widerstandskraft und die Fähigkeit, schwierige Situationen auszuhalten. Gerade in einem Land mit langen dunklen Wintern hat sich eine Kultur entwickelt, die Belastbarkeit und Pragmatismus wertschätzt. (nypost.com)

Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Geheimnis des finnischen Glücks: Nicht die Vorstellung eines perfekten Lebens steht im Mittelpunkt, sondern das Vertrauen darauf, dass man Herausforderungen gemeinsam bewältigen kann. Glück wird in Finnland offenbar weniger als kurzfristige Euphorie verstanden, sondern eher als stabile Zufriedenheit mit dem eigenen Leben und der Gesellschaft, in der man lebt. (worldhappiness.report)

Jetzt möchte ich – nach den üblicherweise genannten Faktoren – noch auf ein paar Faktoren eingehen, die nicht so sehr im öffentlichen Interesse stehen und kaum genannt werden, die ich persönlich aber auch für Bausteine der finnischen Zufriedenheit halte.

Eines der finnischen Lebensmottos ist das, was in der Nachkriegspolitik als “Paasikivi-Kekkonen-Linie” bekannt worden ist: “Das Akzeptieren von Tatsachen ist der Beginn von Weisheit.” Finnen sind keine Traumtänzer, sondern machen daraus das Beste, was man gerade vor sich hat.

Ebenfalls dazu gehört eine stärkere Orientierung an der Wissenschaft als in vielen anderen Ländern. Man verlässt sich darauf, was 99 % der Forschung sagen. Das hat man im Laufe von Corona immer wieder gesehen – Finnen glauben, was ein Virologe in den finnischen Nachrichten sagt, und glauben nicht, dass ein paar YouTube-Videos, die man gesehen hat, eine langjährige Wissenschaftskarriere aufwiegen könnten. Man ist auch einfach vernünftiger, so schüttelt man sich schon seit Jahren in Finnland im Krankenhaus und beim Arzt nicht die Hand (siehe mein Blog: https://claudiashelsinki.com/2018/02/10/finnland-das-land-der-vernunftigen/). Und Wissen ist bekanntlich besser als Glauben – und gibt einfach eine andere Sicherheit. So antworteten 2024 auf die Frage “Wie glauben Sie, ist insgesamt der Einfluss von Forschung und Technologie auf die Gesellschaft?“ in Finnland 26% mit “sehr gut“ und 64% mit “eher gut“ – also insgesamt 90% positive oder eher positive Einstellung (https://europa.eu/eurobarometer/surveys/detail/3227), in Deutschland waren es 13% mit “sehr gut” und 68% mit “eher gut“ – also insgesamt 81% positive oder eher positive Einstellung. Finnland liegt mit dieser Einstellung auf dem sechsten Platz bei der positiven Einstellung (übrigens ist Schweden Spitzenreiter, auf Platz fünf befindet sich ein weiterer nordischer Staat: Dänemark). Österreich befindet sich auf dem Platz des zweitwenigsten Vertrauens in der Wissenschaft (14% mit “sehr gut“ und 58% mit “eher gut“, also insgesamt 72% positiver Einstellungen), nur Rumänien ist noch kritischer. Auch die anderen Aussagen dieses Eurobarometers sind interessant zu lesen, Finnland und insgesamt die nordischen Staaten sind hier immer wieder auf den vordersten Plätzen zu sehen.

Noch ein anderer Punkt hat mit der Natur und dem zu tun, was man aus ihr herausholt. Sehr viele Finninnen und Finnen gehen jedes Jahr in den Wald, um dort eimerweise Beeren und Pilze zu pflücken. Je nachdem, welche Statistik man sich anschaut, findet man eine durchschnittliche Menge von sechs bis acht Kilo Beeren, die man an Beeren pro Jahr sammelt. Auch sind Angeln, Fischen und Jagen verbreitete Hobbys und nicht der finanzkräftigen High Society vorbehalten. Man kann also einem jahrtausendealten Instinkt folgen, der die Menschheit am Leben erhalten hat. Es macht glücklich, wilde Himbeeren zu finden, oder eine Ansammlung an wilden Erdbeeren, und das war schon vor 30.000 Jahren so. Sich selbst versorgen zu können, gibt einem ein tiefes Gefühl von Sicherheit.

Links Gartenblaubeeren und rechts die echten aus dem Wald. Sie sind dunkler, aromatischer und besitzen mehr wichtige Substanzen.

Und dann kommt noch die Sauna. Aber nur die echte, mit Holz befeuerte. Da habe ich ebenfalls eine Theorie, warum diese glücklich macht. Seitdem der Mensch sich vor wahrscheinlich schon Hunderttausenden von Jahren das Feuer zunutze gemacht hat, gibt es ihm Sicherheit. Der Rauch vertrieb wilde Tiere, wärmte und machte das Essen bekömmlicher. Abends in das Lagerfeuer, den Kamin oder eben den Saunofen zu schauen kann einen glücklich machen. Auf Finnisch hat der Saunaofen auch einen ganz eigenen Namen und ist kein zusammengesetztes Wort wie im Deutschen (kiuas = Saunofen; uuni = Ofen).

Hier wurde in der Sauna von Suomenlinna der letzte und geltende Weltrekord im „meiste Nationalitäten gleichzeitig in einer Sauna“ organisiert von der Fachhochschule Haaga-Helia aufgestellt. Es ging wohl weniger um den gesundheitlichen Nutzen, hat aber trotzdem Spaß gemacht (November 2019).

Zum Schluss setze ich noch einen kleinen Schocker, der einigen nicht gefallen wird. In Finnland ist man auch deswegen so zufrieden, weil man sich kaum auf eine höhere Macht verlässt, die es einem richten soll. Auf der Skala der Länder von “am meisten religiös” bis hin zu “am wenigsten religiös” liegt Finnland auf Platz 139 (von 148). Norwegen liegt auf Platz 143, Dänemark auf Platz 145, Schweden auf 146 und Estland auf 147. Die Frage lautete hier, ob man sich als “religiös” empfinde bzw. ob Religion und/oder Glauben einen wichtigen Stellenwert im eigenen Leben einnehme (https://ceoworld.biz/2024/04/08/worlds-most-and-least-religious-countries-2024/). In Finnland waren es insgesamt nur 28%, die dieses positiv beantworten (in Deutschland 40%). Auch hier rate ich dazu, sich die Liste einmal selbst anzuschauen. Mehr Glaube an ein höheres Wesen scheint eher mit mehr Hoffnungslosigkeit und Auswegslosigkeit zu korrelieren, die Spitzenpositionen werden von Bangladesh, Niger und Somalia eingenommen, innerhalb der EU ist es Rumänien.  

Vom deutschen Architekten Engel entworfener Engel in der Domkirche von Helsinki.

Andere Statistiken haben gezeigt, dass weniger religiöse Länder auch geringere Homizidraten aufweisen. So finden sich aus den USA eindeutige Daten, dass ein häufigerer Besuch des Gottesdienstes mit höheren Homizidraten korreliert (https://secularaz.org/less-religion-less-violence/). Da sieht es sehr gut für Finnland aus, weil selbst 63% der Bevölkerung, die Mitglieder der lutherischen Kirche sind, in der Regel maximal ein- bis zweimal im Jahr eine Kirche von innen sehen, z.B. zu Weihnachten und bei einer Hochzeit oder Taufe. Ein weitverbreiteter Glaube, dass Glaube und oder Religiösität die Menschen moralischer und/oder glücklicher mache, ist halt nur ein Glaube, beruht aber nicht auf Fakten. Diejenigen Gesellschaften, die die gegenwärtigen Herausforderungen selbst anpacken anstatt auf himmliche Hilfe zu vertrauen, schaffen es auch, dass Menschen untereinander sich mehr helfen und Gesellschaften wie die finnische Gesellschaft aufbauen.    

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