Das neue Sportmuseum ist einen Besuch wert

Anfang diesen Monats, am 5. Oktober 2020, hat es aufgemacht: Das alte neue Sportmuseum im Olympiastadion. Alt, weil es das Museum schon seit 1943 gibt. Neu, weil es wie das Stadion selbst, fünf Jahre für die Komplettrenovierung geschlossen war.

Nun lädt es ein. Wer eine Führung im Olympiastadion gebucht hat, der hat das Museum automatisch im Programm mit dabei und kann nach der Führung auf eigene Faust bleiben und solange die Medaillen Matti Nykänens (insgesamt 42!) bewundern, wie man Lust und Zeit hat. Dem finnischen Adler sind sogar zwei eigene Vitrinen gewidmet, in der zweiten findet man seine ersten Skis und Skischuhe, die er im zarten Alter von neun Jahren geschenkt bekam. Zu ihm und seinem Leben voll Höhen und Tiefen auch mein bereits schon erschienener Blog: https://claudiashelsinki.com/2019/03/03/zwei-adler/

Die wichigsten der Medaillen des weltweit besten Skispringers der Geschichte
Matti Nykänens erste Skis

Alle Exponate und Vitrinen sind nicht nur auf Finnisch, sondern auch auf Englisch beschriftet.

Nichts anderes eint die Finnen wie der Sport. Das merkt man in diesem kleinen, aber sehr feinen Museum.

Es zeigt von einem der ältesten jemals gefundenen Skis (ein noch älterer ist im Nationalmuseum zu sehen) bis zu modernen Sportarten wie Computerspielen die ganze Palette des Sports. Der circa 2000 Jahre alte Ski erinnert übrigens erstaunlich an ein Snowboard!

Links der circa 2000 Jahre alte Ski, jeder Jugendliche erkennt hier ein Snowboard!

Natürlich haben Olympiagewinnerinnen und Gewinner einen besonderen Stellenwert in diesem Museum. Von den ersten Gewinnern, die 1920 in Antwerpen die Goldmedaille im Eispaarlauf gewannen, bis zu dem jüngsten Gewinner, dem Skiläufer Iivo Niskanen, der 2018 in den Winterspielen von Pyeongchang die klassische 50km- Strecke gewann. In dieser Disziplin liegt Finnland übrigens auf der ewigen Medaillenliste auf dem undankbaren vierten Platz, nach Norwegen, Russland und Schweden. Wobei die letzten beiden da gerade stören (siehe https://claudiashelsinki.com/2018/02/24/hauptsache-die-schweden-sind-raus/).  

Wobei die allererste Goldmedaile des jungen Staates Finnland eine ganz besondere Beziehung zu Deutschland hat, weil die junge Eiskunstläuferin, die 1920 zusammen mit ihrem Mann Walter Jakobsson Gewinnerin war, in Potsdam als Ludowika Antje Margareta Eilers geboren war. Sie lernte ihren Mann in Berlin kennen. „Ludowika und Walter Jakobsson zogen 1916 von Berlin nach Helsinki, wo Walter als technischer Direktor bei Kone OY (heute Konecranes), einem der größten Herstellern von Kränen weltweit, wirkte. Ludowika erschien in den Zwanzigern in einigen finnischen Stummfilmen.“ (Wikipedia)

Ein besonderes Augenmerk wird natürlich auf die Olympiade von 1952 gerichtet. Haben Sie gewusst, dass die Fackeln von Helsinki die seltensten Fackeln überhaupt sind? Es wurden nur insgesamt 23 Exemplare hergestellt, 16 silberne und sieben aus Messing. Beachten Sie den Griff aus Karelischer Maserbirke (Betula pendula var. carelica). Über diese seltene Birkenart wird es auch einen eigenen Blog-Beitrag geben.

Auch das Thema „Heldentum“ wird angesprochen. Schön, dass an einer Wand aus einem bekannten Lied der Gruppe „J. Karjalainen“ zitiert wird: „Wir sind alle Helden, wenn man sich nur in die Augen schaut, wir sind alle Helden des Lebens, ein jeder von uns.“ (wobei die finnischen Formen ja geschlechtsunabhängig sind und automatisch Frauen miteinbeziehen, siehe https://claudiashelsinki.com/2020/03/14/sprachvergleich-finnisch-deutsch-anhand-der-frequenzlisten-des-wortschatzes/).

Formel 1-Fans kommen natürlich auch auf ihre Kosten.

Was ich besonders schön fand, war, dass auch die mit dem Sport verbundenen Gefühle vorgestellt werden: Von Scham über Sisu (siehe mein Blog: https://claudiashelsinki.com/2019/11/02/unueber-setzbare-woerter/) bis zum Schmerz findet man in „Gefühlsschließfächern“ auch die Schattenseiten des Sports. Also nicht nur Perfektionsstreben und die Goldmedaillengefühle, sondern auch den Eisberg an negativen Gefühlen, die in den meisten Museen unsichtbar bleiben.

Wer das Museum finden möchte, im Internet unter https://www.urheilumuseo.fi/ , auf Englisch unter: https://www.urheilumuseo.fi/en/.

Und im echten Leben findet der Navigator das Museum unter dieser Adresse, offen ist es montags bis freitags von 10 bis 18, samstags und sonntags 11 bis 17 Uhr:

Olympiastadion
Paavo Nurmen tie 1
00250 Helsinki
+358 9 434 2250
urheilumuseo(at)urheilumuseo.fi

Der Eintritt kostet 14 Euro, Jugendliche und Kinder unter 18 kommen kostenlos herein. Ermäßigter Eintritt von 10 Euro für Studierende, Rentner, Arbeitslose und Gruppen. Sowohl mit der Helsinki-Karte als auch mit der Museumskarte ist der Eintritt kostenlos.

Und wenn Sie in Finnland ganz viel Glück haben, dann kann es Ihnen sogar passieren, dass sie von einem Olympiagewinner chauffiert werden. Jouko Karjalainen, zweimaliger Olympiasilbergewinner im Biathlon (Lake Placid 1980 und Sarajevo 1984), chauffiert ab und zu auch Busse mit Gästen durch Helsinki, ich habe bereits mehrmals mit ihm zusammen gearbeitet.

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