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Finnische Studentenoveralls

Die Hosenbeine eines finnischen Studentenoveralls der DIAK-FH in Helsinki
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Die finnischen Studentenoveralls – auf Finnisch opiskelijahaalarit – gehören zu den sichtbarsten und zugleich symbolisch dichtesten Ausdrucksformen studentischer Kultur in Finnland. Kaum ein anderes Kleidungsstück verbindet soziale Zugehörigkeit, individuelle Erinnerungspraxis und institutionelle Identität in vergleichbarer Weise.

Hier sind Optik-Studierende unterwegs. Das Neongrün ist nicht zu übersehen und passt zu ihrem Fach.

Die Funktion der Overalls im studentischen Alltag

Studentenoveralls sind robuste, meist einfarbige Arbeitsanzüge, die vor allem bei studentischen Veranstaltungen getragen werden: bei Partys, sogenannten Sitsit, Rallyes oder während der Feierlichkeiten zum 1. Mai (Vappu). Sie dienen nicht nur praktischen Zwecken – etwa dem Schutz der Kleidung –, sondern vor allem als visuelles Kommunikationsmittel innerhalb der studentischen Öffentlichkeit.

Zukünftige Ingenieur*innen der Metropolia-Fachhochschule. Man beachte die violetten Armteile! Daran sind die Studierenden des Campus Karamalmi zu erkennen.

Ihre zentrale Funktion besteht darin, Zugehörigkeit sichtbar zu machen: Wer einen Overall trägt, signalisiert unmittelbar seine fachliche und organisatorische Einbindung in eine bestimmte Studierendengruppe. Gleichzeitig erlauben sie jedem Studierenden, sich individuell zu positionieren, durch die Aufnäher und Accessoires, mit denen man den Overall verschönert.

Der gelbe Overall der schwedischsprachigen BWL-Studierenden von Arcada

Farbcode als soziales Ordnungssystem

Das auffälligste Merkmal der Overalls ist ihre Farbe. Diese ist keineswegs zufällig gewählt, sondern folgt einem komplexen, institutionell gewachsenen Farbsystem. Grundsätzlich gilt:

Die Farbe des Overalls zeigt an, welches Fach oder welche Studienrichtung eine Person studiert.

Es muss nicht immer ein Overall sein! Internationale Wissenschaftskooperation geht auch anders. Hier sind Aalto und die Wirtschaftsuniversität Wien glücklich vereint!

Dabei existiert kein landesweit vollständig standardisiertes System; vielmehr variieren die Zuordnungen zwischen Universitäten, Fachhochschulen und sogar einzelnen Fachschaften. Darüber hinaus kann man auch den Overall einer Landsmannschaft tragen. Das sind Studentenvereine,  in denen sich diejenigen Studierenden organisieren können, die aus einer finnischen Region stammen. Diese Organisationen haben ihren Hintergrund in der Tatsache, dass Finnland zwischen 1640 und 1909 nur eine einzige Universität besaß, nämlich die Universität Helsinki. 1909 wurde Hanken, die schwedischsprachige Wirtschaftsuniversität, gegründet, und die zweite finnischsprachige Universität entstand erst 1920 (Universität Turku). Daher kamen Studierende aus allen finnischen Provinzen nach Helsinki und gründeten aus Heimwehgründen Landsmannschaften. Ich war und bin immer noch Mitglied der Landsmannschaft von Savo/Savolax und trage stolz deren gelb-schwarzen Overall.

Mein Overall ist natürlich auch mit diversen Accessoires geschmückt, da passt es sehr gut, dass die Farben der deutschen Fahne sich zu zwei Drittel mit den Farben der Savo-Landsmannschaft decken.

Dennoch lassen sich typische Tendenzen erkennen:

BWL-Studierende der Aalto-Universität haben die Farbe „dollargrün“.

Konkrete Beispiele aus einzelnen Hochschulen verdeutlichen die Vielfalt:

Diese Farbzuweisungen fungieren als eine Art „sozialer Code“, der es ermöglicht, Zugehörigkeiten auf einen Blick zu erkennen – selbst in großen, anonymen Menschenmengen. Allerdings ist das Ganze nicht ganz einfach, bei einem ersten Durchzählen kam ich schon auf circa 100 verschiedene Overalls für die im Hauptstadtbereich tätigen Universitäten – da waren die Fachhochschulen noch nicht mitgezählt! Vermutlich kommen wir in ganz Finnland auf bestimmt 1000 verschiedene Overalls, wenn man die “Jahrgangsjacken” der Kunststudierenden mitzählt.

Hier eine der Jahrgangsjacken von GRRR (Studentenorganisation der Studierenden des Faches Visuaalisen viestinnän muotoilu; ungefähr als „Visuelle Kommunikation“ zu übersetzen)

Individualisierung durch Abzeichen

Trotz der standardisierten Grundfarbe sind Overalls niemals uniforme Kleidungsstücke im engeren Sinne. Ihre Individualität entsteht durch sogenannte Haalarimerkit (Aufnäher).

Auf dem Overall der Geografie-Studierenden der Universität Helsinki ein Aufnäher mit einem Spruch von Paasikivi, ehemaliger finnischer Präsident: „Für unsere Geografie können wir nichts.“
Auch beliebt: der kaum übersetzbare Klassiker von UKK.

Diese werden im Laufe des Studiums gesammelt – etwa bei Veranstaltungen, Exkursionen oder studentischen Wettbewerben – und anschließend von Hand auf den Overall genäht.

Der Overall fungiert damit als eine Art „textiles Tagebuch“:

Historische Entwicklung

Die Tradition der Studentenoveralls entstand in Finnland in den 1970er Jahren und wurde aus Schweden übernommen. Ursprünglich waren es vor allem Studierende technischer Fächer, die Arbeitsanzüge bei Bauprojekten oder studentischen Aktivitäten nutzten.

In den folgenden Jahrzehnten verbreitete sich die Praxis auf nahezu alle Studienrichtungen. Heute sind Overalls ein nahezu universelles Element der finnischen Hochschulkultur.

Die petrolblauen Overalls von HELGA, der Organisation der Studierenden meiner eigenen Fachhochschule Haaga-Helia. Das Oberteil des Overalls wird gerne so wie hier getragen, bei manchen gehört diese Tragart sogar zur Overall-Etikette.

Symbolik und soziale Praxis

Über ihre praktische und identitätsstiftende Funktion hinaus sind Overalls auch Träger spezifischer sozialer Rituale. Dazu gehört etwa das „Bein-Tauschen“ (lahkeen vaihto), bei dem Partner:innen jeweils ein Hosenbein austauschen, um ihre Beziehung öffentlich sichtbar zu machen. Die Individualisierung geht weit. Ein anderer Student wechselte seine Fachrichtung; er zerschnitt beide Overalls und nähte sie zu einem Hybridoverall um und damit auch zu einem äußerst individuellen, unikatten Stück.

Auch gibt es eine eigene Overall-Etikette. Laut Meinung vieler darf ein Overall nicht in der Waschmaschine gewaschen werden, die einzige Art, ihn zu waschen, sei es, mit ihm baden zu gehen. Darüber wird jedoch diskutiert.

Hier eine weitere Möglichkeit, seinen Overall zu personalisieren, indem andere eine Nachricht auf ihn schreiben.

Zugleich spiegeln Overalls die Verbindung von Individualität und Kollektivität wider:

Die Alexanderstraße kurz bevor Manta ihre Kappe erhält.

Finnische Studentenoveralls sind weit mehr als nur funktionale Kleidung. Sie stellen ein komplexes semiotisches System dar, in dem Farbe, Materialität und Dekoration soziale Zugehörigkeit, akademische Identität und biografische Narrative miteinander verknüpfen.

Die rotbraunen Overalls von Inkubio, Studierende der Bioinformationstechnologie.

Gerade ihre Kombination aus standardisiertem Farbcode und individueller Gestaltung macht sie zu einem einzigartigen kulturellen Artefakt innerhalb der europäischen Hochschullandschaft.

Ich war gestern am Vorabend von Vappu unterwegs und habe fotografiert.

Der Hund feiert auch Vappu. Finnland hat halt keinen Karneval, aber dafür Vappu!

Ihr könnt mir gerne auch weitere Fotos zuschicken, gerade, wenn euer eigener Overall noch fehlt! Ich habe vor, in meinem Blog im Laufe der Jahre eine vollständige Sammlung der Overalls der Hauptstadtregion anzulegen.

PS Wie Studentenoveralls gegendert werden soll, weiß ich leider noch nicht und nehme Vorschläge entgegen. Studierendenoveralls? Studi-Overalls?

Quellen: https://haalarikone.fi/ ;  https://fi.wikipedia.org/wiki/Luettelo_suomalaisten_opiskelijahaalarien_v%C3%A4reist%C3%A4

Manta erhält 2026 ihre Studentenkappe.

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