Warum Finnland Finnland ist

Dieser Blog wurde inspiriert durch das gleichnamige Buch von Tommi Uschanov (Miksi Suomi on Suomi, Teos 2012). Den Finnischkundigen kann ich das Buch wärmstens empfehlen, es spricht allerdings wirklich eher absolute Finnlandinsider an und sprengt den Rahmen dieses Bloges. Einen einzigen, vielleicht den wichtigsten Punkt des Buches, habe ich entliehen. Doch nun zum Punkt.

Die Frage klingt zunächst banal. Eine schnelle Antwort, angelehnt an das berühmte Zitat von A. I. Arwidsson (1791-1858) könnte lauten: Weil Finnland nicht Schweden ist und nicht Russland wird, also ist es Finnland. Eine andere Sofortantwort wäre „natürlich die Geschichte“. Aber lassen wir es nicht bei vorschnellen Antworten bleiben, sondern graben wir tiefer.

Es ist ein bekanntes psychologisches Phänomen, dass man sich besonders von denjenigen unterscheiden möchte, denen man ähnlich ist. Genauso ist es klar, warum es keiner Erläuterungen benötigt, warum Finnland nicht die Fuji-Inseln sind. Jedoch ist es viel schwieriger zu erklären, warum Finnland nicht Schweden oder Norwegen ist. Und warum ist es nicht die Schweiz, wenn man sich zum Beispiel die Neutralität als Grundsatz anschaut? Ein grundlegender Vergleich muss also nicht nur klären, in was sich Finnland von seinen Nachbarn unterscheidet, aber auch, in was es sich von allen anderen Ländern der Welt unterscheidet.

In meinem Blog https://claudiashelsinki.com/2018/05/20/gemeinsamkeiten-und-unterschiede-zwischen-den-nordischen-laendern/ habe ich die Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen den nordischen Ländern erläutert, bin jedoch ziemlich auf der Oberfläche von Fakten und Daten geblieben. Was bleibt übrig, wenn wir feststellen, dass die Breitengrade der Hauptstädte natürlich etwas variieren, wir es mit Staaten zu tun haben, die das nordische Wohlfahrtsmodell leben wollen und ziemlich liberal sind?

„Schweden sind wir nicht, Russen wollen wir nicht werden, also lasst uns Finnen sein.“ Einzige Straße mit dreisprachiger Beschriftung.

Was ist wirklich anderes bei Finnland? Eine vorschnelle Antwort ist die Sprache. Jedoch wird 80 Kilometer südlich von Helsinki auch eine weitere finnougrische Sprache gesprochen, Estnisch, und weitere Vertreter dieser Sprachfamilie findet man in Russland. So singulär wie das Baskische ist Finnisch also nicht.

Welchen Unterschied gibt es nun also wirklich zwischen Finnland und dem Rest der Welt? Es gibt einen: Finnland ist das einzige Land der Welt, das im Zweiten Weltkrieg die eigenen woanders gefallenen Soldaten nach Hause geholt hat. Das ist um so bemerkenswerter, als in der letzten Phase des Fortsetzungskriegs es für die knappen Ressourcen vernünftigere Einsetzung gegeben hätte als sie dafür zu verwenden, zehntausende Gefallene von der Front nach Hause zu holen und in Gräbern ihres Heimatortes zu begraben. Es erschien jedoch allen Beteiligten sonnenklar, dass diese Vorgehensweise fortgesetzt werden sollte. Viele Finnen gehen davon aus, dass dieses immer die finnische Philosophie gewesen wäre. Umso interessanter ist, dass Ilona Kemppainen in ihrer Doktorarbeit Isänmaan uhrit (2006) aufgrund der vorliegenden Dokumente erläutert, dass dieser Grundsatz erst kurz nach Ausbruch des Winterkriegs spontan entstanden ist. Es gab sogar eine Anweisung der Armee von 1932, in der davon ausgegangen wurde, dass Gefallene an der Frontlinie begraben werden sollten, so wie es in so gut wie allen anderen Armeen der Fall war. Alle Pläne und Vorbereitungen gingen in dieselbe Richtung. Kurz nach Beginn des Winterkriegs fing die Armee und die Soldaten aber an, die Gefallenen in ihre Heimatorte zu transportieren, ohne dass es irgendeinen offiziellen Befehl dazu gegeben hätte. Einmal im Gang, entwickelte diese Art des Vorgehens eine Selbstdynamik und Selbstverständlichkeit. Wenn man die Kameraden an der Front verbuddeln hätte müssen, wäre es als Verrat an den Werten erschienen, für die dieser Krieg überhaupt geführt wurde. Nämlich die Verteidigung der eigenen Heimat, die von einem übermächtigen Feind angegriffen worden war. Dann könnte man gleich die Waffen niederlegen und sich ergeben. Ganz nebenbei hat die erlebte Behandlung der Toten natürlich auch die Motivation der Kämpfenden verstärkt. Man wusste, dass selbst im schlechtesten Fall des Falles man nicht in feindlicher Erde seine letzte Ruhe finden würde. Und wen beim Holen des toten Kameraden auch die Kugel erwischte, der wurde genauso nach Hause geholt, koste es, was es wolle. Diese Philosophie ist in einem finnischen Satz zusammengefasst: „Kaveria ei jätetä“. Ein / Der Kamerad wird nicht zurückgelassen. Der Satz gilt sowohl für die Toten als auch für die Lebenden.

Schauen wir uns nun an, welche Unterschiede es zu Schweden gibt. Schweden führte 1814 seinen letzten Krieg gegen Norwegen, daher kann man schwer Vergleiche aus dem Zweiten Weltkrieg ziehen. Nehmen wir uns daher die schwerste Herausforderung der Nachkriegszeit, mit der sowohl Schweden als auch Finnland zu tun haben. Der Kampf gegen Corona. Schweden wählte einen Sonderweg, der jetzt schon in die Literatur als „der schwedische Weg“ eingegangen ist. Man versuchte, auf Teufel komm raus die Normalität zu erhalten und nahm billigend tausende von Coronaopfer in Kauf. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Schweden hat bisher (mit Datum vom 11.3.2021) 13.111 Coronaopfer zu beklagen, es folgt Dänemark mit 2484, Finnland 783, Norwegen 639 und Island 29 (Quelle: https://www.statista.com/statistics/1113834/cumulative-coronavirus-deaths-in-the-nordics/ ) Wenn man das auf die Einwohnerzahl umrechnet, ändert sich das Bild auch nicht, Schweden ist das einzige nordische Land, dass mit einer Corona-Sterblichkeit im Promillebereich zu tun hat (0,1294% seiner Bevölkerung ist an Corona gestorben). Alle anderen Länder liegen Meilen dahinter (es folgt Dänemark mit 0,043%, Finnland mit 0,0139%, Norwegen mit 0,0116% und am besten Island mit 0,008%).

Das finnische Fernsehen hat in seiner Sendung MOT finnische Krankenschwestern interviewt, die in Schweden in Altersheimen arbeiten. Mit Tränen in den Augen erzählen diese, dass ihnen von der Leitung verboten wurde, an Corona Erkrankte ins Krankenhaus einliefern zu lassen. Sie sollten einfach sterben gelassen werden. Es ist natürlich nicht nur Finnland, das dieses Geschehen kritisiert, auch im eigenen Land gibt es überaus kritische Stimmen, die der Opferung von Menschenleben – und zwar von den Verletztlichsten – auf dem Altar der Wirtschaft nicht zuschauen wollten.

Die internationalen Schlagzeilen blieben nicht aus: „Kein Land für Ältere“, (https://nautil.us/issue/85/reopening/no-country-for-old-people ) oder „Ärger in Schweden wo Ältere den Preis für die Corona-Strategie zahlen https://www.theguardian.com/world/2020/apr/19/anger-in-sweden-as-elderly-pay-price-for-coronavirus-strategy ), um nur einige zu nennen.

Interessant ist, dass Schweden zu Beginn der Corona-Krise auf Finnland Druck ausüben wollte, auf dem schwedischen Weg mitzugehen. Das haben finnische Politiker berichtet, bis hin zum Präsidenten. So versuchte man die Finnen zu überzeugen, die Schulen am 13.3.2020 nicht zu schließen ( https://www.kauppalehti.fi/uutiset/raportti-paljastaa-nain-ruotsi-yritti-vaikuttaa-suomen-koronalinjaan/44387abb-14bf-49ff-913b-52761ac34f39 ). Zum Glück ließ sich Präsident Niinistö nicht überzeugen, mit den schwedischen Kurs zu fahren. Seine besonnene und vernünftige Art trifft auf Zustimmung in der Bevölkerung. Auch hat Niinistö bereits erklärt, dass er die Impfung in Anspruch nehmen wird, sobald er an der Reihe sei.

Nach der letzten Umfrage (vom September 2020; https://www.hs.fi/politiikka/art-2000006627910.html  ) von Helsingin Sanomat sind 45% sehr zufrieden und 42% ziemlich zufrieden mit seiner Tätigkeit als Präsident. Premierministerin Marin kommt da „nur“ auf insgesamt 74% sehr oder ziemlich zufriedene – aber das sind natürlich Zahlen, von denen man in anderen Staaten nur träumen kann.

Finnland ist also das einzige Land der Welt, dem also weder die eigenen Toten noch die eigenen Verletzlichen nicht egal sind. Für die Corona-Krise eines der besten Länder der Welt, um diese zu überstehen.

4 Gedanken zu “Warum Finnland Finnland ist

  1. Liebe Claudia,
    interessante Gedanken – danke, dass du sie teilst. Dem letzten Absatz kann ich allerdings in keiner Weise zustimmen. Für Schweden mag der Vergleich zutreffen, aber sicher nicht für die „ganze Welt“. Auch in Deutschland, Österreich und anderen EU-Ländern verzichtet der Großteil der Bevölkerung seit einem Jahr auf vieles, um die „vulnerablen Gruppen“, spricht vor allem die alten Menschen, zu schützen. Ihretwegen haben wir den dritten Lockdown und viele Länder haben sehr viel schärfere Maßnahmen als Finnland, um die verletzlichsten zu schützen. Liebe Grüße, Tarja

    • Liebe Tarja,
      danke für deine Gedanken zum Blog!
      Mein Statement zum Schluss ist exakt so gemeint, wie es da steht. Nämlich, dass es kein anderes Land der Welt gibt, für das BEIDES zutrifft. Es ist eine „sowohl als auch“-Konstruktion. Das schließt ein, dass es jede Menge Länder der Welt gibt, um nicht zu sagen, so gut wie fast alle außer Schweden, die die vulnerablen Gruppen schützen. Aber die Kombination von Achtung der eigenen Toten UND der eigenen Vulnerablen ist das Spezielle. Deutschland steht im internationalen Vergleich sehr gut da, was den Schutz der eigenen Verletzlichen angeht – aber im zweiten Weltkrieg hat man die toten deutschen Soldaten einfach in Russland verscharrt und nicht nach Hause geholt. Deswegen kann ich es hier nicht zusammen mit Finnland aufführen, weil es halt nicht BEIDE Bedingungen erfüllt. Ich hätte nie gedacht, dass meine Formulierung falsch verstanden werden könnte… aber nun es mir genau das trotzdem gelungen. Das ist wohl ein Risiko, das mit mit einem polarisierenden Blog eingeht, wie ich jetzt merke. Ich glaube aber, dass wir uns in der Sache absolut einig sind. In diesem Sinne liebe Grüße Claudia Sirpa

  2. Liebe Claudia, danke für deine schnelle Antwort. Ah, ich habe die Toten auf die Cvid-19-Toten bezogen und nicht auf die Gefallenen im Krieg! Dann macht dein Absatz natürlich wieder Sinn. Vielleicht ist es auch einfach noch zu früh am Morgen 😉 Herzlichen Dank für die Klarstellung! Liebe Grüße, Tarja

  3. Liebe Claudia, oh, danke für die Erläuterung. Das habe ich tatsächlich nicht so zusammen gesehen. Jetzt weiß ich, was du meinst. Schönes Wochenende! Tarja

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