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Warum sind die Finnen neidisch auf die Schweden?

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Die Beziehung zwischen Finnland und Schweden ist geprägt von einer langen gemeinsamen Geschichte und kulturellen Verbindungen. Doch trotz dieser Nähe gibt es oft einen unterschwelligen Neid der Finnen auf die Schweden. In diesem Blog möchte ich die Gründe für diesen Neid untersuchen und herausfinden, ob er gerechtfertigt ist.

Die gemeinsame Geschichte Finnland war über 600 Jahre lang Teil des schwedischen Königreichs, bis es 1809 an Russland abgetreten wurde. Diese lange gemeinsame Geschichte hat tiefe Spuren in der finnischen Kultur und Identität hinterlassen. Fünf Prozent der Finnen sprechen Schwedischen als Muttersprache und viele weitere Finnen sprechen Schwedisch als Zweitsprache, eigentlich sollte es jeder und jede sprechen können, weil man es als Pflichtsprache in der Schule gelernt hat. Schwedische Einflüsse sind in vielen Bereichen des finnischen Lebens sichtbar.

Diese Schweden auf Besuch in Helsinki direkt vor dem Museum für Naturkunde (siehe Elch hinten) durfte ich filmen.

Wirtschaftlicher Vergleich: Schweden wird oft als wirtschaftlich erfolgreicher angesehen als Finnland. Mit großen internationalen Unternehmen wie IKEA, Volvo, Saab und Ericsson hat Schweden einen starken globalen Einfluss. Finnland hingegen hat zwar auch erfolgreiche Unternehmen wie (der leider schon gesunkene Stern) Nokia und Rovio, kämpft aber oft mit wirtschaftlichen Herausforderungen. Dieser wirtschaftliche Unterschied kann bei den Finnen Neid hervorrufen.

Der Elch gilt als Verkörperung von Schweden, jedenfalls für viele Deutsche. Hier ein Elch in Skansen in Stockholm.

Gesellschaftliche Aspekte: Lebensqualität und soziale Systeme Schweden wird weltweit für seine fortschrittlichen sozialen Systeme und die hohe Lebensqualität gelobt. Das schwedische Wohlfahrtsmodell bietet umfassende soziale Sicherheit, kostenlose Bildung und Gesundheitsversorgung. Finnland hat ebenfalls ein (noch) starkes soziales System, aber die Schweden scheinen in vielen Bereichen noch einen Schritt weiter zu sein. Dies könnte ein weiterer Grund für den Neid der Finnen sein.

Kulturelle Unterschiede: Kultur und Identität Obwohl die Finnen stolz auf ihre eigene Kultur und Identität sind, gibt es Aspekte der schwedischen Kultur, die sie bewundern. Schweden ist bekannt für seine Offenheit, Kreativität und Innovationskraft. Und dann haben sie noch eine Monarchie und den damit verbundenen Glanz und Gloria (siehe Titelfoto)! Diese kulturellen Unterschiede können dazu führen, dass die Finnen das Gefühl haben, dass Schweden in bestimmten Bereichen überlegen ist.

Persönliche Perspektiven: Stimmen aus Finnland und Schweden Um ein besseres Verständnis für die Beziehung zwischen den beiden Ländern zu bekommen, habe ich mit einigen Finnen und Schweden gesprochen. Ein finnischer Freund sagte mir: „Wir bewundern die Schweden für ihre Innovationskraft und ihren Lebensstil, aber manchmal fühlen wir uns im Vergleich zu ihnen benachteiligt.“ Ein schwedischer Bekannter meinte: „Wir sehen die Finnen als unsere Brüder und Schwestern. Es ist schade, dass sie sich manchmal minderwertig fühlen.“ Ich musste mehr nachgraben und postete in den sozialen Medien. Hier ein paar Stimmen von Finnen, warum man neidisch auf Schweden ist: „Allsång på Skansen! Alle sind so glücklich, dass es nicht wahr sein kann.“ Hier wird auf ein Fernsehprogramm im schwedischen Fernsehen verwiesen, bei dem im Park Skansen in Stockholm gemeinsam mit prominenten „Vorsängern“ Lieder gesungen werden. Eine andere Stimme: „Sie sind so modisch und stylisch (in Wirklichkeit haben alle dieselben Klamotten an, je nachdem, was gerade in ist). Und sie haben so gute Musik und internationale Musikstars! Und gute Krimiautoren und Nordic noir.“ Es gab aber auch die Reaktion, dass man sich keines Neides bewusst wäre.

Die Kirche inmitten des Freilichtmuseums von Skansen, das übrigens ein sehr schönes Ziel bei einem Stockholmaufenthalt darstellt.

Unter Umständen gibt es einen ganz einfachen Grund für den Neid. Und der wäre, dass alle neidisch sind. Da man auf Russland nicht neidisch sein kann, bleibt also aus historischen Gründen nur Schweden übrig. Logisch wäre es, auf Norwegen neidisch zu sein. Aber das Glück von Erdöl- und Erdgasfunden ist so neu, dass es vielleicht noch nicht genug Zeit gegeben hat, damit sich ein gefestigtes Neidgefühl hätte entwickeln können. Wer weiß, vielleicht ändert sich das noch in der Zukunft?

Es könnte jedoch noch einen weiteren Grund geben, warum Finnland neidisch ist auf seinen westlichen Nachbarn. Es hat mit einem Phänomen zu tun, dass es überall in Europa gibt. Der westliche Nachbar wird nämlich in Europa in der Regel als der zivilisiertere angesehen, der östliche als der primitivere. So gelten den Deutschen die Franzosen als das zivilisiertere Volk, während „polnische Verhältnisse“ oder gar die „polnische Wirtschaft“ kein Lob darstellen. Wenn man in Finnland „russisch putzt“, dann bedeutet dass, dass man die Ecken auslässt und nur oberflächlich sauber macht, so dass der Eindruck entsteht, es sei sauber, das findet sich unter ryssäsiivous oder ryssänsiivous im urbanen Wörterbuch (https://urbaanisanakirja.com/word/ryssasiivous/118424/, danke, Mari, für den Hinweis). Den Franzosen gelten die Deutschen als eher unzivilisiert, auf jeden Fall beherrschen sie nicht die Kunst der kultivierten Kommunikation. Für die Polen sind die Deutschen, was für die Franzosen die Deutschen darstellen, sie schauen auf die Russen herab. Wie lange es dieses Ost-West-Gefälle bereits gibt, ist schwierig zu sagen. Mindestens jedoch seit der Industrialisierung, weil die Richtung des Windes die Lage der Fabriken bestimmte. Da in Europa der Wind in der Regel aus dem Westen in den Osten wehte, wurden alle Fabriken in die Ostteile der Städte gebaut. Man denke nur an London East Side, aber auch in deutschen Städten ist es nicht anders. In Hamburg zum Beispiel das vornehme Blankenese im Westen, die ehemaligen Arbeiterviertel hinter dem Berliner Tor, Barmbek, Borgfelde, Hamm, Horn, Billbrook und Billstedt. Übrigens ist es im Großraum Helsinki auch nicht anders. Einer der reichsten Stadtteile Espoos im Westen ist Westend – da ist der Westen schon im Namen. Ärmer geht es im Osten zu, auch bei Itäkeskus ist der Osten im Namen (= Ostzentrum).

Man kann sogar weiter gehen und erforschen, dass die Konzepte von West- und Osteuropa konstruiert sind, weil natürlich klar ist: Was für den einen Westeuropa ist, ist für den anderen schon Osteuropa (das gilt natürlich genauso für Süd- und Nordeuropa; für die Hamburger beginnt der Balkan bekanntlich südlich der Elbe, Österreich fühlt sich dagegen noch ganz als „das Herz Europas“). Und wo fällt Finnland hin? Für die Schweden in den Osten, so wurde Finnland von den Schweden als die „Ostprovinz“ betitelt. Da in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts viele eher ungebildete Finnen nach Schweden zogen, um dort Arbeit zu finden, gab es auch jede Menge Diskriminierung, die Finnen galten als ungebildete, alkoholabhängige Immigranten aus dem Osten. Klare Grenzlinien zwischen Ost und West gibt es aber nicht. Ein interessanter Beitrag zum Thema findet sich hier, Larry Wolff: Die Erfindung Osteuropas. https://eeo.uni-klu.ac.at/wwwg.uni-klu.ac.at/eeo/Wolff_Erfindung.pdf

Wenn das die Erklärung wäre, dann würde es sich um kein finnlandspezifisches Phänomen handeln, sondern um ein allgemein nachbarschaftlich-kulturelles Phänomen.

Schlussfolgerung: Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Neid der Finnen auf die Schweden sowohl historische als auch wirtschaftliche und gesellschaftliche Gründe hat. Ob dieser Neid gerechtfertigt ist, bleibt jedoch offen. Vielleicht geht es weniger um Neid und mehr um Bewunderung und den Wunsch, sich weiterzuentwickeln. Oder hat etwas zu tun mit dem Drang des Menschen, andere in selbstkonstruierte Kategorien einzuordnen.

Das schwedische Kriegsschiff Disa in einer Unterwasseraufnahme an ihrem Fundort. Das Schiff wurde 1774 auf Suomenlinna für den Einsatz in den Schären gebaut und war ebenso im Einsatz in Schweden. Damals waren Schweden und Finnland ein Land. Das Foto wurde aufgenommen während der Präsentation „The Lost Navy, Maritime archaeology and the Navy 1450-1850“
von Patrik Höglund, Geschichtswissenschaftler und Meeresarchäologe, Statens maritima och transporthistoriska museer.
 
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