Wie Finnland zur Berlusconi-Pizza gekommen ist

2002 wurde die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit gegründet, infolge einer Reihe von Lebensmittelkrisen in den späten 1990er Jahren.

Nun stellte sich die Frage, in welchem Land und natürlich auch in welcher Stadt die Behörde ihren Sitz haben solle. Nach einem alten Prinzip der EU versucht man, jedes Land mit dem Sitz einer Agentur oder Behörde zufrieden zu stellen, Finnland als noch relativ  neuer Mitgliedstaat wäre „an der Reihe gewesen“. Finnland bewarb sich mit Helsinki, Italien schickte Parma ins Rennen. Dabei hatte Italien bereits mit der 1994 gegründeten Stiftung für Berufsbildung in Turin den Sitz einer europäischen Agentur. Noch 2003 war der finnische Premierminister Vanhanen ziemlich sicher, dass Helsinki gute Karten habe, Sitz der neuen Agentur zu werden.

Aber: Zwischen 2001 und 2006 war Berlusconi Ministerpräsident Italiens und versuchte nun, mit allen Mitteln die Agentur in sein Heimatland und die Heimatstadt des Prosciutto-Schinkens und des Parmesan-Käses zu bekommen. In Interviews bei einer Feier in Parma erklärte er, dass er bei Treffen mit der damaligen finnischen Präsidentin Tarja Halonen alle seine „Playboy-Verführungskünste“ angewendet zu haben. Im Sommer 2005 machte er abfällige Bemerkungen über die finnische Küche, die er während eines Politikertreffens hier „aushalten habe müssen“.

Darüber hinaus erklärte er, dass die Finnen den Italienern in kulinarischen Belangen doch offenkundig unterlegen seien und bestenfalls als Gastgeber einer EU-Behörde für Mannequins in Frage kämen.

Es folgte ein Vergleich zwischen finnischer und italienischer Küche und abfällige Bemerkungen über geräuchertes Rentier, eine finnische Spezialität. Und: In Parma begann man schon mit den Bauarbeiten für ein Gebäude, bevor die offizielle Entscheidung gefallen war.

2008 legte Berlusconi während einer EU-Ministerratssitzung nach: Finnland wisse ja nicht einmal, was Prosciutto sei. Die größte finnische Tageszeitung konterte mit einer einseitigen Anzeige mit dem Text „Prosciutto ist Schinken. Reicht es Berlusconi wenn 1,2 Millionen Finnen das jetzt wissen?“

Das Ergebnis: Parma bekam die Behörde. Weil aber jeder Mitgliedstaat „etwas bekommt“, wurde auch bei den 1995 Mitglied Gewordenen verteilt.

Schweden bekam 2004 das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten nach Stockholm. Als „Entschädigung“ für die verlorene Lebensmittelbehörde erhielt Helsinki 2006 die Europäische Chemikalienagentur (ECHA).

Und Österreich bekam dann 2007 die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte nach Wien.

2008 wurde die Zeit reif für eine kleine, aber feine „Rache“ an dem Coup Berlusconis.

Die größte Pizza-Restaurantkette Skandinaviens names Kotipizza (die wortwörtliche Übersetzung lautet „Heimpizza“), eine finnische Firma,  benannte ihre Pizza mit geräuchertem Rentier Pizza Berlusconi.

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Mit genau dieser Pizza gewann Kotipizza im März 2008 den Pizzawettbewerb America’s Plate International in New York und schlug damit die italienische Mannschaft, die den zweiten Platz belegte. Am Wettbewerb hatten große Pizzaketten aus fünf verschiedenen Ländern der Welt teilgenommen.

Die italienische Zeitung Corriere Della Sera kommentierte: „Rentierpizza, die heiß servierte Rache“ (hier der Originalartikel: https://www.corriere.it/cronache/08_giugno_11/finlandia_pizza_renna_berlusconi_464cdb58-37be-11dd-a7f3-00144f02aabc.shtml ). Die Finnen hätten die Aussagen Berlusconis nicht vergessen, in denen er die „nordische“ Essenskultur niedergemacht habe. Die Kampagne wurde auch in anderen italienischen Medien beachtet.

Der Belag der Pizza wird neben Käse mit geräuchertem Rentierfleisch, Pfifferlingen und roten Zwiebeln gestaltet, der Pizzaboden hat besonders viel Ballaststoffe. Er wird aus Prinzip „ohne Eier“ hergestellt und so lautet auch ein Werbeslogan für die Pizza: ”Berlusconi hat keine Eier!” Das Finnische verfügt ja nicht über Artikel, deswegen ist es immer „Berlusconi“ und nie „der Berlusconi“ oder „die Berlusconi-Pizza“, wie über sie im Deutschen geredet werden würde.

Falls Sie also bei ihrem nächsten Finnlandurlaub bei einer Kotipizza vorbeikommen, dann lassen Sie es darauf ankommen und probieren Sie die „Berlusconi“. Guten Appetit!

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