Manta wurde dieses Jahr virtuell bemützt

Wer an einem 30. April und 1. Mai schon einmal in Helsinki gewesen ist, kann sich mit Sicherheit daran erinnern. Die Abkürzung von Walpurgis ist auf finnisch Vappu und so wird der 1. Mai hier genannt. Der 1. Mai ist hier ein ganz besonderer Feiertag. Der typische 1. Mai aus Deutschland als Tag der Arbeit ist hier nur ein kleiner Teil davon. Der viel wichtigere und sichtbarere Teil ist der Feiertag der Studierenden, die finnische kleine Schwester des Karnevals und der traditionelle Beginn des Sommers.

Hier die übliche Choreographie:

Zunächst deckt man sich für Vappu mit ausreichend Alkohol ein, am besten mit einer vorhergehenden Fahrt nach Tallinn.

 

Am Nachmittag des 30. April geht es für die Studierenden los. Man zieht seinen Studentenoverall an, ein Art Uniform. Dieser Overall eignet sich für alle studentischen Veranstaltungen. Es gibt Overalls nach der Institution der höheren Bildung (so tragen alle Studierenden meiner Fachhochschule einen einfach zu erkennenden Overall), dem Studienfach (Medizinstudenten haben einen in weiß, Theologiestudenten in lila usw.) oder nach der Zugehörigkeit in einer Landsmannschaft (meist die Farben der Provinz, aus der man stammt, so besitze ich einen Savo-Overall, weil ich Mitglied bei der Savolainen Osakunta bin, die Studierende aus der finnischen Provinz Savo vereinigt; bitte nicht verwechseln mit studentischen Verbindungen!). Der Overall nimmt einem die Entscheidung ab, was man denn anziehen kann. Und man findet seine Kommilitonen auch viel einfacher wieder, weil man nur nach der richtigen Farbe suchen muss.

Dann begibt man sich möglichst in guter Gesellschaft Richtung Innenstadt, um mitzuverfolgen, wie Havis Amanda, im Volksmund Manta genannt, ihre Studentenkappe aufgesetzt wird.

Havis Amanda ist die Statue einer jungen Frau, in einem Springbrunnen und von Seelöwen umgeben und befindet sich am Ende der beiden Esplanaden, direkt vor dem Marktplatz. Das Bassin des Springbrunnens ist aus finnischem roten Granit, der international „Balmoral Red“ genannt wird (weil das gleichnamige schottische Schloss der Queen aus dem schottischen Pendant dieser Granitsorte gebaut ist). Sie war die erste Statue einer nackten Frau, die in Helsinki aufgestellt wurde und sollte Helsinki, die Tochter der Ostsee, verkörpern. Ville Vallgren, der Bildhauer, hatte einige Zeit in Paris verbracht, und von dort den Hauch der großen, weiten Welt mitgenommen, zu dem auch eine gewisse Freizügigkeit gehörte, die aber bei den Bürgersfrauen 1908 nicht gut ankam. Forderungen, die Statue an einem weniger prominenten Ort aufzustellen, wurde aber – zum Glück – nicht nachgegeben.

HotelzimmerHavisAmanda

Normalerweise ist dann auch schon das finnische Fernsehen dabei, um das gesamte Geschehen life zu filmen. Es beginnt mit dem Waschen der Statue durch eine vorher sorgsam ausgesuchte Gruppe von Studierenden. Die Studierendenvertretungen der verschiedenen Universitäten wechseln sich dabei in einem genau abgestimmten Rhythmus ab. Seit 1990 passiert das Waschen mit Hilfe eines Krans, weil die Bronzestatue schon Alterserscheinungen zeigt und man befürchtet, dass das Klettern auf ihr sie beschädigen könnte. Dann bekommt sie eine Studentenmütze oder Kappe aufgesetzt, in der für sie passenden Größe, seit 1978 passiert das immer genau um 18 Uhr. Das ist dann das Signal, dass alle Anwesenden – in der Regel halten sich mehrere Zehntausend im Zentrum auf – sich ihre eigene Studentenmütze aufsetzen dürfen. Es handelt sich um eine weiße Mütze mit schwarzem Rand, eine solche Mütze erhält man zum bestandenen Abitur geschenkt. Früher verwendeten die Studenten diese Mütze während des gesamten Sommers als Kopfbedeckung, aber nun beschränkt sich die Verwendung auf bestimmte Feierlichkeiten.

 

Der japanische Künstler Tatzu Nishi baute 2014 rund um die Statue von Havis Amanda ein provisorisches Hotelzimmer. In der Nacht konnte man das Zimmer um 130 Euro als Hotelzimmer buchen, am Tag funktionierte das Zimmer als Ausstellungsraum, den jeder besuchen konnte. Meine Fotos stammen von diesem Event.

BettgeflüstermitNixe

Die Zeit titelte „Bettgeflüster mit Nixe“

Was gab es dieses Jahr?

Ein anderer erste Mai – Distanz-Vappu

Die Schiffe zwischen Tallinn und Helsinki transportieren nur Fracht, also muss man sich den Alkohol, wenn man denn unbedingt welchen will, teuer beim Alko besorgen.

 

Das Studentenkappenaufsetzen wurde kurzerhand in die Hände der Kunststudierenden gegeben. Diese errichteten einen virtuellen Raum, Havis Amanda wurde kurzerhand auf den Senatsplatz befördert, an die Stelle der Statue von Alexander dem Zweiten, was im Netz bei vielen gar nicht gut angekommen ist. Mit Unterstützung der Virtual Reality Firma Zoan (https://zoan.fi ) und den Kunststudierenden organisierte die Stadt Helsinki das Event online. Den virtuellen Senatsplatz und die Stadtkulisse lieferte Zoans Projekt Virtual Helsinki, hier können Sie selbst schauen, wie gut es gelungen ist: https://zoan.fi/work/virtual-helsinki/ . Das Publikum konnte interaktiv auf die eigenen auf dem Senatsplatz feiernden Avatare Einfluss nehmen und zum Beispiel deren Hände heben oder Herzen steigen lassen. Auch der Bürgermeister machte mit und als Abrundung gab es dann noch ein Konzert des finnischen Duos JVG, vorm Green Screen aufgenommen, und virtuell auf dem Senatsplatz.

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In seiner Gesamtheit handelt es sich wahrscheinlich um das bisher virtuellste Volksfest in Zeiten von Corona. In diesem Sinne: Halten Sie durch!

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