Die Rentier-App Lapplands

Letzte Woche ging es um die Testung der neuen Corona-App in Finnland (siehe Pilotprojekt zur Testung der Tracing App Ketju beginnt diesen Mai ). Dieses Mal geht es auch um eine App, die zur Verhinderung von Verkehrsunfällen mit Rentieren entwickelt worden ist.

 

Immerhin 36% von Finnland sind Rentierzuchtgebiet, und leider passieren im Jahr circa 4000 Unfälle, die nur bei den Autos alleine Schäden in Höhe von 15 Millionen Euro verursachen. Durch gestorbene Rentiere gibt es außerdem einen Verlust von 100.000 kg Rentierfleisch. Größter Sponsor der App ist bezeichnenderweise dann auch eine der großen finnischen Versicherungen.

Die App Porokello („Rentierglocke“) feiert dieses Jahr ihr dreijähriges Bestehen und kann als voller Erfolg verbucht werden. Sie hat zwei Preise gewonnen, einmal den Preis der Polizei für Verkehrssicherheit 2017 und zum zweiten eine Auszeichnung der Interessensgemeinschaft für Transport- und Logistikunternehmen (Poliisin vuoden liikenneturvallisuuspalkinto 2017 & SKAL ry:n Kuljetuskuutio 2017).

 

So kann man Rentiere vom Hotelfenster aus beobachten, beachten Sie die gute Tarnfarbe!

Wie funktioniert sie?

Man kann die App nur als „Warnungsapp“-Nutzer verwenden, sich aber auch als „Warner“ registrieren lassen. Zu Beginn der Entwicklung der App ab 2016 konnten sich zum Beispiel Berufskraftfahrer und auch die Fahrer der Schulbusse freiwillig melden, um an der Entwicklung teilzunehmen. Nun ist das Projekt so weit, dass jeder Freiwillige mitmachen kann. Die „Warner“, derzeit mehr als 5000 Personen, tippen bei Sichten von Rentieren die grüne Taste, danach ist diese Rentierwarnung jeweils eine halbe Stunde im Umkreis von 750 Metern gültig. Fährt man als einfacher Nutzer über die „Grenze“ des Warnungsbezirks, ertönt eine Glocke, in gewisser Weise ähnlich den Kuhglocken in der Schweiz. Nun weiß man, dass man den Straßenrändern erhöhte Aufmerksamkeit zukommen lassen sollte. Die Rentiere sind durch ihre brau-graue Farbe nämlich enorm gut getarnt und auf weite Entfernung kaum von einem Stein oder der Erde zu unterscheiden. Nur weiße sind besser zu erkennen, aber auch sehr selten!

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Beim längeren Fahren in Lappland entwickelt man natürlich ein „Rentierauge“, mir geht es aber jeden Sommer so, dass ich bei der ersten Lapplandfahrt des Sommers im Vergleich zum Busfahrer oder der Busfahrerin ein wenig länger suchen muss, um das Rentier zu spotten. Nun ja, die Busfahrerin meines Vertrauens in Lappland hat einen Rentierzüchter zum Mann, da habe ich eine wahre Expertin neben mir. Nach dem ersten Sommer mit ihr wusste ich dann schon Dinge über Rentiere, die nicht auf Wikipedia zu finden sind. Die Frage über Rentiere, die sie nicht beantworten kann, gibt es einfach nicht (bei der Gelegenheit: Schöne Grüße vom Süden in den Norden an Mirja von Ylläs Express!).

 

Warum sind die Rentiere überhaupt so gerne auf der Straße? Rentiere sind zum einen zwischendurch auch mal gerne faul, warum durchs unwegige Gelände, wenn es auf der Straße so viel einfacher geht. Der dunkle Asphalt erhitzt sich im Frühjahr durch die Sonne auch und lockt als „beheizte Ausruhbank“, als noch mehr gesalzt wurde im Winter kamen die Rentiere auch, um das Salz der Straße zu lecken. Später im Jahr, wenn die halbwüchsigen männlichen Jungtiere vom Muttertier verstoßen werden, suchen sich die Jungbullen ein eigenes Territorium und tuen sich oft in sogenannten „Junggesellenbanden“ zusammen. Im Herbst dann folgen die Rentierbullen den Damen und sind dabei oft sehr unvorsichtig, was den Verkehr angeht… wenn es um die Damen geht, hat so mancher Kopf und Kragen aufs Spiel gesetzt.

 

Für mich als Fremdenführerin in Lappland ist es eine der nützlichsten Apps überhaupt und eignet sich für jeden Lapplandbesucher. Ertönt keine Glocke, kann ich mit meinem Bericht von der finnischen Geschichte weitermachen, ertönt die Glocke, mache ich den Satz zu Ende und bin jederzeit bereit, auf auftauchende Rentiere hinzuweisen. Im Mai werden die kleinen Rentiere geboren und je früher man in der Saison fährt, desto kleiner sind die Rentierbabys. Sie wachsen dann sehr schnell, auch dank der enorm gehaltvollen Rentiermilch mit einem Fettgehalt von circa 20%.

 

Einziger Nachteil der App ist natürlich, dass sie logischerweise nur funktioniert, wenn die Ortungsdienste eingeschaltet sind. Und das bedeutet, dass der Akku schneller leer ist, das also bitte beachten.

 

Die Natur Lapplands erträgt keine unbegrenzte Menge von Rentieren. Deren Hauptnahrung sind Flechten, und die wachsen hier im Norden durchschnittlich nur einen Millimeter im Jahr! Daher gibt es eine Verpflichtung, nie mehr als 200.000 Rentiere in Finnisch-Lappland zu halten – und das bedeutet natürlich, dass ein beachtlicher Anteil der Jungtiere vor dem Winter geschlachtet werden muss. Sonst würden sie im Winter an Futtermangel eingehen. Wer Rentierfleisch isst, konsumiert daher ein Tier, das ein völlig natürliches Leben gehabt hat, dass bio ist, ohne als bio gekennzeichnet zu sein. Rentierfleisch ist von seinem Nährstoffgehalt sowohl Rind als auch Schwein überlegen. Es hat nämlich nur 2-4% Fett, dafür aber mehr von allen guten Dingen, so kann man zum Beispiel mit einer Portion von 100 Gramm Rentierleber den Eisenbedarf von zwei bis drei Tagen decken (Milla Niemi: Poronlihan ja poronmaidon koostumus, 07/2007, Universität Helsinki, Institut für Lebensmitteltechnologie (Elintarviketeknologian laitos), geladen von der Seite der Rentierhaltergenossenschaften https://paliskunnat.fi/poro/pororuoka/poronliha/ . Besonders hoch ist auch der Anteil der Spurenelemente Kupfer und Selen sowie an Vitamin B1 und B2.

 

Und für den Fall, dass Sie noch Bedenken wegen der Nachfolgen von Tschernobyl haben: Das finnische Amt für Strahlenschutz misst regelmäßig und hat festgestellt, dass die Werte mittelweile geringer sind als in der Zeit vor 1986! So ist der Durchschnittswert von 1994 von damals 400 Becquerel pro Kilo auf 100 Becquerel im Jahre 2007 gesunken (der von der EU zugelassene Maximalwert ist 600 Becquerel, Säteilyturvakeskus 2007). Eventuelle Bedenken bestehen nur, wenn ein Großteil der täglichen Ernährung aus Rentierfleisch besteht, und das wird für Sie als Lapplandbesucher ja nicht der Fall sein. Sie können also in Lappland mit gutem Gewissen Rentierfleisch genießen. Und hier noch die kulinarische Komponente: Wer Wild mag, der wird auch Rentier mögen. Ebenso gilt der Umkehrschluss: Wer kein Wild mag, wird dem Rentiergeschmack auch nichts abgewinnen können.

Selbstverständlich ist die kostenlose App sowohl für Android als auch für iOS verfügbar und außerdem auch noch mit dem Navigator verbindbar (V-Traffic).

Ja, und natürlich tut es weh, dass ich diesen Sommer nichts von alledem meinen Gästen zeigen kann, weil es gar keine Gäste gibt. Alle geplanten Reisen sind derzeit bis in den Juli hinein abgesagt, und auf die letzte Absage warte ich noch. Da wäre zunächst eine Kreuzfahrt mit der Hanseatic Nature gewesen, die ich als Lektorin begleitet hätte und dann später eine kombinierte Lappland- und Hurtigruten-Reise. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Ich freue mich jetzt schon darauf, wenn es wieder funktioniert und ich meine Gäste begrüßen kann.

 

Hier noch ein englischsprachiges Video über die App:

 

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